Angela Merkel hat nun auch ein Porträt für die Ahnengalerie im Kanzleramt. Das Werk des Freiburger Künstlers Jérémie Queyras wurde nun öffentlich vorgestellt, es hängt aber erstmal woanders.
Da steht sie im blauen Blazer vor einem golden-lichten Hintergrund und schaut uns an. Ernst sieht sie aus, deutlich ernster als die echte Angela Merkel bei dieser Vernissage ihres Porträts im Bode-Museum. Das Bild zeigt eine Frau, die mit sich zufrieden ist. Vielleicht ein bisschen mitgenommen von 16 Jahren Regierungszeit mit vielen Krisen. Ein Porträt im klassischen Sinne, wenig überraschend. Es sei denn, genau das ist die Überraschung: ein so junger Maler, und dann ein eher konventioneller Stil?
Es war spekuliert worden, wen die erste und einzige Kanzlerin, erste und einzige Ostdeutsche für ihr Porträt auswählen würde. Von Neo Rauch, dem berühmten Leipziger war die Rede oder von einer ostdeutschen Frau, Gabriele Stötzer, Cornelia Schleime – alles große Namen in der internationalen Kunstszene. Aber Merkel hat sich für den jungen unbekannten Deutsch-Franzosen Jèrèmie Queyras entschieden.
Künstler Jèrèmie Queyra: Porträtsitzungen mit der Altkanzlerin
Prozess ist ihr fast wichtiger als das Werk
Der gebürtige Freiburger hatte sich selbst beworben und hätte nie im Traum daran gedacht, dass die Ex-Kanzlerin einen wie ihn engagieren könnte. Jugendlicher Übermut, könnte man sagen. Queyras ist 28 Jahre alt, stammt aus einer Musikerfamilie, spielt selbst Cello, hat sich aber für die Bildende Kunst entschieden. Sein Stil ist nicht festgelegt, von gegenständlich bis abstrakt. Er malt auch bei Musiksessions live auf der Bühne. Nun also die Altkanzlerin für ein offizielles Porträt. Seit Sommer 2025 hat er Merkel immer wieder getroffen und sie in einem eigens eingerichteten Atelier in Berlin porträtiert.
Warum aber hat sie ausgerechnet ihn ausgesucht? Ein „typischer Merkel“, heißt es jetzt. Sie wollte sich Erwartungen widersetzen, etwas Eigenes dagegenhalten. Der Wochenzeitung Die Zeit hat sie erzählt, dass ihr der Prozess des Malens fast wichtiger gewesen sei als das Werk, das daraus hervorging. Angeblich kannte sie kein einziges Original von ihm. Sie fand ihn sympathisch, war neugierig auf den jungen Mann, seine Sicht auf das Leben und die Welt. Und so seien die Porträtsitzungen immer angeregte Gespräche gewesen. Heute sagt sie, es habe sie gereizt zu sehen, wie so ein 40 Jahre jüngerer Mensch auf sie schaut, die „mehr als 70 Lebensjahre und 30 Jahre aktive Politik auf dem Buckel hat“.
So sah es aus – das Model und der Künstler.
Blazer ja – Raute nein
Die beiden haben auch lange darüber gesprochen, wie Merkel sich dargestellt sehen möchte. Stehend oder sitzend? Mit Blazer? Welche Farbe? Nun also steht sie, weil sie das dynamischer, beweglicher findet als die sitzenden Porträts ihrer Vorgänger. Und ja, sie trägt einen ihrer typischen Blazer, in Blau. Lange haben Maler und Porträtierte über die Farbe diskutiert. Strahlendes Gelb war lange in Überlegung, aber das Blau setzte sich durch. Es strahlt auch, leuchtet geradezu. Merkel mag dieses Blau. Sie findet, es wirke staatstragend. Schon auf dem Cover ihres Buches entschied sie sich für Blau.
Ein privater Aspekt ist die Bernsteinkette, die sie hier trägt. Sie liebt sie sehr. Es ist eine Erinnerung an die Ostsee, mit der sie viele schöne Erlebnisse verbindet. Und wer gedacht hatte, das Ebenbild der Altkanzlerin werde auf jeden Fall an der Merkelraute – also ihrer typischen Handhaltung – erkennbar sein, wird enttäuscht werden. Das war ihr dann doch zu plakativ.
Die Öffentlichkeit soll teilhaben
So individuell wie die Wahl des Künstlers ist auch der organisatorische Aspekt dieses Kanzlerinnenporträts. Merkel hat es in Auftrag gegeben, sie bezahlt es und bleibt Eigentümerin. Deshalb wird es jetzt auch erst einmal bis zum 4. Oktober im Berliner Bode-Museum gezeigt, auf dass alle Interessierten einen Blick darauf werfen können. Merkel hat sich an das Museum gewandt, weil sie es seit ihrer Jugend als Museum schätzt und – so nebenbei – direkt gegenüber wohnt, sie sieht es jeden Tag.
Im Bode-Museum wurde extra im Französischen Saal, der sonst Werke französischer Künstler aus dem 18. Jahrhundert versammelt, eine Wand für das Merkel-Porträt freigeräumt. Auch als Hommage an den deutsch-französischen Hintergrund von Queyras. Hier will die ehemalige Kanzlerin mit jungen Menschen über das Bildnis ins Gespräch kommen. Es sind schon einige Veranstaltungen geplant.
„So, jetzt ist es ihr’s“ – Merkel enthüllt selbst.
Auch in der Kanzlergalerie etwas Besonderes
Nach dem 4. Oktober wandert das Bild dann als Leihgabe in die sogenannte Kanzlergalerie im Bundeskanzleramt. Dort hängt es dann neben den Bildnissen ihrer sieben Vorgänger. Die Galerie geht auf eine Anregung von Helmut Schmidt aus dem Jahr 1976 zurück. Der empfand das Bonner Kanzleramt als zu nüchtern, sagte, es „ähnele einer Sparkassenhauptverwaltung“ und wollte es durch Kunst aufwerten. Deshalb wurden Porträts seiner Vorgänger aufgekauft.
Schmidt selbst ließ sich zehn Jahre später von dem ostdeutschen Maler Bernhard Heisig darstellen. Das Werk gilt bei vielen Kunstexperten neben dem Bildnis von Gerhard Schröder, das dessen Freund Jörg Immendorff schuf und das ihn in Gold – ikonengleich – zeigt, als künstlerisch herausragend. Die anderen fünf Porträts von Konrad Adenauer bis Helmut Kohl werden eher als konventionell bewertet.
Nun also Angela Merkel, so wie Jérémie Queyras sie sieht. Das Bild wird hervorstechen, es ist größer als die anderen Porträts, und die stehende Ex-Kanzlerin wirkt präsenter als die sitzenden Herren. Auch das strahlende Blau des Blazers wird seine Wirkung entfalten auf der Betonwand des Kanzleramtes.
Merkel jedenfalls macht im Bode-Museum einen sehr zufriedenen Eindruck mit Blick auf ihr Ebenbild. Sie strahlt und verlässt den Saal mit den Worten: „So, jetzt ist es ihr’s!“

