Es klingt zunächst nach einer einfachen Entscheidung: Wenn eine Plattform unerträglich wird, geht man eben.
Viele haben das bei X getan. Privatpersonen, Medien, Organisationen, Firmen. Auch Mimikama hat X verlassen. Nicht aus Trotz, nicht aus einer Laune heraus, sondern weil irgendwann die Frage im Raum steht, ob man durch die eigene Anwesenheit noch etwas verbessert oder nur noch ein System mit Inhalt, Aufmerksamkeit und Legitimität versorgt, das genau davon lebt.
Bei Facebook ist es ähnlich, aber komplizierter. Viele Menschen erleben die Plattform heute nicht mehr als den sozialen Ort, der sie einmal war. Früher war Facebook für viele tatsächlich so etwas wie ein digitales Wohnzimmer: Gruppen, Bekannte, Austausch, kleine Communitys, schnelle Hinweise, manchmal sogar ein Stück Alltag. Heute fühlt es sich oft anders an. Lauter. Härter. Vergifteter. Mehr Bots, mehr Betrug, mehr Hetze, mehr Empörung, mehr algorithmischer Lärm.
Gehen oder bleiben? Das falsche Entweder-oder
Und dann stellt sich die Frage: Geht man?
Oder bleibt man, weil man die Plattform nicht vollständig jenen überlassen will, die sie kaputt gemacht haben?
Genau hier beginnt das Dilemma. Denn beides kann richtig sein.
Wer geht, entzieht einer Plattform Aufmerksamkeit, Inhalt und Normalität. Das ist nicht feige, sondern kann eine sehr klare Entscheidung sein. Niemand ist verpflichtet, seine Zeit, seine Nerven oder seine Arbeit in Räume zu stecken, die von Konzernen kontrolliert werden und in denen Empörung oft besser funktioniert als sachliche Information.
Wer bleibt, kann aber ebenfalls gute Gründe haben. Vielleicht gibt es dort eine gewachsene Community. Vielleicht erreicht man dort Menschen, die man anders nicht erreicht. Vielleicht will man Wissenschaft, Fakten, Aufklärung, Kultur oder demokratische Gegenrede nicht einfach den Lautesten, Aggressivsten und Skrupellosesten überlassen.
Es ist also nicht automatisch richtig, zu gehen. Und es ist nicht automatisch mutig, zu bleiben.
Die bessere Frage lautet: Vergrößert meine Anwesenheit das Problem oder verringert sie es?
Das gilt für einzelne Nutzerinnen und Nutzer genauso wie für Vereine, Medien, Unternehmen oder öffentliche Personen. Wer auf einer Plattform nur noch wütend scrollt, sich in endlosen Diskussionen verliert und damit den Algorithmus füttert, hilft am Ende vielleicht niemandem. Wer dort aber echte Menschen erreicht, wichtige Hinweise bekommt, Betrug sichtbar macht oder Aufklärung betreibt, kann durchaus noch Wirkung haben.
Das eigentliche Problem ist unsere Abhängigkeit
Aber dieser Gedanke führt zu einer noch wichtigeren Frage: Warum müssen wir diese Entscheidung überhaupt immer wieder auf Plattformen treffen, die uns nicht gehören?
Warum hängen digitale Gespräche, Reichweite, Sichtbarkeit und Vertrauen von Konzernen ab, deren Regeln sich jederzeit ändern können? Warum sollen Menschen, die sich informieren wollen, erst durch Werbung, Bots, Trolle, Betrugsmaschen und Empörungsmechaniken hindurch, bevor sie überhaupt bei einem seriösen Inhalt ankommen?
Das Problem ist nicht nur, dass einzelne Plattformen schlechter geworden sind. Das Problem ist unsere Abhängigkeit von ihnen.
Wenn Facebook den Algorithmus ändert, verschwindet Reichweite. Wenn X unter neuer Führung kippt, verlieren ganze Communitys ihren Ort. Wenn Plattformen Diskussionen belohnen, die laut, wütend und spaltend sind, verändert das nicht nur den Ton. Es verändert auch, welche Inhalte überhaupt sichtbar werden.
Warum digitale Aufklärung andere Räume braucht
Für digitale Aufklärung ist das ein massives Problem. Denn Faktenchecks, Warnungen vor Betrug, Einordnungen und sachliche Analysen funktionieren nicht nach denselben Regeln wie Empörungsbeiträge. Aufklärung braucht Vertrauen. Sie braucht Ruhe. Sie braucht Nachvollziehbarkeit. Sie braucht Menschen, die Fragen stellen können, ohne sofort in einer Kommentarhölle zu landen.
Aus dieser Erkenntnis ist bei Mimikama der Club entstanden.
Was der Mimikama Club ist
Der Mimikama Club ist ein eigenes soziales Netzwerk für digitale Aufklärung.
Ein Ort für Menschen, die sich über Falschbehauptungen, Internetbetrug, Desinformation, KI-Fakes, verdächtige Nachrichten und manipulative Inhalte austauschen wollen.
Nicht als Versuch, Facebook im Kleinen nachzubauen. Auch nicht als digitaler Rückzugsraum für jene, die es „draußen“ nicht mehr aushalten. Sondern als praktische Antwort auf eine unbequeme Frage: Wie kann digitale Aufklärung funktionieren, wenn sie dauerhaft von Plattformen abhängig bleibt, deren Logik ihr eigentlich widerspricht?
Der Unterschied ist entscheidend:
- Ohne Algorithmus.
- Ohne Werbung.
- Ohne Datengeschäft.
- Ohne Trolle und Bots.
- Ohne Hass und Hetze.
- Ohne Kommentarhölle.
Im Mimikama Club entscheidet kein Algorithmus, welcher Beitrag sichtbar wird. Es gibt keine Werbung, kein Datengeschäft, keine künstlich angeheizte Empörung. Und vor allem gibt es nicht jenen Dauerlärm, der viele große Plattformen inzwischen so anstrengend macht.
Der Mimikama Club ist deshalb weniger Produkt als Raum. Ein geschütztes soziales Netzwerk für Hinweise, Fragen, Austausch und Einordnung. Nicht, weil dort die Welt einfacher wäre, sondern weil dort andere Regeln gelten. Regeln, die nicht auf Aufmerksamkeit um jeden Preis ausgelegt sind, sondern auf digitale Aufklärung.

Dort können Hinweise geteilt, Fragen gestellt, Faktenchecks diskutiert und Warnungen eingeordnet werden. Nicht im Lärm einer Plattform, die von Reaktionen lebt, sondern in einem Raum, der genau dafür gebaut wurde: für Austausch, Aufklärung und digitale Verantwortung.
Faktenchecks erreichen Menschen. Der Club bringt sie ins Gespräch.
Das ist ein wichtiger Unterschied zur klassischen Arbeit von Mimikama.
Mimikama bleibt Faktenchecker. Das ist der Kern unserer Arbeit: Behauptungen prüfen, Quellen auswerten, Betrugsmaschen sichtbar machen, Falschinformationen einordnen und daraus verständliche Artikel, Warnungen und Faktenchecks machen.
Aber digitale Aufklärung besteht nicht nur aus fertigen Faktenchecks.
Ein Faktencheck erreicht Menschen dort, wo bereits eine Behauptung im Umlauf ist. Er gibt eine geprüfte Antwort auf eine konkrete Frage: Stimmt das oder stimmt das nicht? Was fehlt im Kontext? Welche Belege gibt es?
Der Mimikama Club setzt an einer anderen Stelle an.
Er ist der Raum für das Gespräch rund um diese Fragen. Für Hinweise, Unsicherheiten, Nachfragen, Diskussionen und gemeinsame Einordnung. Nicht im Lärm einer öffentlichen Kommentarspalte, sondern in einem ruhigeren Umfeld, in dem nicht der lauteste Kommentar gewinnt, sondern die bessere Frage weiterführt.
Faktenchecks liefern Orientierung. Der Club ermöglicht Beteiligung.
Faktenchecks klären konkrete Behauptungen. Der Club hilft, Muster zu erkennen.
Faktenchecks werden veröffentlicht. Im Club kann man vorher fragen, gemeinsam nachdenken, Hinweise geben und nach der Veröffentlichung weiterreden.
Der Club ersetzt also nicht die Faktenchecks von Mimikama. Er ergänzt sie. Er macht aus digitaler Aufklärung nicht nur eine Veröffentlichung, sondern ein Gespräch.
Warum Steady keine Eintrittskarte ist
Dass der Zugang über eine Steady-Unterstützung läuft, ist dabei kein Eintrittspreis im klassischen Sinn. Steady ist eine Plattform, über die Leserinnen und Leser journalistische, gemeinnützige oder unabhängige Projekte regelmäßig unterstützen können.
Im Fall von Mimikama bedeutet das: Wer über Steady unterstützt, hilft nicht nur beim Betrieb des Clubs, sondern ermöglicht die Arbeit dahinter: Recherche, Faktenchecks, Betrugswarnungen, direkte Unterstützung bei verdächtigen Nachrichten, Links, Shops, Gewinnspielen oder Behauptungen.
Der Club ist ein sichtbarer Teil davon. Die eigentliche Leistung ist größer: eine unabhängige Struktur, die Menschen im digitalen Alltag nicht allein lässt.
Das ist wichtig, weil unabhängige Aufklärung nicht von selbst entsteht. Sie finanziert sich nicht durch gute Absichten, nicht durch Wut-Kommentare und auch nicht durch die Hoffnung, dass große Plattformen irgendwann wieder fairer, ruhiger oder verlässlicher werden. Sie braucht Menschen, die diese Arbeit ermöglichen, auch dann, wenn sie nicht laut, spektakulär oder besonders klickstark ist.
Ein eigener Raum statt nur der nächste Account
Natürlich kann man weiterhin auf Facebook sein. Natürlich kann man andere Plattformen nutzen, beobachten oder dort widersprechen. Es geht nicht darum, allen vorzuschreiben, wo sie sein dürfen.
Es geht um etwas anderes: Wir sollten nicht mehr so tun, als müssten wir digitale Öffentlichkeit ausschließlich dort führen, wo andere die Regeln machen.
Vielleicht ist das die ehrlichere Antwort auf kaputte Plattformen: nicht der heroische Abschied, nicht das trotzige Bleiben um jeden Preis, sondern der Aufbau eigener Orte. Kleiner, langsamer, weniger spektakulär. Aber vielleicht genau deshalb widerstandsfähiger.
Wenn wir Räume wollen, in denen Aufklärung wichtiger ist als Empörung, müssen wir solche Räume selbst aufbauen und tragen.
Hinweis: Stand zum Veröffentlichungsdatum.
Verwendete Bilder, Screenshots und Medien dienen ausschließlich der sachlichen Auseinandersetzung im Sinne des Zitatrechts (§ 51 UrhG).
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