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Party-Brasilien bleibt WM-Rätsel: Pardon, aber es war doch nur Haiti …

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 20, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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Party-Brasilien bleibt WM-Rätsel

Pardon, aber es war doch nur Haiti …

20.06.2026 | 11:47 Uhr

Nach dem Auftaktspiel gegen Marokko schrillen erste Alarmglocken bei der Selecao. Wie ein Titelfavorit spielt die brasilianische Mannschaft nicht. Die Aufgabe Haiti löst sie dann aber souverän. Um ein Tor gibt es Diskussionen.

Man muss die Feste feiern, wie sie fallen. Das gilt vermutlich auch im partyfreudigen Brasilien. Dann also Haiti! Raus aus der Fußball-Depression, die das Land eine Woche in Haft genommen hatte. Mit 3:0 wurde der WM-Zwerg besiegt. In der ersten Halbzeit traf Matheus Cunha zweimal, Vinicius Junior legte unmittelbar vor der Pause nach. Vergessen war das 1:1 zum Auftakt gegen Marokko. Vergessen war die heiße Kritik aus der Heimat. Nun Erlösung, Party, ein erster WM-Rausch.

„Das Ergebnis war nicht wie erwartet. Ich wurde kritisiert. Ich war ein wenig traurig“, hatte Trainer-Maestro Carlo Ancelotti nach dem vergeigten Auftakt gesagt. „Aber man gewinnt die Weltmeisterschaft nicht im ersten Spiel.“ Nun, im zweiten vermutlich auch nicht. Aber: Brasilien hat geliefert, manchmal gezaubert. Und Ancelotti durfte sich für seine Prophezeiung selbst auf die Schulter klopfen. Er glaube, hatte er gesagt, „dass die Selbstkritik der Spieler und des Trainers auf positive Weise erfolgt ist“.

Es braucht Cunha, um die Party zu eröffnen

Und wie das bei einer guten Party so ist, wird die Tanzfläche nicht sofort gestürmt. Man wartet auf den Opener-Song vom DJ. Brasilien tat sich gegen die tief und diszipliniert verteidigenden Inselkicker zunächst schwer. Der Flügelstürmer rannte zweimal ins Abseits, ein Tor erzielte er dabei. Es wurde natürlich nicht anerkannt. Den DJ gab dann Cunha, früher bei RB Leipzig, Hertha BSC und inzwischen bei Manchester United.

Real-Star Vinicius Jr. krönt souveränen Auftritt Brasiliens

Bei seinem ersten Treffer hatte er noch Glück, dass Haitis Schlussmann Johny Placide einen Schuss von Vinícius Júnior nach vorn abwehrte. Cunha nutzte das und blockte den Ball aus einem Zweikampf heraus über die Linie. Allerdings traf er dabei sehr viel Bein seines Gegenspielers. Im „Breakfast Club“ bei MagenaTV sprachen sowohl Ex-Schiedsrichter Patrick Ittrich als auch Leverkusens Spieler Jonas Hofmann von einer Fehlentscheidung des Schiedsrichters, den Treffer anzuerkennen.

Beim 2:0 waren die Dinge dann aber unstrittig. Cunha hämmerte die Kugel unhaltbar in den linken Winkel. Wie gigantisch der Druck war, der auf der Selecao lastete, offenbarte sich im ekstatischen Jubel nach den Treffern. Nicht nur die Feldspieler, sondern auch sämtliche Reservisten kamen euphorisch angestürmt. Doch nach und nach wurde bei der Selecao aus Last wieder Lust. Aber: Wie ein Titelkandidat hatte sich die Selecao auch in diesem Spiel nicht präsentiert. Zumal auch der Gegner, Pardon, nur Haiti war. Also kein Fußball-Schwergewicht.

Sorgen um Superstar Raphinha

Dennoch: Die Sorgen vor einem ähnlichen Debakel, wie es die ambitionierte Türkei nur wenige Stunden erlebte, sind vorerst verflogen. Brasilien liegt klar auf Kurs K.-o.-Runde. Aber die Selecao wäre nicht die Selecao, wenn nicht immer irgendwas los wäre. So bangt das Team nach dem Spiel um Raphinha. Nach 40 Minuten hatte sich der Starspieler des FC Barcelona ohne erkennbare Fremdeinwirkung plötzlich auf den Rasen gesetzt und war daraufhin von Rayan ersetzt worden. Offenbar hatte sich der 29-Jährige am rechten hinteren Oberschenkel verletzt, laut „Globo“ bereite die Blessur dem Trainerstab „Sorgen“. Carlo Ancelotti blieb im Vagen: „Wir müssen ihn untersuchen und werden es sehen. Vorerst wissen wir nicht, was passiert ist.“

Ein möglicher Ersatz für den Worst Case: Neymar! Die verletzte Legende steht womöglich vor einem Comeback im letzten Gruppenspiel gegen Schottland. „Ney ist ein sehr wichtiger Spieler für uns“, verkündete Vinícius Jr.: „Wir hoffen, dass er im nächsten Spiel dabei sein kann. Wir freuen uns über seine Entwicklung. Dass er zum Kader gehört, ist für uns sehr wichtig. Er ist mein Idol und hat mich immer sehr unterstützt.“ Er hoffe, dass Neymar dem Team „im weiteren Verlauf der Weltmeisterschaft hilft“. Zuvor hatte der alternde Superstar, seit Wochen a.D., noch Spott über sich ergehen lassen müssen. Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva sagte vor Publikum: „Ich habe gestern gelesen, Neymar sei der erste ins Homeoffice berufene Spieler der Welt.“ Es wurde laut gelacht.

Cunha versöhnt sich mit der Selecao

Gut lachen hatte derweil Doppeltorschütze Cunha: „Bei einer WM Tore zu schießen und meiner Mannschaft zu helfen – das ist alles, wovon ich je geträumt habe“. Er sei „sehr dankbar“, dass er die „kleinen Augen“ seiner Familie „voller Tränen“ gesehen habe. Nach seinem ersten Doppelpack für die Nationalmannschaft empfand Cunha auch etwas Genugtuung, 2022 hatte er die WM ja noch verpasst. Und das mit ihm und der Selecao, es war bis zu diesem Abend in Philadelphia nicht immer eine Erfolgsstory.

Einst hatte ihn Leipzig als 19-Jährigen in die Bundesliga geholt. Es folgte der Wechsel zu Hertha BSC. Seine großen Qualitäten blitzten immer wieder auf, Vorwürfe der taktischen Disziplinlosigkeit und mitunter unberechenbare Leistungen ließen ihn aber nie los. Der ehemalige Hertha-Coach Pal Dardai fragte sich sogar mal, wie es Cunha nur geschafft habe, während eines Spiels derart in den „Spaziergang-Modus“ zu schalten. Es folgte eine weitere Zeit der großen Frustration, bei Atlético Madrid, die Berlin damals eine Rekordablöse zukommen ließ. Als sein WM-Traum 2022 platzte, habe er sich „wirklich sehr schlecht“ gefühlt und „sehr gelitten“, gab Cunha im Vorjahr zu.

Brasilien-Haiti 3:0 (3:0)

Tore: 1:0 Matheus Cunha (23.), 2:0 Matheus Cunha (36.), 3:0 Vinícius Júnior (45+3.)

Brasilien: Alisson – Danilo, Marquinhos, Gabriel, Douglas Santos – Casemiro – Guimarães (81. Ederson Silva), Paquetá (64. Martinelli) – Raphinha (40. Rayan), Cunha (64. Endrick), Vinícius Júnior (81. Danilo Santos). – Trainer: Ancelotti

Haiti: Placide – Arcus (46. Simon), Duverne, Adé, Delcroix, Expérience – Casimir (62. Vixamar), Jean Jacques, Bellegarde (81. Etienne), Providence (71. Joseph) – Pierrot (46. Isidor). – Trainer: Migné

Schiedsrichter: Alejandro José Hernández Hernández (Spanien)

Zuschauer: 68.324 in Philadelphia

Gelbe Karten: Douglas Santos – Arcus Carlens, Frantzdy Pierrot, Danley Jean Jacques

Erst als er 2023 nach Wolverhampton wechselte, blühte Cunha auf. Die Wolves, sagte er dem „Guardian“, hätten ihm die Freude zurückgegeben: „Manchmal wollen wir im Leben einfach nur Wertschätzung.“ Die erhielt er in England, auch beim lange kriselnden Riesen Manchester United, für dessen Aufschwung er in der abgelaufenen Saison anders als in Brasiliens Nationalteam als Linksaußen mitverantwortlich war. Und selbst in der Selecao wird er nun geliebt. Als Cunha, der seine Startelfchance nutzte, vom Feld ging, feierten ihn die Anhänger jedenfalls lautstark. Carlo Ancelotti, ein Fan von Cunhas Spielstil und dessen Vielseitigkeit, stellte umgehend klar, dass er gegen Schottland am Mittwoch „natürlich“ wieder im Sturmzentrum beginnen werde.

Verwendete Quellen: ntv.de, tno

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