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Politik

Für Verkauf von Kindern auf Vinted gibt es keine Beweise

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 26, 2026Keine Kommentare7 Minuten Lesezeit
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Faktenfinder

Stand: 26.06.2026 • 11:10 Uhr

In den Sozialen Netzwerken kursieren etliche Videos, in denen behauptet wird, auf der Plattform Vinted würden Kinder zum Kauf angeboten. Beweise dafür gibt es nicht. Laut BKA häufen sich die Anzeigen zum Thema.

Carla Reveland

Pascal Siggelkow, SWR

„Auf Vinted werden einfach Kinder verkauft“: Diese und ähnliche Postings gehen derzeit auf verschiedenen Social-Media-Plattformen viral, dazu werden als vermeintliche Belege Bilder und Videos angehängt, die Anzeigen auf der Secondhand-Plattform Vinted zeigen. Darauf zu sehen sind vor allem Stofftiere, die für mehrere Tausend Euro angeboten werden. Dazu stehen Beschreibungen des Stofftieres wie: „9 Jahre alt, guter Zustand, Weiblich, Weiß“.

In den Sozialen Netzwerken wird behauptet, dass die Kombination aus den hohen Preisen und den Beschreibungen bedeuten würde, dass in Wahrheit Kinder zum Verkauf angeboten werden – und keine Stofftiere. Immer mehr Screenshots von diesen dubiosen Anzeigen kursieren seitdem im Netz und befeuern die Debatte.

Auch die Behörden beschäftigen sich mit dem Thema

In den Kommentaren zu den Beiträgen werden immer wieder auch die Kanäle der Polizei getaggt und der Aufforderung, den Vorwürfen nachzugehen. Dem ARD-faktenfinder teilte das Bundeskriminalamt auf Nachfrage mit: „Das beschriebene Phänomen ist dem Bundeskriminalamt (BKA) grundsätzlich bekannt. In der Vergangenheit wurden bereits mehrfach Hinweise zu vermeintlichem Kinderhandel über Online-Kleinanzeigen mitgeteilt. Diese Hinweise haben sich seinerzeit nicht bestätigt.“ Seit dem 23. Juni würden sich Anzeigen aus verschiedenen Bundesländern zu dem Phänomen auf der Plattform Vinted häufen, so das BKA.

Auch die Polizei Hessen teilt mit, dass ihnen keine belastbaren Hinweise vorliegen, „dass es sich um tatsächliche Angebote im Zusammenhang mit Kinder- oder Menschenhandel handelt“. „Ebenso liegen bislang keine konkreten Erkenntnisse vor, die auf eine akute Gefährdung von Kindern schließen lassen.“ Die Hinweise würden von den Sicherheitsbehörden sehr ernst genommen und entsprechend geprüft.

Die Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT) der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main schreibt auf Anfrage, dass das Szenario in den Ermittlungen bislang nicht bekannt geworden sei, schließt so ein Vorgehen prinzipiell jedoch nicht aus: „Nach unseren langjährigen Erfahrungen als Zentralstelle der Staatsanwaltschaften in Hessen sind in der Vergangenheit aber grundsätzlich alle verfügbaren Möglichkeiten der Online-Kommunikation genutzt worden, um Abbildungen des sexuellen Kindesmissbrauch (Kinderpornografie) zu verbreiten oder Anbahnungen des sexuellen Kindesmissbrauchs (Cybergrooming) durchzuführen.“

Vinted: Keine Beweise für Kinderhandel

Vinted schreibt auf Anfrage, dass das Unternehmen keinerlei Beweise gefunden habe, die diese Angebote mit Kinderhandel in Verbindung bringen. „Bei einigen Angeboten bezieht sich die Altersangabe auf die Zielgruppe, für die das Spielzeug gedacht ist – ganz ähnlich wie die Alterskennzeichnung auf der Verpackung eines Spielzeugs – und nicht auf ein Kind“, so Vinted.

Die Altersangabe werde über alle Kategorien hinweg genutzt, nicht nur bei Kleidung, teilt das Unternehmen mit. Die hohen Preise spiegelten in einigen Fällen entweder einen realen Sammlerwert oder Verhandlungstaktiken wider. „In anderen Fällen handelt es sich leider schlicht um Trolling und gezielte Falschmeldungen, die darauf ausgelegt sind, viral zu gehen.“ Bei verdächtigen Anzeigen greife Vinted ein, „sowohl durch unsere eigenen Erkennungstools als auch durch Meldungen unserer Mitglieder“.

Sind die Screenshots echt?

Ob es sich bei den kursierenden Screenshots der vermeintlichen Anzeigen möglicherweise um Fakes handelt, lässt sich nicht endgültig belegen. Eine Suche auf der Plattform gezielt nach Kinderspielzeug für mehrere Tausend Euro stimmt nicht mit den Objekten überein, die auf den Screenshots viraler Postings zu sehen sind. Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass sie nicht echt sein können. Denkbar ist beispielsweise, dass sie in der Zwischenzeit gelöscht worden sind – vom Nutzer selbst oder der Plattform.

Auch die Polizei Hessen teilt mit, dass derzeit nicht abschließend bewertet werden kann, ob sämtliche kursierende Screenshots authentische Inserate auf der Plattform Vinted zeigen. Auch könnten keine Angaben zur Anzahl konkret überprüfter Anzeigen oder Accounts derzeit gemacht werden.

Ähnliche Gerüchte kursierten bereits

Es ist nicht das erste Mal, dass Gerüchte über angebliche versteckte Kinderverkaufsanzeigen über Vinted im Netz viral gehen. In Frankreich verbreiteten sich Ende 2023 nahezu dieselben Behauptungen wie aktuell. Vinted konnte Le Monde zufolge keine „kriminellen Aktivitäten“ feststellen und auch die britische Organisation Internet Watch Foundation, die gegen sexuellen Kindesmissbrauch im Internet kämpft, erklärte, keine Belege für ein solches Vorgehen zu kennen.

Ursprünglich gehen Spekulationen wie diese auf eine Verschwörungserzählung aus den USA zurück. Bereits 2020 behaupteten Anhänger der QAnon-Bewegung, der Onlinehändler Wayfair verkaufe Kinder über Möbelanzeigen mit hohen Preisen und auffälligen Produktnamen. Doch auch für diese Vorwürfe wurden keinerlei Beweise gefunden. Dasselbe gilt für den Online-Marktplatz Etsy. Auch hier gab es solche Behauptungen ohne jegliche Beweise.

„Die Parallelen zu Verschwörungserzählungen, wonach Kinder über die Möbelplattform Wayfair verkauft werden würden, weisen große Ähnlichkeiten zum aktuellen Fall auf“, sagt Josef Holnburger, Geschäftsführer und Political Data Scientist des Center für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS). „Da man bei Vinted auch selbst Produkte hochladen und einen Preis eintragen kann, kommen hier nun auch Menschen hinzu, die sich aus den Gerüchten einen Spaß machen und durch absichtlich doppeldeutige oder überteuerte Angebote diese befeuern.“

Emotionalisierendes Thema verbreitet sich schnell

Gerüchte, die eine Bedrohung von Kindern thematisieren, verbreiten sich Holnburger zufolge oft besonders schnell, da „niemand möchte, dass Kinder zu Schaden kommen“. Soziale Netzwerke würden durch algorithmische Bevorzugung von Inhalten, die viel Interaktionen erzeugen, zusätzlich dazu beitragen, dass sich solche Gerüchte in kurzer Zeit verbreiten können. „Wir sehen immer wieder, dass Meldungen über angebliche (aber auch reelle) Gefährdung von Kindern schnell Hunderttausende oder sogar Millionen Aufrufe erreichen.“

Die größten Social-Media-Plattformen haben das Vinted-Phänomen bereits registriert und versuchen, dagegen zu steuern. Ein Sprecher von TikTok schreibt auf Anfrage, dass bereits mehrere Inhalte, die gegen die Richtlinie zu Fehlinformationen verstoßen haben, gelöscht worden seien.

Auch Meta verweist auf die eigenen Richtlinien hinsichtlich betrügerischer Inhalte. Der Konzern lasse keine Inhalte zu, die darauf abzielten, Nutzer zu täuschen oder in die Irre zu führen.

„Es entsteht eine Empörungsspirale“

Holnburger betont, dass es Kindeshandel gebe, dieser aber nicht so stattfinde, wie in den Gerüchten suggeriert werde. „Fälle wie der Epstein-Skandal und der damit verbundene Menschenhandel zeigen eher auf, wie hier verfahren wird: Mit gezielter Ansprache von Minderjährigen und Ausbeutung von Abhängigkeiten.“ Die Grenze zwischen berechtigter Sorge und verschwörungsideologischer Erzählung zeige sich dann, „wenn Gegenargumente und Fakten nicht mehr zugelassen werden, sondern durch eine Allmacht der Verschwörer oder eine Boshaftigkeit von Beteiligten erklärt wird“.

Mehrere Medienberichte haben gezeigt, dass Pädophile teils auch gängige Online-Plattformen missbrauchen, um an Minderjährige heranzukommen. Dafür, dass dies zum Beispiel auch über überteuerte Angebote von Stofftieren geschieht, gibt es jedoch keine Anhaltspunkte. Dass diese Gerüchte dennoch verbreitet werden sei problematisch, denn sie binden die Kapazitäten der Ermittlungsbehörden, so Holnburger

„Häufig findet man den Aufruf, verdächtige Anzeigen sofort der Polizei zu melden – eine verdächtige Anzeige ist aber noch kein hinreichender Tatverdacht für z.B. einen Kindesmissbrauch oder Menschenhandel; dennoch muss bei einer Meldung dieser Tat nachgegangen werden“, sagt Holnburger. Das binde Zeit, die für die Nachverfolgung konkreterer Taten an anderer Stelle fehlen könne.

„Viele Personen machen sich nun auf die Suche nach verdächtigen Angeboten, da sie motiviert wären, zu unterstützen. Das treibt wiederum sogenannte Trolle an, Fake-Angebote ins Netz zu stellen, die dann wieder von den Ermittlungsbehörden nachverfolgt werden müssen.“ Dies werde von einigen als Beweis dafür angesehen, dass dem Treiben kein Einhalt geboten wird. „Es entsteht eine Empörungsspirale, die sich kaum eindämmen lässt“, sagt der CeMAS-Geschäftsführer.

BKA sind keine tatsächlichen Fälle bekannt

Auch könne sich daraus in Teilen der Gesellschaft ein falsches Bild des existierenden Kindesmissbrauchs verfestigen, so Holnburger. Denn Kindesmissbrauch finde vorwiegend im privaten und nahen Umfeld von Kindern statt. „Damit steigt die Gefahr, dass die tatsächlichen Anzeichen von Kindesmissbrauch nicht erkannt werden, und sich auf abstrakte und imaginierte Schreckensszenarien fokussiert wird.“

Auch das BKA weist darauf hin, dass das Vorgehen von pädokriminellen Tätern und Täterinnen sehr unterschiedlich ist. Doch trotz ähnlicher Hinweise zu vermeintlich strafbaren Handlungen über Online-Kleinanzeigen auf verschiedenen Verkaufsplattformen aus den vergangenen Jahren liegen dem BKA keine Erkenntnisse zu derartigen tatsächlichen Fällen vor.

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