Die sogenannte Marathon-Wand ist berüchtigt: Im letzten Viertel des Laufs verlassen manchen plötzlich die Kräfte. Eine Datenanalyse zeigt: Männer sind häufiger betroffen als Frauen.
Zur Vorbereitung eines Marathons gehören nicht nur die richtige Ernährung und regelmäßige Läufe. Auch das „Pacing“, also die Tempo-Strategie, muss geübt und geplant werden. Wie verteilt man seine Kräfte über 42 Kilometer? Ein internationales Forschungsteam hat in einer Studie über 870.000 Marathonläufe des Berlin Marathons aus 27 Jahren analysiert. Die Ergebnisse wurden jetzt in der Fachzeitschrift Scientific Reports veröffentlicht.
Entscheidend war nicht nur die Zielzeit, sondern vor allem die Frage: Wie gut konnten Läuferinnen und Läufer ihr Tempo halten? Dafür analysierte das Team die Zeiten in Fünf-Kilometer-Abschnitten und verglichen die erste Halbmarathon-Hälfte mit der zweiten.
Die Zeiten des Berlin Marathons eigneten sich laut dem Forschungsteam besonders gut für eine solche Analyse, da die Strecke flach ist und Anstiege das Tempo kaum verfälschen.
Auch Top-Sportler laufen „gegen die Wand“
Ihr Ergebnis: Männer sind im Schnitt zwar schneller unterwegs. Aber sie werden in der zweiten Rennhälfte deutlich häufiger langsamer. Wenn ein Läufer oder eine Läuferin mindestens 20 Prozent der Laufgeschwindigkeit verloren, sprachen die Forschenden von der „Marathon-Wand“.
Über alle Leistungsklassen hinweg zeigte sich bei Männern so ein Abfall des Tempos doppelt so oft wie bei Frauen. Besonders drastisch ist der Unterschied dort, wo man ihn vielleicht am wenigsten erwartet: bei den richtig schnellen Läuferinnen und Läufern, die die Strecke unter drei Stunden beenden. Hier ist der Effekt der „Marathon-Wand“ zwar selten. Aber Männer waren etwa sechsmal so häufig betroffen als Frauen.
Selbstüberschätzung und Stoffwechsel
Die Gründe für den Unterschied könnten in den körperlichen Unterschieden zwischen Männern und Frauen liegen – und psychologische Hintergründe haben. Denn die gleichen Unterschiede in Muskelmasse und Energienutzung, die Männer tendenziell schneller werden lassen, könnten bei Frauen den plötzlichen Leistungsabfall verzögern.
Gleichzeitig weiß man aus früheren Untersuchungen, dass Männer eher dazu neigen, die eigenen Leistungen zu überschätzen und im Schnitt mehr Risiken in Wettkämpfen eingehen. Es wäre also möglich, dass sie eher dazu neigen, den Lauf zu schnell zu beginnen und sich ihre Kräfte nicht gut einzuteilen.
