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Historischer Kassenschlager: Als der Sport die erste Million seiner Geschichte umsetzte

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 2, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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02.07.2026 | 20:13 Uhr

Mit der Fußball-WM in Amerika setzt die FIFA Milliarden um. Die erste Million generiert vor 105 Jahren aber ein legendärer Boxkampf – weil der Urpate der Promoter weiß, was die Leute wollen.

Am 22. Februar 2020 bezahlten 15.816 Zuschauer im MGM Grand Hotel in Las Vegas insgesamt 16.916.440 Millionen Dollar, um zu sehen, wie der Engländer Tyson Fury den Amerikaner Deontay Wilder verdrosch und sich zum Meister aller Box-Klassen krönte. In puncto Zuschauer-Einnahmen – dem „Live Gate“ – ein Vegas-Rekord für das Schwergewichts-Boxen. Mehr Moneten hatten in der Zockermetropole zuvor lediglich die Faustkampf-Legenden Evander Holyfield und Lennox Lewis bei ihrer Revanche Ende 1999 in die Kasse gespült. Der Preiskampf setzt allerdings seit jeher Unsummen um. Und so verblasst die moderne Marke der Herren Fury und Wilder gar, setzt man sie ins Verhältnis zum „Kampf des Jahrhunderts“, der heute vor 105 Jahren über die Bühne ging.

Am 2. Juli 1921 zwängten sich mehr als 80.000 Menschen in New Jersey in ein riesiges, achteckiges Holzstadion, um die Weltmeisterschaft im Schwergewicht zu sehen. Jack Dempsey aus den USA verteidigte seine Krone gegen den französischen Herausforderer Georges Carpentier. Dempsey, der schlaggewaltige „Manassa Mauler“, schlug den Edeltechniker Carpentier in der vierten Runde k.o. Historisch gesehen eine Randnotiz. Das Gefecht war weniger sportlich, sondern vielmehr finanziell ein Jahrhundert-Ereignis.

Zum ersten Mal generierte ein Boxkampf die damals magische Summe von einer Million Dollar. Mehr noch: Unterm Strich standen nach dem Ticket-Verkauf rund 1,79 Millionen Dollar zu Buche. Gibt man diese Zahl in einen historischen Inflationsbereinigungs-Rechner ein, spuckt dieser eine achtstellige Zahl aus: 33.498.033. Annähernd 33,5 Millionen Dollar verdienten die Veranstalter von damals nach heutigem Geldwert. Über elf Millionen Dollar mehr als 99 Jahre später bei Fury vs. Wilder in der Glitzerstadt Las Vegas (ebenfalls bereinigt).

Die zehn größten Boxkämpfe der Geschichte

Promoter-Urpate organisierte das Gefecht

Die fette Beute war freilich nötig, denn die Gagen für die Kämpfer stellten alles in den Schatten, was es im Preisboxen bis dato gegeben hatte. Dempsey, vertreten durch seinen schlitzohrigen Manager Doc Kearns, setzte für 300.000 Dollar Börse plus 25 Prozent Beteiligung an den Filmrechten seine Unterschrift unter den Kampfvertrag. Carpentier bedingte sich 200.000 Dollar aus, ebenfalls samt eines 25-Prozent-Anteils an den Filmrollen. Um den Jahrhundertkampf überhaupt auf die Beine stellen zu können, pumpte sich Promoter-Urpate Tex Rickard 160.000 Dollar (andere Quellen sprechen von 250.000 Dollar). Rickard, der das Boxgeschäft schon beherrschte, ehe es überhaupt erfunden war, wusste gleichwohl, wie er den Kampf bewerben musste, um Kasse zu machen.

Machten den „Kampf des Jahrhunderts“ fix (von links): Jack Dempsey, unbekannt, Manager Doc Kearns, Promoter Tex Rickard, Georges Carpentier, unbekannt. (Foto: imago images/Everett Collection)

Den scharfsinnigen Geschäftsmann juckte es nicht die Bohne, dass die meisten Fachleute das Duell zwischen Schwergewichts-König Dempsey und dem 16 Pfund leichteren Halbschwergewichts-Weltmeister Carpentier für sportlich überflüssig hielten. Rickard handelte gemäß dem Motto: „Gebt den Leuten, was sie wollen, wie sie es wollen und nicht so, wie du es für am besten hältst.“

Box-Blockbuster Gut gegen Böse wird zum Hit

Aus Zuschauer- und somit Promoter-Perspektive erwies sich Dempsey gegen Carpentier geradezu als Idealbesetzung für einen Box-Blockbuster „Gut gegen Böse“ respektive „Schurke gegen Helden“. Der Schurke war Dempsey, der sich 1920 in San Francisco vor Gericht hatte verantworten müssen. Dem Champ wurde zur Last gelegt, sich verflüssigt zu haben, als das US-Militär den Befehl zum Übersee-Kommando im Ersten Weltkrieg gab. Dempsey wurde zwar freigesprochen, der Makel des „Drückebergers“ blieb aber haften. Ebenso wie das Etikett des egoistischen Schurkens für den Fight gegen Carpentier, der das glatte Gegenteil symbolisierte. Das des Helden.

Als Pilot hatte Carpentier 18 Monate gegen das wilhelminische Kaiserreich gekämpft, wurde dabei zweimal verwundet, für seinen Dienst am Vaterland mit dem Croix de Guerre und der Medaille Militaire ausgezeichnet. Die Herzen seiner Landsleute schon erobert, gewann Carpentier nach dem Großen Krieg den Europameister-Titel im Schwergewicht und den WM-Gürtel im Halbschwergewicht. Die sportlichen Errungenschaften des Franzosen kratzten Promoter Rickard aber nicht wirklich. Er setzte bei seiner Werbekampagne konsequent auf Pol und Antipol, auf Gut und Böse, Held und Schurke, Krieger und Drückeberger. Das Ballyhoo fruchtete.

„Haben Sie schon mal so viele Millionäre gesehen?“

Vor den Toren New Jerseys ließ Rickard auf dem Land des Papierfabrik-Besitzers John P. Boyle in neun Wochen eine Holzarena aus dem Boden stampfen. „Boyle’s Thirty Acres“ (Boyles 30 Hektar) nannte man das riesige Amphitheater, auch wenn das Oktagon selbst „nur“ sieben Hektar beanspruchte. Ursprünglich sollte das Stadion 50.000 Zuschauern Platz bieten. Weil das Interesse an Dempsey vs. Carpentier aber derart gewaltig war, stockte man die Kapazität kurzerhand auf 80.000 auf. Für einen der hintersten Plätze mussten die Zuschauer schon 5,50 Dollar (entspricht 103 Dollar heute) berappen, ein Platz direkt am Ring kostete stolze 50 Dollar (circa 940 Dollar nach heutigem Wert).

Am Kampftag war die Hütte voll – und Rickard entzückt. „Haben Sie schon mal so viele Millionäre gesehen?“, fragte der „König der Promoter“ einen seiner Begleiter, als er die erste Reihe am Seilquadrat musterte. Was reich, schön oder beides war, was überhaupt Rang und Namen hatte, war an jenem Nachmittag des 2. Juli 1921 in New Jersey.

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Entscheidung in Runde vier: Dempsey hat Carpentier ausgeknockt. (Foto: imago sportfotodienst)

Die Geschichte des Jahrhundertkampfes an sich ist schneller erzählt. Drückeberger Dempsey wurde mit Pfiffen, Hero Carpentier zu den Klängen der Marseillaise begeistert empfangen. In Runde zwei schien es kurz, als könne Carpentier den Weltmeister entthronen. Eine knallharte Rechte des Franzosen schlug in Dempseys Gesicht ein. Dessen Ömme erwies sich aber als ebenso hart – statt den Meister aller Klassen auf die Matte zu schicken, brach sich Carpentier den Daumen.

Einhändig sah der Herausforderer danach kein Land mehr. In der Vierten knipste Dempsey seinem Gegner die Lichter aus. Als der Ringrichter Carpentier auszählte, lag dieser zusammengekauert wie ein Embryo auf dem Ringboden. Der Schurke hatte den Helden vernichtet. Und Tex Rickard fragte sich, warum er nicht den doppelten Eintrittspreis verlangt hatte.

Verwendete Quelle: ntv.de

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