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Ikonen im Kampf gegen die Zeit: Warum Ronaldo untergeht – und Messi brilliert

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 22, 2026Keine Kommentare7 Minuten Lesezeit
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22.06.2026 | 12:02 Uhr

Der Leistungsunterschied zwischen den ewigen Rivalen Lionel Messi und Cristiano Ronaldo scheint plötzlich groß wie noch nie. Messi trägt Argentinien, Portugal muss Ronaldo tragen. Die Vergangenheit hält eine Erklärung für die neuen Kräfteverhältnisse bereit.

Father time is undefeated, heißt es im US-Sport. Die Zeit ist unbesiegbar. Egal wie gut ein Athlet ist, egal wie hoch er mal springen oder wie schnell er laufen konnte, er wird älter, langsamer, schwächer. Kein Sportler dieser Welt kann diese Entwicklung aufhalten. Auch die beiden bekanntesten Gesichter, die der Fußball in seiner jüngeren Geschichte produziert hat, nicht.

Lionel Messi und Cristiano Ronaldo sind im Laufe ihrer Karriere globale Ikonen geworden. Die Debatte, wer von den beiden der Bessere ist, hält über ein Jahrzehnt Fußball-Fans aller Welt in Atem. Zwischen 2008 und 2017 teilen sich der Argentinier und der Portugiese sämtliche Ballon-d’Or-Trophäen untereinander auf. Sowohl Messi (38 Jahre) als auch Ronaldo (41) spielen ihr mittlerweile sechstes WM-Turnier. Messi hat beim 3:0 des Titelverteidigers Argentinien alle Tore erzielt. Cristiano Ronaldo hat gegen die Elf aus dem Kongo enttäuscht. Die Gretchenfrage des Fußballs drängt sich ein weiteres Mal auf: Woran hat et jelegen?

Konterkiller und Elfmeterkönig

Cristiano Ronaldo hat(te) viele Stärken. Als absoluter Weltklasse-Flügelspieler wechselt der junge Portugiese 2009 zu Real Madrid. Im Trikot der Königlichen wird er zum womöglich besten Stürmer aller Zeiten. Ausgestattet mit der Physis einer griechischen Sagengestalt und einem phänomenalen Gespür dafür, wo der Ball als Nächstes sein wird, versetzt er gegnerische Abwehrreihen in Angst und Schrecken. Reals Fokus auf schnelle Umschaltmomente nach vorne betont jedoch nicht nur Ronaldos Stärken, er kaschiert auch seine größte Schwäche: Mit dem Ball am Fuß die richtige Entscheidung zu treffen.

Der Konterfußball unter Mourinho oder Ancelotti schickt Ronaldo häufig mit viel freier Wiese in Richtung gegnerisches Tor. Wenn er mit Tempo auf die Viererkette zuläuft, kann er seinen Gegenspieler verladen und abschließen. Zu gewaltig ist häufig der athletische und technische Vorteil Ronalds gegenüber dem Gegner. Irgendwann ist es nicht einmal mehr er selbst, der den Ball bis vors Tor trägt. Stattdessen stemmt sich Ronaldo mit aller Macht in die Luft und schädelt den Ball mit einer Geschwindigkeit ins Netz, die andere nicht mit dem Fuß erreichen. Und zu guter Letzt ist der Portugiese einer der besten Elfmeterschützen, die dieses Spiel je gesehen hat. Gegen gut sortierte Gegner schwindet die Souveränität gelegentlich. Ein Distanzschuss aus 35 Metern wird gern dem Pass zum besser positionierten Mitspieler vorgezogen. Im Zweifel entscheidet Ronaldo immer pro Ronaldo. Doch als eiskalter Vollstrecker der königlichen Konter legt er vor dem Tor über Jahre eine Effizienz an den Tag, mit der weltweit nur Barcelonas Nummer 10 konkurrieren kann.

Teilsieg für die Zeit

Immerhin: Die Zeit hat auch gegen Lionel Messi schon einige Punktsiege zu verzeichnen. Es ist offensichtlich, dass der Spieler, der gegen Algerien einen Hattrick erzielte, mit der Anomalie, die im Jahr 2012 wahnsinnige 91(!) Tore erzielt hat, nicht mehr allzu viel eint. Er hat an Explosivität verloren, ist auf langen Strecken von seiner einstigen Höchstgeschwindigkeit weit weg und muss sich seine Sprints genauer einteilen.

Große Show: Messi trifft dreimal – Zidane patzt doppelt

Doch warum tut Father Time sich so schwer damit, Lionel Messi endgültig auf die Bretter zu schicken? Zwei Faktoren sind entscheidend für die Langlebigkeit des Argentiniers. Zum einen wurde er Zeit seiner Karriere von wirklich gravierenden Verletzungen verschont. So wie auch Ronaldo. Zum anderen hat Messi den enormen Vorsprung vor der Konkurrenz nicht seiner Lunge oder seinen Beinen, sondern seinem Hirn zu verdanken. Ein Körperteil, das deutlich langsamer altert. Beide Eigenschaften teilt er sich mit Sportlern wie dem NBA-Monument LeBron James (41 Jahre), der vor seiner 24. Saison steht, oder der mittlerweile zurückgetretenen NFL-Galionsfigur Tom Brady.

Nichts ist für die Galerie

„Take the ball, pass the ball“ – mit diesen simplen Worten hat Pep Guardiola einst sowohl seine Fußball-Philosophie als auch die seines Herzensklubs Barcelona beschrieben. Der Pass ist auch in La Masia, der legendären Nachwuchsschmiede der Katalanen, Fundament aller Aktionen. Und die Bitte, den Ball abzuspielen, ist nur der erste Schritt. Automatisch werden die Jugendlichen damit konfrontiert, welcher Mitspieler am besten positioniert, welcher Pass am cleversten ist.

Einem dieser Jugendlichen quillt das Talent aus allen Poren. Der dürre und kleine Argentinier Lionel Messi hat eine traumwandlerische Sicherheit am Ball, es ist nahezu unmöglich, ihn vom Spielgerät zu trennen. Doch La Masia bringt ihm genau das bei. Und so wird aus dem gesegneten Maradona-Erben ein außerordentlich rationaler Fußballer. Im Laufe seiner Karriere wird Messi oft als Künstler und Virtuose des Fußballs portraitiert. Dabei hat sein Spiel nahezu keine Schnörkel. Nichts ist für die Galerie, alles zweckgebunden. Ex-Manchester-City-Coach Pep Guardiola kritisiert Rayan Cherki im vergangenen Dezember für eine Rabona-Flanke, indem er darauf hinweist, dass Messi so etwas nie nötig gehabt habe. Er mache die einfachen Dinge, die aber perfekt.

Messis Signature-Move

Grandiose Übersicht und ein neurotischer Hang zur einfachen Aktion sind sehr gute Voraussetzungen, um die Fußballerkarriere auf hohem Niveau ausklingen zu lassen. Der Werkzeugkasten, mit dem Messi arbeitet, wird zwar seit Jahren stetig kleiner – doch für viele Gegner ist es immer noch zu viel Auswahl. Jahrhunderttore wie gegen Getafe oder Bilbao, wo er für Barcelona einst im Alleingang ganze Mannschaftsteile überrollt, gehören der Vergangenheit an. Das heißt jedoch nicht, dass er seinen ersten Schritt heute nicht mehr perfekt einzusetzen weiß.

Selten: Messi spricht über den Klose-Rekord

Video poster

Und so findet sich auch im vielumjubelten 3:0 gegen Algerien wenig Zirkus. Messi zieht in der ersten Situation, in der er einigermaßen Platz hat, ab und trifft zum 1:0. Später leitet er den Angriff ein, an dessen Ende er vor Luca Zidane im Strafraum auftaucht und dank eines Patzers das Tor zum 2:0 erzielt. Und sein dritter Treffer ist schließlich DER Messi-Signature-Move überhaupt. Strafraumkante, linker Fuß, lange Ecke, flach neben den Pfosten. Höher zu zielen würde es dem Torhüter schwerer machen, Messi jedoch auch deutlich mehr herausfordern. Eine Aktion bar jedes Risikos, durch etliche Wiederholungen in Trainings und Spielen zur Perfektion geschliffen. Fernab der drei Tore fällt auf: Jede Offensivaktion läuft über Messi. Er ist nach wie vor Kopf und Herz dieser Mannschaft, setzt vorne seine Nebenmänner in Szene und lässt sich tief fallen, um den Verteidigern eine Anspielstation zu sein.

Der außerirdischen Athletik beraubt

Cristiano Ronaldo hingegen war schon immer Spektakel. Fallrückzieher aus aberwitzigen Höhen, Distanzschusstore aus 40 Metern, der bekannteste Torjubel, Freistöße, die häufig den Aufwand nicht rechtfertigten. Cristiano Ronaldos Spiel war immer darauf ausgelegt, dass Cristiano Ronaldo möglichst gut aussieht. Das ist per se nicht problematisch. So erobert er die Welt, wird zu einem der bekanntesten Sportler, ach was, Menschen des Planeten. Doch das Alter hat ihm seine außerirdische Athletik geraubt, die seine wenigen Schwächen kaschierte Und ohne die unglaubliche Effizienz, die ihn in Madrid und Turin ausgezeichnet hat, sieht jede fragwürdige Entscheidung schnell aus wie blanker Egoismus. Arsenal-Legende Thierry Henry kritisiert Ronaldo nach dem Spiel gegen den Kongo für einen Abschluss, bei dem Bruno Fernandes deutlich besser positioniert war. Drei Schüsse sind es für CR7 insgesamt nach Spielende. Keiner geht aufs Tor. Keiner seiner Pässe bereitet eine Chance vor. Eine wertvolle Anspielstation außerhalb des Strafraums zu sein, hat er nie gelernt, weil er es nicht musste. Und defensiv ist sein Team ohnehin stets in Unterzahl.

Schwacher Ronaldo verzweifelt an Kongo-Abwehr

Video poster

Ihm selbst ist all das nur sehr bedingt vorzuwerfen. Der Mann ist ein 41 Jahre alter Feldspieler. Überhaupt noch einmal bei einer WM auf dem Feld zu stehen, ist Leistung genug. Das portugiesische Trainerteam um Roberto Martinez ist ein legitimerer Ansprechpartner. Sie nehmen all die Probleme, die Ronaldos Spiel mittlerweile mit sich bringt, in Kauf für… ja was eigentlich? Die Antwort auf diese Frage wird das sportliche Abschneiden der Portugiesen maßgeblich mitbestimmen.

Father time is undefeated. Die Zeit ist unbesiegbar. In den USA ist sie hinter den zwei populärsten Fußballern der Welt her. Einer scheint bereits Geschichte. Am anderen beißt sich – für den Moment – sogar die Zeit die Zähne aus.

Verwendete Quelle: ntv.de

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Dr. Heinrich Krämer
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