„Tut dem Museum bestimmt gut“Merkel hängt auf Augenhöhe

Für drei Monate hängt ein Porträt von Angela Merkel im Berliner Bode-Museum, bevor es im Kanzleramt verschwindet. Der Künstler hofft, „dass die Museumsbesucher Sie einerseits sofort erkennen und Sie andererseits von einer anderen Seite kennenlernen“.
Sie macht es wie Helmut Kohl vor 23 Jahren, Angela Merkel weist selbst darauf hin. Im Oktober 2003 präsentierte Kohl das Porträt, das anschließend ins Kanzleramt wandern sollte, in einem Berliner Museum.
Heute ist es Merkel, die ihr Porträt vorstellt. Merkel macht es wie Kohl? Nicht ganz. Der studierte Historiker, der stets den Mantel der Geschichte wehen sah, wählte die Neue Nationalgalerie am Potsdamer Platz für seine Bildvorstellung. Merkel wählte das bescheidenere Bode-Museum. Hier sind ansonsten die Skulpturensammlung und das Museum für Byzantinische Kunst untergebracht, dazu das Münzkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin.
Das Haus ist durchaus imposant und es liegt auf der Museumsinsel, mitten in Berlin. Aber es zählt auch zu den weniger stark besuchten Kunsthallen der Umgebung – kein Vergleich zum Pergamon-Museum nebenan. Auch das Deutsche Historische Museum hätte sich angeboten, wenn es allein um die Nähe zu Merkels Wohnung gegangen wäre: Der Tag sei auch deshalb besonders für sie, „weil das Bode-Museum und mein Wohnort seit nunmehr fast dreißig Jahren Nachbarn sind“.
„Dann Pankow, fürchterlich“
Schon als 13-, 14-jähriges Kind habe sie die Museen von Ostberlin durchstreift, auch das Bode-Museum, wenn sie ihre Oma in Pankow besucht habe, die selbst leider keine Museumsbesucherin gewesen sei, erzählt Merkel. Oper, ja, dorthin habe sie die Oma mal gekriegt. „Dritter Rang und zu spät weggefahren, und dann nach Pankow, fürchterlich.“
Jetzt hängt Merkel dort, drei Monate lang. „Ich fand das sofort spannend, dieses Bild erst einmal einem breiteren Teil der Öffentlichkeit zugänglich zu machen“, sagt Merkel in ihrer kurzen Rede, bevor das Bild enthüllt wird. „Ob die Leute davon Gebrauch machen, werden wir sehen.“
Eine Sneak-Preview im Vorfeld hatte in die Irre geführt: Anders als auf einem Instagram-Posting des Künstlers trägt Merkel auf dem Bild einen blauen Blazer – und zeigt keine Raute.
Und doch könnte man das von ihr bezahlte Bild als Inszenierung von Bescheidenheit sehen. Es zeigt Merkel mit der Bernsteinkette, die sich schon als Kanzlerin trug, sich leicht auf einem Sessel abstützend, der Blick leicht skeptisch, leicht zweifelnd, leicht lächelnd. Und fragend. Es ist 110 mal 140 Zentimeter groß und damit 10 Zentimeter länger als die Porträts von Gerhard Schröder und Helmut Kohl, wie die „Zeit“ notierte.
Wie eine kleine Familienfeier
16 Jahre lang war Merkel Kanzlerin, von 2005 bis 2021. Zudem war sie 18 Jahre, bis 2018, Vorsitzende der CDU. Sie ist heute so umstritten wie in den letzten Jahren ihrer Amtszeit: Die einen erinnern sich an sie als große Krisenbewältigerin und Moderatorin, wobei Nostalgie eine Rolle spielen dürfte. Für andere ist sie die Kanzlerin einer Zeit, als die Probleme von heute mit weniger Aufwand hätten gelöst werden können.
Zudem ist sie weiterhin ein Feindbild für Rechtsradikale. Auch acht Jahre nach ihrer Zeit als Parteivorsitzende erwähnt die AfD sie im Bundestag gern und häufig als Beleg für die alberne Behauptung, die CDU rücke immer weiter nach links.
Ins Bode-Museum sind einige Wegbegleiter gekommen: die frühere Bundesbildungsministerin Annette Schavan, die früheren Kanzleramtsminister Peter Altmaier und Helge Braun, die TV-Köchin (und frühere Europaabgeordnete für die österreichischen Grünen) Sarah Wiener, natürlich Merkels Mitarbeiterinnen Beate Baumann und Eva Christiansen, Merkels Mann Joachim Sauer, auch sonst Angehörige der Altkanzlerin und die Familie des Malers. Sogar dessen 93-jährige Großvater ist aus Frankreich nach Berlin gereist, Jérémie Queyras begrüßt ihn auf Französisch. Kein Kanzler, kein Minister, keine Würdenträger.
Ein „Kniestück en face“
Und auch das passt zu Merkel: Der Künstler war bisher kaum bekannt. 28 Jahre alt, geboren in Frankreich, aufgewachsen in Freiburg, wohnhaft mittlerweile in Berlin, ein Deutsch-Franzose. Jérémie Queyras hatte sich 2022 für das Porträt beworben und wurde drei Jahre später zu seiner eigenen Überraschung von Merkel ausgewählt. In einem Bewerbungsgespräch fanden beide einander sympathisch. „Ein lebensoffener Mensch“, sagte Merkel der „Zeit“ über den Künstler. „Ich hatte gleich einen guten Eindruck.“
Im Bode-Museum schwärmt sie geradezu von Queyras. „Uns trennen mehr als vierzig Lebensjahre“, sagt sie. „Wir haben uns aufeinander eingelassen, dabei Musik gehört und im wahrsten Sinne des Wortes über Gott und die Welt geredet.“ Es sei für sie „ein unvergessliches Erlebnis“ gewesen.
Bei dem Bild handelt es sich um ein „Kniestück en face“, wie Marion Ackermann, die Präsidentin der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, erläutert. Das erste Bild dieser Art sei ein Porträt von Hans Holbein dem Jüngeren gewesen, der im 16. Jahrhundert den englischen König Heinrich VIII. malte – den mit den vielen Frauen.
Es geht um Augenhöhe
Als royales Herrscher-Bild will Marion Ackermann das Merkel-Bild von Queyras allerdings nicht verstanden wissen. Dieses Bild sei „das genaue Gegenteil“: Beim Porträt der Altkanzlerin gehe es „um die Augenhöhe“, es sein „ein Herrscher-Porträt in einer demokratischen Gesellschaft“. Auch „die Hängehöhe“ spreche „durchaus Bände“. Und noch ein Unterschied zu Heinrich VIII. oder auch zu Helmut Kohl: Merkel wolle in den kommenden Monaten hier im Museum mit Schülerinnen und Schülern ins Gespräch kommen, sagt Ackermann. „Das tut dem Bode-Museum bestimmt auch ganz gut“, habe Merkel dazu gesagt. Noch so ein typischer Merkel-Satz. Das Publikum lacht.
Typisch Merkel ist auch, wie sie erklärt, warum es so lange gedauert hat, bis das Bild entstand. Sie habe Abstand gebraucht, sagt sie. „Ich wollte das Entstehen eines solchen Porträts nicht wie einen Punkt auf einer To-do-Liste abarbeiten. Sondern ich wollte Freude an einem solchen Vorgang haben.“
Die hatte offenbar auch der Künstler, der auf sympathische Art aufgeregt wirkt. Merkel sei tausendfach fotografiert worden, und doch hoffe er, „dass die Museumsbesucher Sie einerseits sofort erkennen und Sie andererseits von einer anderen Seite kennenlernen“.
Über die Hauptstadt hinaus bekannt wurde das Bode-Museum 2017, als dort eine 100 Kilogramm schwere „Big Maple Leaf“-Goldmünze gestohlen wurde. Die Münze ist seither verschwunden. Ende September verschwindet auch das Merkel-Bild, dann geht es ins Kanzleramt, wo auch ihre sieben Amtsvorgänger hängen. Dann fehlt nur noch Olaf Scholz. Und natürlich Friedrich Merz. Aber so ein Bild wird natürlich erst in Auftrag gegeben, wenn die Kanzlerschaft vorbei ist.
