Heute legt die Expertenkommission der Bundesregierung ihre Empfehlungen zum Kinder- und Jugendschutz im Netz vor. SPD und Union haben schon vorher ihre Positionen festgelegt. Was könnte die Kommission vorschlagen?
„Es wird bestimmt Empfehlungen geben zur Altersbegrenzung von Social Media.“ Das hat Olaf Köller vom Leibniz-Institut schon vor Monaten angekündigt – er ist einer der beiden Vorsitzenden der Expertenkommission. Seit Herbst 2025 haben die 18 Mitglieder, darunter Pädagoginnen, Wissenschaftler, Mediziner und Juristen, an der Frage gearbeitet, wie sich Kinder und Jugendliche in der digitalen Welt besser schützen lassen. Jetzt legen sie ihre Empfehlungen für die Bundesregierung auf den Tisch. Noch ist unklar, was sie der Politik raten.
Öffentlich dreht sich die Debatte vor allem um die Frage: Sollten soziale Medien für Kinder und Jugendliche tabu sein? Und falls ja – ab welchem Alter? Bemerkenswert ist, dass sich die Regierungsfraktionen dazu festgelegt haben, noch bevor die Fachleute ihre Empfehlungen überhaupt vorgelegt haben. SPD und Union eint zwar die Diagnose: Soziale Medien bergen Risiken für die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen, vor denen diese geschützt werden müssten. Doch beim Weg dorthin liegen die beiden noch auseinander.
SPD hält an Verbot für unter 14-Jährige fest
Die SPD hält an ihrem Vorschlag eines Social-Media-Verbots für unter 14-Jährige fest, wie Generalsekretär Tim Klüssendorf bekräftigt: „Wir denken schon, dass das der richtige Weg ist, da eine harte Grenze zu ziehen.“
Dahinter steht ein Stufenmodell: ein vollständiges Verbot für unter 14-Jährige, und für die 14- bis 16-Jährigen kann sich die SPD Jugendversionen vorstellen ohne jene Funktionen, die im Verdacht stehen, süchtig zu machen. Gemeint sind damit Push-Benachrichtigungen und vor allem intransparente Algorithmen, die das endlose Scrollen befeuern und ein Video nach dem anderen ausspielen.
Genau solche Designs, wie man es von TikTok kennt, hält auch die Unionsfraktion für den eigentlichen Kern des Problems. Ein Mindestalter geben sich Plattformen wie Instagram oder TikTok zwar längst selbst, meist ab 13 Jahren, nur kontrolliert wird das kaum.
Union will variable Altersgrenzen je nach App
Genau an diesem Punkt setzt die Union an, jedoch mit einem anderen Ansatz als der Koalitionspartner. „Wir wollen kein pauschales Social-Media-Verbot, sondern differenzierte Altersgrenzen je nach dem Risiko der jeweiligen App“, sagt Anja Weisgerber, stellvertretende Fraktionsvorsitzende. Die Plattformen sollten in die Pflicht genommen, ihre Altersgrenzen überprüft und – wo nötig – nach oben gesetzt werden. Diese Altersgrenzen müssten auch technisch eingehalten und eingefordert werden, so Weisgerber.
Statt einer einheitlichen Grenze für alle also eine eigene Schwelle für jede App – festgelegt durch eine staatliche Stelle: die Bundeszentrale für Kinder- und Jugendmedienschutz, die über die Alterseinstufungen wachen soll.
Knackpunkt Kontrolle
So unterschiedlich die Modelle der Fraktionen sind, stoßen sie doch auf dieselbe ungelöste Frage: „Es geht eben nicht nur um Verbote“, machte Olaf Köller bereits zu Beginn der Arbeit in der Kommission klar, „sondern: Wenn man Verbote macht, wie stellt man sicher, dass sie eingehalten werden?“
Eine Antwort haben Union und SPD, die sie eint: die digitale Brieftasche, die sogenannte EUDI-Wallet. Sie bringt den Ausweis aufs Smartphone und soll das Alter bestätigen. Anfang 2027 soll sie an den Start gehen. Doch ob die EUDI-Wallet leisten kann, was sich die Politik von ihr verspricht, ist offen. Dazu kommt, dass der Zeitplan als ehrgeizig gilt, und zum Start sind nur Grundfunktionen vorgesehen.
Der Blick ins Ausland – und seine Tücken
Andere Länder sind bereits weiter: Großbritannien und Spanien wollen soziale Medien erst ab sechzehn Jahren erlauben, Frankreich ab fünfzehn. Vorreiter ist Australien: Als erstes Land weltweit hat es im Dezember vergangenen Jahres ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige eingeführt.
Doch ausgerechnet das australische Beispiel zeigt nach den ersten Monaten die bisherige Schwachstelle: Viele Kinder unter 16 haben nach wie vor eigene Social-Media-Konten, wie die australische Aufsichtsbehörde in einem Bericht festhält. Von der deutschen Expertenkommission wird daher erwartet, dass sie vor allem auf eine europäische Lösung setzt.
Es geht um mehr als Verbote
Nimmt man die zuständige Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) beim Wort, ist eines klar: Sie will etwas ändern. Immer wieder betont sie: „Wir sind in der Verantwortung, unsere Kinder und Jugendlichen besser zu schützen in der digitalen Welt – aus meiner Sicht waren wir da über viele Jahre zu naiv. Ich bin entschlossen, hier zu handeln.“
Ob am Ende eine feste Altersgrenze steht, ist damit noch nicht gesagt. Der Deutsche Ethikrat beispielsweise hält wenig von einem pauschalen Mindestalter und betont vor allem die Teilhabe von Kindern.
Es ist dieser Spagat zwischen Schutz und Teilhabe, den auch die Wissenschaft betont. Genau hier liegt der Punkt, den die Kommission von Anfang an betont hat: Es geht um mehr als Verbote. Um Medienkompetenz, die verbindlich und für alle zugänglich sein muss. Vor allem geht es auch um die Erwachsenen: Eltern, die hinschauen.

