Einst war die „Platte“ Verheißung sozialistischer Gemeinschaft, dann wurde sie zum sozialen Brennpunkt. Am Beispiel der Großwohnsiedlung Grünau skizziert eine Ausstellung in Leipzig jetzt Zunkunftsperspektiven.
Ein bisschen Einsatz gehörte offensichtlich dazu. Wer in die neue Leipziger „Großwohnsiedlung“ in Grünau ziehen durfte, musste erstmal mit anpacken. Und früh aufstehen, zum Beispiel zur „Feinreinigung“, wie ein Brief der „Arbeiterwohnungsbaugenossenschaft Transport“ aus dem Jahr 1978 mitteilt.
„Wir bitten Sie am Sonnabend pünktlich 7 Uhr vor Ihrem Wohnblock W.1.6, Wohngebiet Grünau, Wohnkomplex 2 zu sein“, ist auf dem vergilbten Papier mit verblichener Maschinenschrift zu lesen. „Wir bitten Sie, Ihre Kinder zu Hause zu lassen.“ Besen und Scheuereimer, Rasierklingen und Tauchsieder sollte man hingegen mitbringen.
Der Brief gehört zu einem Konvolut, das eine Familie dem Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig für die Ausstellung „Platte. Leben in der Großwohnsiedlung“ geschenkt hat. Von der „Zuweisungsbenachrichtigung“ bis zum Nachweis über die geleisteten Arbeitsstunden erzählen die Papiere vom damaligen Weg ins neue Wohnglück in Leipzig-Grünau.
Bei großen Festen sollte ein Gemeinschaftsgefühl entstehen: Ein Kindertag 1987 in der Leipziger Plattenbausiedlung Grünau.
Sorgfältig geführte Hauschronik
Solche persönlichen Erinnerungstücke aus Leipzig-Grünau stehen im Mittelpunkt der Ausstellung. Anlass ist das 50-jährige Jubiläum des Viertels.
„So viele schöne Sachen“ seien zusammen gekommen, dass man sie in den Fokus habe rücken wollen, erklärt die Kulturwissenschaftlerin Anne Meinzenbach. Die Dresdner Schau „Platte OST / WEST“ zeigt währenddessen die architektonischen Besonderheiten der „Großtafelbauweise“ – so der Fachbegriff für das, was man gemeinhin Plattenbau nennt.
Private Fotos zeigen, wie schnell sich die Neu-Grünauerinnen und -Grünauer in ihrem Viertel einrichteten. Schuleintritte und Hochzeiten, Partys und Kinderfeste beschwören die vielgepriesene Gemeinschaft aus DDR-Zeiten herauf. Davon zeugt auch eine sorgfältig geführte Hauschronik. In Schönschrift wurden dort Zuzug und Weggang von Nachbarinnen und Nachbarn ebenso vermerkt wie der gemeinsame Frühjahrsputz.
Freude über den Einzug: Brigitte und Klaus Glatzel tanzen beim Hausfest in Grünau. Einst waren die Wohnungen in der Plattenbausiedlung heiß begehrt.
„Der Professor lebte neben dem Arbeiter“
„Das Gute an dem Haus war damals, dass es eine gute soziale Durchmischung hatte“, erinnert sich Harald Kirschner. „Wie man früher sagte: Der Professor lebte neben dem Arbeiter.“ Der Fotograf zog Anfang der 1980er-Jahre mit seiner Frau in eine der großzügigen Maisonette-Wohnungen, die für die oberen Stockwerke der 16-geschossigen Punkthochhäuser konzipiert worden waren. Kirschners künstlerischen Dokumentarfotografien begleiten den Wandel des Stadtteils bis in die Gegenwart.
Nach der Wende wurden die Plattenbauen oft als „Arbeiterschließfächer“ verspottet. Neue Lebensentwürfe und Arbeitsstellen oder der Traum vom Eigenheim führten zu einem dramatischem Einwohnerschwund. Auch das soziale Gefüge brach auseinander.
In den „Baseballschläger-Jahren“ ein gefährlicher Ort
Der Schriftsteller Dmitrij Kapitelman erinnert sich gut an diese Zeit, die er die „Baseballschläger-Jahre“ nennt. „Das war Mitte der 1990er-Jahre ein ziemlich gefährlicher Ort mit sehr viel rechter Gewalt“, erzählt er. Als Kind jüdischer Kontingentflüchtlinge kam er – damals acht Jahre alt – aus der Ukraine nach Leipzig-Grünau.
Zu lächeln oder falsch gekleidet zu sein, das habe damals oft schon gereicht, sagt er. „Eigentlich waren alle, die nicht Nazis waren, in Gefahr.“ Eine solidarische Nachbarschaft habe er damals kaum erlebt, auch nicht dass jemand gesagt hätte: „Hey, wir müssen die irgendwie schützen, dass sie nicht von den Nazis mit Baseballschläger und Kampfhunden zusammengemischt werden.“ Bis heute gebe es keine angemessene Aufarbeitung dieser Zeit in Leipzig, kritisiert er.
50.000 Einwohner hatte Leipzig-Grünau zu Spitzenzeiten. Ende der 1990er-Jahre begann der „Rückbau“.
Abriss der „Eiger Nordwand“
Ab dem Jahr 2000 wurden viele der riesigen Wohnblöcke abgerissen. Auch das Haus, in dem Dmitrij Kapitelman aufwuchs, steht nicht mehr. Es hatte den Spitznamen „Eiger Nordwand“. Harald Kirschner hat einzelne Wohnungen vor dem Abriss in seiner gleichnamigen Fotoserie verewigt.
Heute wird das Potential langsam wiederentdeckt, das in der Platte steckt. Das Zeitgeschichtliche Forum Leipzig zeigt einige Projekte, die den Zukunftsgehalt der sogenannten Großtafelbauweise untersuchen.
Auch Ferienhäuser grundsätzlich denkbar
Kulturwissenschaftlerin Anne Meinzenbach nimmt eine neue Wertschätzung dieser Architekturform war. Manche Plattenbauten würden inzwischen unter Denkmalschutz gestellt. Andere dienten als Experimentierfeld. Die Frage sei: „Was kann man aus der vorhandenen Substanz machen? Wie kann man sie modern umgestalten, damit etwas Zukunftsfähiges entsteht?“ Denkbar sei es, den Wohnraum flexibler aufzuteilen oder Ferienhäuser daraus zu machen.
Auch wenn die Ausstellung solche Themen nur anreißen kann, bietet sie Ansatzpunkte für eigene Recherchen. „Platte. Leben in der Großwohnsiedlung“ könnte zum Ausgangspunkt werden, um dieses Kapitel der Leipziger Stadtgeschichte umfangreicher zu würdigen.
