Sie ist inspiriert von Dubais künstlichen Palmeninseln – nur größer: die künstlich aufgeschüttete Inselgruppe Haihuadao. Heute ist das Projekt ein Symbol für Chinas Immobilienkrise.
Eine Gruppe Rentnerinnen und Rentner am Abend auf einem Platz zwischen Hochhäusern: Im Takt der Musik werfen sie kleine Bälle, die an Gummibänder gebunden sind, vor sich auf den Boden, diese springen dann zu ihnen zurück. Dazu machen sie Tanzschritte. Eine Szene, wie man sie vielerorts in China beobachten kann.
Mildes Klima zieht Rentner an
Ungewöhnlich ist hier vor allem der Ort: Haihuadao. Eine künstlich aufgeschüttete Inselgruppe an der Nordwestküste von Hainan, Chinas südlichstem Landesteil, bekannt für das milde Klima. Hier sind zehntausende Eigentumswohnungen entstanden. Gekauft haben sie viele Rentner aus nördlicheren Teilen Chinas, um den eisigen Wintern dort zu entfliehen.
„Ich habe eine kleine Wohnung gekauft, um den Winter hier verbringen“, erzählt ein Rentnerin aus dem zentralchinesischen Landsteil Henan. „Ich wollte keine große Wohnung, da wir nur zu zweit sind. Unser Kind arbeitet woanders in China und hat wenig Zeit. Deshalb ist die Wohnung, die wir gekauft haben, mit etwas über 50 Quadratmetern recht klein.“
Megaprojekt des Immobilienkonzerns Evergrande
Haihuadao, das heißt wörtlich übersetzt „Meeresblumeninsel“, denn die künstlich aufgeschütteten Inseln sind wie eine Blume geformt. Sie sind inspiriert von Dubais künstlichen Palmeninseln – nur größer. Ein Megaprojekt des inzwischen insolventen chinesischen Immobilienkonzerns Evergrande.
Evergrande versprach viel, als 2015 die Bauarbeiten für das Mega-Projekt begannen. Geplant waren Investitionen von umgerechnet mehr als 20 Milliarden Euro. Doch im Jahr 2021 ging Evergrande im Zuge von Chinas Immobilienkrise das Geld aus.
Da waren die Bauarbeiten auf dem gigantischen Insel-Projekt Haihuadao schon fast abgeschlossen: Neben den Hochhäusern mit Eigentumswohnungen entstanden auf den Inseln ein schlossähnliches Hotel mit 5.000 Zimmern, ein Wasserpark, ein Zirkus und ein Vergnügungspark mit Fahrgeschäften. Es gibt Hochzeits-Locations mit Kirchen-Nachbauten, europäisch anmutende Einkaufsstraßen, eine Shopping-Mall, ein Konferenzzentrum und Villenviertel.
Mahnmale der Immobilienkrise
Doch zehn Jahre später wird ein Großteil der Hotelzimmer nie genutzt, der Vergnügungspark und die Shopping-Mall wurden nie eröffnet. Vieles verfällt. Viele Läden stehen leer, die Einkaufsstraßen sind verlassen, die Villen unbewohnt. Rund 40 Hochhäuser wurden schon wieder abgerissen.
Haihuadao steht symbolisch für Chinas Wachstumsmodell, das an seine Grenzen geraten ist. Das Konzept: erst bauen, in der Hoffnung, dass die Menschen schon kommen. Vielerorts in China ging das nicht auf. Hier auch nicht.
Der Immobilienmarkt, der einst ein Drittel der Wirtschaftsleistung ausgemacht hat, steckt im ganzen Land nach wie vor in der Krise. Preise gehen zurück, ebenso wie Investitionen. In fast jeder Stadt in China gibt es Hochhaussiedlungen, deren Bau mittendrin gestoppt wurde. Geisterstädte, die wie Mahnmale an die Immobilienkrise erinnern.
Zwischen Leerstand und Immobilienmaklern
Zurück im Wohnviertel auf Haihuadao. Hier wurde das meiste fertiggestellt. Doch am Abend fällt auf, dass nur einzelne Wohnungen beleuchtet sind und es offensichtlich viel Leerstand gibt. Auch nicht alle Geschäfte sind belegt. Neben kleinen Läden und Restaurants finden sich hier vor allem Immobilienmakler.
Von Anfang an dabei war Yan Xiaojuan. Die 55-Jährige kommt ursprünglich aus dem Nordosten Chinas und hat zahlreiche Wohnungen im Portfolio. Ganz am Anfang, als das Projekt noch jung war, habe der Quadratmeterpreis für Eigentumswohnungen bei umgerechnet 600 Euro gelegen.
Dann gingen die Preise schnell nach oben, zu Spitzenzeiten habe sie den Quadratmeter für mehr als zu 3.000 Euro verkauft. Bis Chinas Immobilienblase platzte.
Im Jahr 2022 fiel der Preis wieder auf den Ausgangspreis. Heute liege er zumindest leicht darüber, so die Maklerin. „Jetzt verkaufen alle mit Verlust, nur die, die ganz am Anfang gekauft haben, nicht. Die verlieren aber auch, wenn man die Kredit-Zinsen von zehn Jahren miteinbezieht.“
Wer investieren wollte, hat verloren
Die Maklerin schätzt, dass im Winter etwa die Hälfte aller Wohnungen auf der künstlichen Insel dauerhaft leerstehen. Im Sommer würden sogar nur 20 Prozent der Wohnungen genutzt. Wer hier eine Wohnung als reines Investitionsobjekt gekauft hat, hat heute das Nachsehen.
Wer sich eine Wohnung kaufte, um diese selbst zu nutzen, kann vielleicht gelassener auf die Preisentwicklung schauen. So wie Ma Ningrui aus dem nordostchinesischen Landesteil Heilongjiang. Auch sie hat deutlich mehr für ihre Wohnung auf Haihuadao bezahlt, als diese heute wert ist.
„Ich glaube nicht, dass es mich das großartig beeinträchtigt.“ Sie habe die Wohnung, damit sie im Winter herkommen könne. „Ich will die behalten. Es betrifft mich nicht sonderlich, wenn die Immobilienpreise etwas gesunken sind, das ist noch in Ordnung.“

