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Extrem lange Visa-Wartezeiten: Russen schneller dran als Türken – „bestrafen“ deutsche Botschaften mit System?

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 2, 2026Keine Kommentare7 Minuten Lesezeit
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Extrem lange Visa-WartezeitenRussen schneller dran als Türken – „bestrafen“ deutsche Botschaften mit System?

02.07.2026, 19:37 Uhr Von Uladzimir Zhyhachou
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In der deutschen Botschaft in Moskau wartet man Wochen auf einen Visa‑Termin, in anderen Ländern wie Belarus oder der Türkei sogar Monate bis zu anderthalb Jahre. (Foto: REUTERS)

Deutschland wirbt weltweit um Fachkräfte und gibt sich als offenes Land – doch an vielen Auslandsvertretungen warten Menschen bis zu anderthalb Jahre auf einen Termin für ein Schengen‑Visum, selbst für eine kurze Reise. Während manche Länder extrem ausgebremst werden, kommt Russland erstaunlich gut weg.

Als sie ihren Neffen in Berlin zum ersten Mal im Arm hielt, war er schon anderthalb Jahre alt. So lange musste Weronika Malischewskaja (der Name wurde auf Wunsch der betroffenen Person geändert) aus Belarus auf einen Termin für ein Schengen-Visum warten. Die deutsche Botschaft in Minsk gibt auf ihrer Website eine Wartezeit von bis zu 18 Monaten an, hinzu kommen noch einmal rund zwei Wochen Bearbeitungszeit.

Laut lokalen Medien standen im Mai vergangenen Jahres mehr als 50.000 Belarussen auf der Warteliste. Und nach dieser gewaltigen Wartezeit folgt für viele die nächste Enttäuschung: Zahlreichen Berichten zufolge vergibt die Botschaft derzeit kaum Multivisa, sondern fast ausschließlich Visa für einmalige Einreisen und nur für kurze Zeiträume. Das Auswärtige Amt bestreitet dies zwar auf Anfrage von ntv.de: Der Großteil der Schengen-Visa in Belarus werde zur mehrfachen Einreise erteilt, heißt es aus dem Ministerium.

Malischewskaja durfte dennoch nur einmal einreisen, was bedeutete, dass sie sich nach eineinhalb Jahren Warten mit einer einwöchigen Reise zu ihrer Schwester und deren inzwischen nicht mehr ganz neugeborenem Kind begnügen musste. Wenn sie die beiden in Deutschland wieder besuchen will, muss sie erneut viele Monate warten, bis sie einen Termin bekommt und ein neues Visum beantragen kann.

„Politische Vorgaben existieren nicht“

Man könnte meinen: Klar, Belarus ist ein international isoliertes Land, eine Diktatur, die Russland in seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine unterstützt – kein Wunder also, dass die deutsche Botschaft dort mit langen Wartezeiten „sanktioniert“. Das Auswärtige Amt betont aber gegenüber ntv.de: „Politische Vorgaben, das Terminangebot zu verknappen, existieren nicht. Im Gegenteil: Der deutschen Botschaft Minsk ist sehr daran gelegen, bestehende Kontakte zwischen Deutschland und Belarus zu stärken.“ Man stelle stets die größtmögliche Zahl an vorhandenen Terminen zur Verfügung.

Die Wartezeiten von bis zu anderthalb Jahren erklärt das Auswärtige Amt mit einer „rasanten Nachfragesteigerung“, die zusätzlich durch die eingeschränkte Visavergabe anderer Schengen-Staaten in Belarus verstärkt werde. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine verfolgen vor allem baltische Staaten, aber auch Polen und Tschechien eine restriktive Visa-Politik gegenüber Russland und seinem Verbündeten Belarus.

Wartezeit in Russland nur wenige Wochen

Gleichzeitig sind aber in der deutschen Botschaft in Moskau Visa‑Termine innerhalb weniger Wochen zu bekommen. Ein Test im Online‑System der deutschen Botschaft in Russland zeigt: Wer einen Termin buchen will, findet für Mitte August zahlreiche freie Zeitslots. Spontane Reisen sind so zwar nicht möglich, aber von anderthalb Jahren Wartezeit ist das weit entfernt.

Das Auswärtige Amt verweist zwar auf die schwierige Lage vor Ort – die Aussetzung des Visaerleichterungsabkommens mit Russland und die Ausweisung deutschen Personals hätten dazu geführt, dass die Visumbearbeitung „nicht mehr im gewohnten Umfang und in der gewohnten Geschwindigkeit“ möglich sei.

Dennoch sind im System Termine für Schengen‑Visa binnen weniger Wochen sichtbar, deutlich schneller als im 18‑Monate‑Fall von Minsk. Bürger eines Landes, das in Europa einen Angriffskrieg führt, bekommen faktisch leichter Zugang zu Visa‑Terminen als andere. Denn extrem lange Wartezeiten in deutschen Auslandsvertretungen betreffen bei weitem nicht nur Belarus.

„Das Problem ist nicht mehr nur bürokratisch – es ist politisch“

In der Türkei beträgt die Wartezeit für Schengen‑Visa aktuell bis zu elf Monate. Selbst Besuche zu Hochzeiten, Krankenbesuche oder Beerdigungen scheitern an monatelangen Wartezeiten – so beschreibt es die Parlamentarische Geschäftsführerin und Migrationsexpertin der Grünen‑Bundestagsfraktion, Filiz Polat, gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Das Auswärtige Amt betont auf ntv.de-Anfrage, ein grundlegender Umschwung in der Visa‑Vergabe in der Türkei sei aus seiner Sicht wünschenswert, aber nur im Rahmen einer Visaliberalisierung möglich. Die Verantwortung liege dabei bei der Türkei, die von der EU geforderten Reformen umzusetzen. Schneller und großzügiger Visa zu vergeben, ist damit ausdrücklich an politische Bedingungen geknüpft – und nicht allein eine Frage von Personal oder Technik.

„Das Problem ist nicht mehr nur bürokratisch – es ist politisch“, sagt Polat. Deutschland werbe weltweit um Fachkräfte, Studierende und Investoren, behandle aber viele Antragsteller und gerade ihre Familien so, als seien sie vor allem ein Sicherheits‑ oder Migrationsrisiko. Polat spricht zwar über die Türkei – doch ihre Beschreibung trifft auf zahlreiche andere Länder ebenso zu.

„Zeitstrafe“ für ärmere Länder

Eine im Januar veröffentlichte Studie von Forschern unter anderem von der Europa‑Universität Flensburg und dem Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung in Berlin zeigt, dass solche Fälle Teil eines größeren Musters sind. Die Autoren haben zwischen November 2023 und September 2024 weltweit 16.182 Terminanfragen an 130 deutschen Botschaften und Konsulaten ausgewertet und jeweils den nächstmöglichen Termin für einen Visaantrag im Online‑System erfasst. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass es in fast der Hälfte der beobachteten Fälle überhaupt keine verfügbaren Termine gab – die Website zeigte einfach an, dass derzeit nichts buchbar ist. Dort, wo Termine angeboten wurden, waren sie oft relativ kurzfristig zu haben, mit Wartezeiten von wenigen Tagen bis zu maximal rund drei Monaten.

Dabei stellte die Studie einen deutlichen Zusammenhang fest: Je ärmer das Land, desto schlechter die Chancen auf einen Termin und desto länger die Wartezeit. Die Forscher sprechen deshalb von einer „Zeitstrafe“ für den Globalen Süden: Menschen aus bestimmten Ländern zahlen nicht nur Visa‑Gebühren, sondern auch mit Monaten ihres Lebens, in denen ihr Alltag und ihre Pläne buchstäblich auf der Stelle treten.

Die Studie ordnet diese Praxis als eine Form von Grenzpolitik ein. Nicht erst bei der Entscheidung über das Visum werde sortiert, wer kommen darf, sondern schon vorher – über die Frage, ob und wann überhaupt ein Termin im Online‑Kalender auftaucht. Auf dem Papier können Menschen aus visumpflichtigen Staaten mit einem Schengen-Visum nach Deutschland einreisen. In der Praxis ist es jedoch oft nahezu unmöglich, einen Termin für den Visumantrag zu erhalten.

Nicht nur Personalmangel

Die Studie legt nahe, dass sich das Problem langer Wartezeiten nicht allein mit allgemeiner Überlastung erklären lässt. Wären fehlende Kapazitäten die einzige Ursache, wäre zu erwarten, dass sich Engpässe zufällig über alle Standorte verteilen – statt vor allem dort aufzutreten, wo Länder ärmer sind oder politisch als schwierig gelten. Dass die entscheidende Hürde für viele schon beim Versuch beginnt, überhaupt einen Termin zu bekommen, macht das Thema zu weit mehr als einem bürokratischen Ärgernis.

Das Auswärtige Amt verweist auf eine „weltweit deutlich gestiegene Nachfrage“ nach Visa, die an manchen Standorten die bereits erweiterten Kapazitäten übersteige. Die Beschleunigung des Visumverfahrens weltweit habe daher Priorität. Als zentrale Maßnahmen dafür nennt das Ministerium mehr Personal, die weitere Digitalisierung und den Ausbau der sogenannten Visainlandsbearbeitung beim Bundesamt für Auswärtige Angelegenheiten – also zusätzliche Bearbeitung in Deutschland, um überlastete Botschaften zu entlasten. Ob und wann diese Schritte für Menschen in Ländern wie Belarus oder der Türkei spürbar werden – und warum es in Russland trotz Angriffskrieg und Sanktionen besser funktioniert -, bleibt offen.

Für Weronika Malischewskaja ist der Preis dieser Visa-Politik ganz konkret: Sie hat anderthalb Jahre gewartet, um ihren Neffen eine Woche lang sehen zu dürfen. Und bis zum nächsten Wiedersehen wird es wohl wieder sehr lange dauern. Sie hat sich deshalb bereits auf die Warteliste setzen lassen, noch bevor sie die erste Reise angetreten hat.

Quelle: ntv.de

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