Die Deutsche Bahn hat einen neuen Finanzvorstand gefunden: den bisherigen VW-Manager Michael Obrowski. Er übernimmt den Posten in einer Phase großer Herausforderungen für den bundeseigenen Konzern.
Die Deutsche Bahn bekommt einen neuen Finanzvorstand. Der Aufsichtsrat berief Michael Obrowski für den seit Monaten vakanten Posten. Der 57-Jährige soll seine neue Aufgabe voraussichtlich zum 1. September übernehmen, teilte die Bahn mit.
Obrowski verantwortet seit 2021 die Finanz- und IT-Abteilung bei Volkswagen Nutzfahrzeuge. Diese Bereiche sind auch bei der Bahn unter einem Dach gebündelt. Zuvor leitete er fünf Jahre lang das Konzern-Controlling der Volkswagen AG.
Obrowski bringt viel Erfahrung mit
Bahn-Aufsichtsratschef Werner Gatzer sagte, er sei eine Führungspersönlichkeit mit viel Erfahrung in einem Großkonzern und bringe „alle Erfahrung mit, um das Finanzressort mit Energie und Augenmaß weiterzuentwickeln“.
Mit seiner Berufung ist das Vorstandsteam um Bahn-Chefin Evelyn Palla nach mehreren Neubesetzungen wieder vollständig. Palla betonte, der künftige Finanzvorstand „verfügt über umfassende Erfahrung als Manager, kennt die Mobilitätsbranche und wird mit seinem Fokus auf Umsetzung zum Erfolg der Geschäfte beitragen“.
Der Posten des Finanzvorstands war seit März unbesetzt. Die damalige Finanzvorständin Karin Dohm hatte die Bahn nach weniger als vier Monaten wieder verlassen. Der Konzern sprach von unterschiedlichen Vorstellungen über die Ausgestaltung ihrer Funktion und die weitere Unternehmensentwicklung.
Schwierige Zeiten bei der Deutschen Bahn
Der Wechsel erfolgt in einer für die Bahn schwierigen Phase. Erst in dieser Woche hatte eine Störung des Bahnfunks den Zugverkehr bundesweit für rund zwei Stunden zum Erliegen gebracht. Tausende Fahrgäste steckten fest, weil Leitstellen und Lokführer plötzlich nicht mehr miteinander über Funk kommunizieren konnten.
Zudem wurde bekannt, dass sich die Inbetriebnahme des Großprojekts Stuttgart 21 voraussichtlich erneut verzögert und nun erst Ende 2031 erfolgen soll – noch einmal fünf Jahre später als zuletzt gedacht.
Zentrale verschlanken und Personal abbauen
Gleichzeitig treibt die Konzernführung einen umfassenden Umbau voran. „Ziel ist, in den nächsten Jahren eine leistungsfähige Bahn aufzubauen“, hieß es in einer Mitteilung. Im Vergleich zu früheren Jahren wurden etwa die Pünktlichkeitsziele deutlich heruntergeschraubt: Erst in den 2030er Jahren strebt der Konzern wieder eine Fernverkehrspünktlichkeit von 80 Prozent und mehr an.
Die Bahn will zudem ihre Zentrale verschlanken und Führungsstrukturen abbauen. Anfang des Jahres hieß es, dass von rund 3.500 Stellen in der sogenannten Konzernleitung rund 30 Prozent abgebaut werden sollen.
Mehr Verantwortung für regionale Manager
Palla will zudem mehr Verantwortung in die Regionen verlagern. Die regionalen Managerinnen und Manager sind künftig für die Qualität des Verkehrs verantwortlich und sollen dafür sorgen, dass die Kennzahlen eingehalten werden. Eine zentrale, koordinierende Steuerungseinheit soll es zwar noch geben. Wie die regionalen Einheiten die Ziele aber erreichen, bleibt ihnen überlassen.
Die Bahn teilte mit, dass der Konzernumbau in drei Phasen eingeteilt werde. Die erste Phase umfasst das laufende Jahr, in dem die Grundlage für die Neuausrichtung gelegt werden soll. Von 2027 bis 2030 steht vor allem die Sanierung des maroden Schienennetzes im Fokus. In der dritten Phase bis 2035 sollen Fahrgäste dann bereits deutliche Verbesserungen in der Qualität und Pünktlichkeit spüren, der „Sanierungsmarathon“ soll in dieser Phase weitgehend abgeschlossen werden.
Finanziell steht der Konzern unter Druck. Die Deutsche Bahn schreibt seit Jahren Verluste und muss milliardenschwere Investitionen in Infrastruktur und Fahrzeugflotte bewältigen. Hinzu kommen neue Herausforderungen durch angekündigte Wettbewerber im Fernverkehr.
