Analyse
Probleme auf dem Arbeitsmarkt, eine hartnäckig hohe Inflation und noch höhere Renditen für langlaufende US-Staatsanleihen. All das belastet die Wirtschaft und die Notenbanker – auch in Europa.
Es sei alles so teuer geworden, sagt die Friseurin im Haarsalon in Midtown in New York City. Und damit meint sie natürlich nicht die Luxus-Kaffeehäuser in Manhattan, in denen man umgerechnet auch bis zu 27 Euro für eine Tasse Kaffee ausgeben kann – wenn man das Geld hat.
Es geht vielmehr um das alltägliche Leben – Einkauf, Tankstelle, Energie. Die Inflationsrate in den USA ist zuletzt zwar ein klein wenig gesunken, hält sich aber wacker auf hohem Niveau bei 3,4 Prozent – deutlich über dem von der US-amerikanischen Notenbank Fed angestrebten Ziel von zwei Prozent. Hauptgrund dafür sind der Iran-Krieg und gestiegene Ölpreise.
Aber das ist nicht die einzige Entwicklung, auf die es zu schauen gilt in den USA. Denn die Renditen langlaufender Anleihen – also etwa für zehn oder 30 Jahre – sind so hoch wie seit 25 Jahren nicht: über fünf Prozent. Das zeigt: Die Unsicherheit ist groß – mit Blick auf den künftigen Kurs der Fed unter ihrem neuen Chef Kevin Warsh.
Inflation und Staatsverschuldung treiben Renditen
„Die langfristigen Zinsen sind zuletzt aufgrund der Inflation gestiegen und weil man vielleicht auch sieht: Die Notenbank wird gar nicht tätig in der Inflationsbekämpfung“, sagt Kapitalmarktexperte Stefan Riße.
Unsicherheit herrscht aber auch mit Blick auf die hohe Staatsverschuldung, das Vertrauen in die USA sinkt. „Wir haben in den USA die Situation, dass das Haushaltsdefizit seit Jahren sehr hoch ist“, sagt Chefvolkswirt Carsten Mumm von der Privatbank Donner & Reuschel im Interview mit tagesschau.de. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt liegt die Staatsverschuldung bei mehr als 120 Prozent.
Die Rendite von Anleihen
Die effektive Verzinsung einer Staatsanleihe nennt man Rendite. Eine Rolle spielt dabei die Laufzeit. Für längere Bonds gibt es mehr Zinsen, da die Investoren ihr Geld länger los sind – mit allen Risiken. Entscheidend für die Rendite sind aber vor allem der Zins und der Kurs. Wenn eine Anleihe bei der Ausgabe 100 Euro wert ist und pro Jahr mit drei Prozent verzinst wird, ist der Zins auch gleichzeitig die jährliche Rendite – in diesem Beispiel wären es drei Euro.
Das setzt aber voraus, dass die Anleihe bis zur Fälligkeit gehalten wird. Die Papiere werden jedoch dauernd am Markt gehandelt, sodass sich der Kurs stetig verändert. Wenn viele Investoren sie aus dem Depot werfen, sinkt der Kurs. Für Anleger, die neu zugreifen, steigt daraufhin die Rendite. Fällt der Kurs von 100 auf 90 Euro, bezieht sich der Zins auf den neuen Kurs, und die laufende Rendite steigt auf 3,33 Prozent. Rendite und Kurs entwickelt sich am Anleihemarkt also gegenläufig.
US-Staatsanleihen zu kaufen, also den USA Geld über die nächsten zehn oder 30 Jahre zu leihen, ist nicht mehr so gefragt. Das sorgt für steigende Renditen und diese erhöhen mitunter die langfristigen Finanzierungskosten der Wirtschaft. „Wenn die Renditen von Staatsanleihen am langen Ende steigen und hoch sind, dann heißt das auch, dass Unternehmen für Kredite höhere Konditionen zahlen oder eben auch Privatpersonen, wenn sie beispielsweise Hypothekenkredite aufnehmen“, sagt Volkswirt Mumm.
Notenbanker unter Druck
Auf dem Arbeitsmarkt gibt es nach jüngsten Zahlen der zuständigen Behörde auch Probleme, deutlich weniger Stellen wurden geschaffen, als eigentlich erwartet.
Eine Gemengelage, die die Arbeit der Notenbanker bei der Fed deutlich komplizierter macht. Denn anders als zum Beispiel die Europäische Zentralbank, deren Hauptziel es ist, das Preisniveau stabil zu halten – hat die US-amerikanische Notenbank daneben noch eine weitere Aufgabe: für Vollbeschäftigung sorgen.
Und die Fed hat natürlich keine Macht über die Renditen, sondern nur über die kurzfristigen Leitzinsen. Denn laut Volkswirt Carsten Mumm wirken hier zwei Faktoren: „Wenn die Inflation steigt oder hoch bleibt, dann werden die Renditen am langen Ende wahrscheinlich nicht runterkommen, selbst wenn die Fed möglicherweise die Zinsen senken sollte.“ Und neben der Inflation spielt auch die hohe Staatsverschuldung der USA eine immer größere Rolle.
Reagiert die Fed mit höheren Zinsen?
Zuletzt jedenfalls hatte die US-Notenbank den Leitzins unverändert gelassen. Der nächste Entscheid steht Mitte September an. Die Rufe nach einer Zinserhöhung werden zwar lauter, aber wie Notenbankchef Kevin Warsh in Zukunft vorgehen will, ist bisher unklar. Derzeit preisen die Märkte eine Zinserhöhung im September immer mehr aus. Während die Inflation in den USA für eine Zinserhöhung sprechen könnte, sendet der Arbeitsmarkt schwache Signale und damit Gründe dagegen.
„Die aktuellen Zahlen zu den US-Konsumentenpreisen liefern Warsh zusätzliche Gründe, um bei den von einigen Beobachtern der Fed-Geldpolitik geforderten Leitzinsanhebungen weiterhin auf Zeit zu spielen“, sagt Volkswirt Tobias Basse von der Bank NORDLB.
Andere Stimmen am Markt halten eine Zinserhöhung im weiteren Verlauf des Jahres dennoch für möglich. Das hätte weitreichende Folgen für die Menschen in den USA, denn dort spielt der Kauf auf Kredit im Vergleich etwa zu Deutschland eine deutlich größere Rolle.
Folgen auch für Europa und Deutschland
„Die Konditionen für Kreditkartenschulden würden steigen, die Konditionen für Autokredite, für Studentenkredite würden entsprechend steigen und das bremst den Konsum aus“, sagt Carsten Mumm. Und das Wachstum, sollte die Fed also den Leitzins anheben.
Doch auch in Europa und Deutschland würde man einen möglichen Zinsanstieg in den USA spüren. Stiegen die Zinsen in den USA stärker als in der Eurozone, macht das den US-Dollar attraktiver. „Und das würde bedeuten, dass wir mit einem schwächeren Euro Rohstoffe, die auf den internationalen Märkten in Dollar gehandelt werden, teurer einkaufen müssen“, so Mumm. Das könnte also durchaus in Europa für zum Beispiel höhere Inflationsraten sorgen.
Wie es weitergeht, ist ungewiss. Der Präsident der regionalen US-Notenbank von Richmond, Tom Barkin, hat jedenfalls die Notwendigkeit einer Zinserhöhung in Frage gestellt. Das Fed-Gremium ist in dieser Frage gespalten. Dennoch: Die Sorgen um Inflation bleiben – ebenso wie die um den wachsenden Schuldenberg.

