In Brüssel wird eine Delegation von Vertretern der Taliban erwartet. Das erfuhr der NDR aus Diplomatenkreisen. Sie soll Gespräche mit Vertretern von EU-Staaten führen. Es geht um Abschiebungen.
Abdul Qahar Balkhi zeigt sich gerne selbstbewusst – als Vertreter Afghanistans, das nun von den Taliban beherrscht wird. „Wir sind das Islamische Emirat. Wir regieren dieses Land. Wir dienen unserem Volk und arbeiten mit anderen Ländern zusammen, auch dem Westen.“
Spitzendiplomat Balkhi wird zusammen mit vier weiteren Taliban-Vertretern in Brüssel erwartet. Sein Auftrag: Er soll mit EU-Staaten über die Abschiebung von Afghanen in ihr Heimatland verhandeln. Ein umstrittener Besuch, denn den Taliban werden schwere Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen.
Solche Kritik hat Balkhi immer wieder zurückgewiesen, zum Beispiel wie in diesem Interview aus dem Jahr 2024 an den weitreichenden Verboten für Mädchen und Frauen, sich zu bilden. „Die Behauptung, das Islamische Emirat sei gegen die Bildung von Frauen, ist falsch. Es handelt sich um einen böswilligen Versuch, das Ansehen des Islamischen Emirats Afghanistan zu schädigen“, erklärt er. Es seien andere Wege eröffnet worden, sei es durch Madrasas, Heimunterricht oder Online-Unterricht.
Als Gotteskrieger kämpfte er gegen die Bundeswehr
Kurz nach der Machtübernahme der Radikalislamisten im August 2021 wurde Balkhi Sprecher des Außenministeriums und ist seither Kontaktperson für ausländische Journalisten, auch für ARD-Korrespondentinnen und Korrespondenten.
Ungewöhnlich für ein Mitglied der Taliban: Der 37-Jährige spricht exzellentes Englisch. Denn aufgewachsen ist er als Sohn einer afghanischen Familie in Neuseeland. Das berichteten neuseeländische Medien. Doch Balkhi hat auch ein Vorleben. Darüber sprach er vor gut vier Jahren in Kabul – in einem Gespräch mit dem NDR.
Vor der Machtübernahme der Taliban sei er im nordafghanischen Kundus gewesen und habe dort gegen die Deutschen gekämpft – als Mudschaheddin, als sogenannter Gotteskrieger. Dass ein früherer Taliban-Kämpfer nun so in Europa empfangen wird – für den deutschen Afghanistan-Veteranen Johannes Clair ist das kaum erträglich.
Beschämt mich als Soldat, als Veteran und als Staatsbürger
„Ich empfinde dabei Wut, wenn ich sehe, wer diese Delegation leitet“, sagte Clair. „Es beschämt mich als Soldat, als Veteran und als Staatsbürger.“ Clair war 2010/2011 als Fallschirmjäger in Kundus. Dort hatte die Bundeswehr ein Feldlager im Rahmen der multinationalen Afghanistan-Mission ISAF. Die Taliban seien für ihn und seine Kameraden damals Kämpfer gewesen, aber auch feige Terroristen.
Clair schildert es so: „Während wir auf der Straße präsent waren, uns den Menschen gezeigt haben, versucht haben, Kontakte zur Bevölkerung zu knüpfen, Projekte voranzutreiben, haben die Taliban grundsätzlich aus dem Hinterhalt angegriffen durch Sprengstoffanschläge, indem sie Selbstmordattentäter mit Bomben losgeschickt haben oder indem sie Bomben in den Straßen versteckt haben oder indem sie aus dem Hinterhalt auf uns geschossen haben.“
In Kundus starben zahlreiche Bundeswehrsoldaten
Die Region um Kundus war lange Zeit die gefährlichste in ganz Afghanistan. Dort starben zahlreiche Bundeswehr-Soldaten. Andere wurden schwer verletzt oder kamen mit psychischen Traumata zurück – wie Johannes Clair, der über seinen Einsatz auch einen Bestseller geschrieben hat: „Vier Tage im November“.
Dass nun mit Abdul Qahar Balkhi ein Taliban-Kämpfer aus Kundus als Diplomat in Brüssel empfangen wird, dafür hat Clair überhaupt kein Verständnis. „Mir ist bekannt, dass der Sprecher der Taliban-Delegation, Abdul Qahar Balkhi, neuseeländischer Staatsbürger ist“, sagt Clair.
Das bedeute, er sei in einem westlichen Land sozialisiert worden und habe sich dann radikalisiert, um auf Seiten der Taliban gegen vermeintlich Ungläubige zu kämpfen. „Das diskreditiert ihn aus meiner Sicht als Verhandlungspartner.“
Taliban-Delegation erwartet Gegenleistung
Bei diesen Verhandlungen soll es nach dem Willen der EU-Seite nun darum gehen, dass Abschiebungen nach Afghanistan erleichtert werden. Wie der NDR Ende Mai berichtete, haben die Taliban-Gruppe mit Delegationsleiter Balkhi aber auch eine eigene Agenda. Sie wollen auf diesem Wege durchsetzen, dass mehr Taliban-Diplomaten nach Europa kommen dürfen – als Gegenleistung für die Unterstützung bei den Abschiebungen.

