Die Ölvorräte der Industriestaaten sind infolge des Iran-Kriegs auf den tiefsten Stand seit Jahrzehnten gefallen. Gleichzeitig erwartet die Internationalen Energieagentur den stärksten Rückgang der weltweiten Nachfrage seit der Corona-Pandemie.
Der Iran-Krieg hat die Ölvorräte in den Ländern der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) massiv schrumpfen lassen – im Mai fielen sie auf den niedrigsten Stand seit 1990. Das geht aus dem Monatsbericht der Internationalen Energieagentur (IEA) hervor.
Bis zum 12. Juni sanken die weltweit erfassten Lagerbestände demnach um 252 Millionen Barrel. Allein aus den Vorräten der OECD-Staaten wurden 163 Millionen Barrel entnommen, um ausgefallene Lieferungen aus der Golfregion auszugleichen. Die Vorräte schrumpften damit nach Angaben der IEA „im Rekordtempo“ – obwohl zugleich die weltweite Ölnachfrage deutlich zurückging.
IEA erwartet stärksten Nachfrageeinbruch seit 2020
Ihre Prognose für die weltweite Ölnachfrage in diesem Jahr hat die Energieagentur derweil erneut reduziert. In diesem Jahr dürfte die Nachfrage wegen der höheren Preise und der teilweise unterbrochenen Lieferketten um durchschnittlich 1,1 Millionen Barrel (159 Liter) pro Tag sinken.
Das wäre ein Rückgang um rund ein Prozent und damit das stärkste Minus seit 2020, als die Corona-Pandemie die Weltwirtschaft zeitweise lahmgelegt hatte. Die IEA hatte bereits im Mai die Prognose für die Ölnachfrage weltweit auf minus 420.000 Barrel am Tag gesenkt. Zu Beginn des Jahres und damit vor dem Iran-Krieg hatte der Verband noch mit einem Anstieg um 770.000 Barrel pro Tag gerechnet.
IEA nennt Iran-Krieg größte Energiekrise der Geschichte
IEA-Chef Fatih Birol hat die Auswirkungen des Iran-Kriegs als „größte Energiekrise“ in der Geschichte bezeichnet. Die Agentur mit Sitz in Paris hat die Freigabe von 400 Millionen Barrel Öl aus den Reserven ihrer 32 Mitgliedsländer koordiniert.
Nach der Einigung zwischen den USA und dem Iran auf ein Rahmenabkommen forderte Birol am Dienstag die „bedingungslose“ Öffnung der Straße von Hormus. Deren weitgehende Blockade durch den Iran hat den weltweiten Anstieg der Ölpreise ausgelöst.
Ukrainische Angriffe bremsen Russlands Ölförderung
Unterdessen ist die russische Ölförderung im vergangenen Monat wegen verstärkter ukrainischer Angriffe auf die Energieinfrastruktur um rund fünf Prozent im Vergleich zum Vorjahr gesunken. Der IEA zufolge belief sie sich auf 8,7 Millionen Barrel pro Tag und lag damit zehn Prozent unter der Zielvorgabe für Mai.
Die Ukraine greife mit Langstreckendrohnen inzwischen auch weiter im russischen Landesinneren gelegene Fördergebiete an, betonte die IEA – und senkte vor diesem Hintergrund ihre Prognose für die russische Rohölförderung in diesem Jahr um 200.000 Barrel auf täglich 8,95 Millionen Barrel.
Hohe Ölpreise steigern Russlands Exporteinnahmen
Die Einnahmen aus den Ölexporten sanken im Monatsvergleich um 710 Millionen Dollar auf 20,8 Milliarden Dollar, lagen jedoch um 65 Prozent über dem Niveau des Vorjahres. Dabei profitierte Russland von den im Zuge des Iran-Kriegs gestiegenen Preisen.
Russland will im Juni Insidern zufolge die Rohölexporte drosseln und die Raffinerieproduktion angesichts drohender Treibstoffengpässe ankurbeln. Die Führung in Moskau hatte zuletzt die Ausfuhr von Flugtreibstoff bis zum 30. November verboten und die Ausfuhr von Benzin eingeschränkt.
