Vor 80 Jahren wurde der Bikini öffentlich vorgestellt. Im Film machte er Frauen oft zum Sexobjekt. Für Feministinnen wurde er dennoch zum Symbol körperlicher Selbstbestimmung. Braucht es den Zweiteiler heute noch?
Am 1. Juli 1946 um 9:00 Uhr Ortszeit detoniert auf dem Bikini-Atoll die erste Atombombe der Nachkriegszeit. Insgesamt 23 Atomtests lässt das US-Militär hier in den 1940er- und 1950er-Jahren durchführen. Die mehr als 160 Einwohner der Bikini-Inseln werden mehrfach zwangsumgesiedelt, in ihre Heimat sollten sie nie mehr zurückkehren.
Aus heutiger Sicht wirkt es makaber, dass ausgerechnet jenes Atombombentestgebiet als Namenspatron einer vieldiskutierten Bademode in die Modegeschichte eingehen wird. Vier Tage nach der ersten Detonation im Pazifik stellt der gelernte Baumaschineningenieur Louis Réard im Piscine Molitor, einem Pariser Stadtbad, den zweiteiligen Badeanzug vor, dem er werbewirksam den exotischen Namen „Bikini“ gab. Das Atomzeitalter steht 1946 für Fortschritt, der Bikini soll denselben Aufbruch suggerieren.
Die allerersten Bikinis? Nicht ganz. Römerinnen verwendeten die bikini-ähnlichen Stoffbahnen vor allem als Sportbekleidung. Das belegen Funde in Pompeji und auf Sizilien.
So revolutionär, wie man heute glaubt, war Réards Entwurf dabei eigentlich gar nicht. Bikini-ähnliche Kleidungsstücke gibt es bereits bei den alten Römerinnen, was ein Bodenmosaik in der römischen Villa von Casale auf Sizilien beweist.
Sittsames Baden dank Preußens Zwickelerlass
Die erste Bademode für Frauen, Ende des 19. Jahrhunderts, ist alles andere als praktisch: Frau trägt knielanges Badekleid aus Wolle, mit Korsage und Hose. Schwimmen ist kaum möglich, weil sich das Kleid mit Wasser vollsaugt.
Doch die Zeiten ändern sich. Ab den 1920er-Jahren Jahren werden auch für Frauen die Bademoden kürzer, die Wolle weicht leichteren Stoffen. Gleichzeitig sorgt sich die Politik um Sitte und Anstand am Badestrand.
Das war echte Fleischbeschau: Carrie Fisher als Prinzessin Leia, gefesselt an den Thron des Weltraumwurms Jabba the Hutt im Star-Wars-Film „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ von 1983.
So erlässt das preußische Innenministerium 1932 den sogenannten Zwickelerlass. „Frauen dürfen öffentlich nur baden“, heißt es darin, „falls sie einen Badeanzug tragen, der Brust und Leib an der Vorderseite des Oberkörpers vollständig bedeckt.“
Sehnsucht nach Leichtigkeit und Ausschweifung
Aller preußischen Bemühungen um die Moral zum Trotz gewinnt ab den 1930er-Jahren der zweiteilige Badeanzug international an Popularität. In Hollywood macht unter anderem die mexikanische Schauspielerin Dolores del Rio den bauchfreien Badeanzug populär.
Der Sommer 1946, der erste nach den harten Kriegsjahren, ist in Frankreich geprägt von einer Sehnsucht nach Leichtigkeit und Ausschweifung. Das erkennt Louis Réard, als er seinen Bikini der Weltöffentlichkeit vorstellt.
Ein Bikini sei kleiner als der kleinste Badeanzug der Welt und nur dann ein Bikini, wenn er durch einen Ehering gefädelt werden könne. Tatsächlich ist der Entwurf so freizügig – entblößt er doch den ganzen Bauch samt Nabel –, dass sein Erfinder Schwierigkeiten hat, Models für die Vorstellung zu finden. Daher engagiert er die erst 18-jährige Nackttänzerin Micheline Bernardini. Das gewisse Maß an Skandalfreude gehört bereits ab dem ersten Tag zur Legende dazu.
Filmerfolge mit Marilyn Monroe und Ursula Andress
Mit Folgen: An öffentlichen Stränden in Europa und Amerika wird der Bikini verboten. Gleichzeitig feiert er auf der Leinwand Erfolge: Marilyn Monroe trägt ihn 1951 in der Komödie „Love Nest“, die erst 17-jährige Brigitte Bardot 1952 in „Sommernächte mit Manina“.
„Underneath the Mango Tree“ sang Ursula Andress als erstes Bond-Girl, als sie 1962 vor Sean Connery aus den Fluten stieg und den Bikini auch im Film salonfähig machte.
Der medienwirksame Durchbruch im Film gelingt 1962, als Ursula Andress im ersten Bond-Film „007 jagt Dr. No“ im weißen Bikini aus den Fluten steigt und eine 14-jährige Sue Lyon in Stanley Kubricks „Lolita“ ebenfalls im Bikini einem älteren Literaturprofessor den Kopf verdreht. Alle diese Filme haben eines gemeinsam: Sie betrachten die Frauen im Bikini durch die Brille ihres männlichen Protagonisten. Die Bikiniträgerin ist in erster Linie Lustobjekt mit makellosem Körper.
Das akzeptierte Quäntchen Nacktheit
Dieser Ausdeutung stellt sich Ende der 1960er-Jahre die feministische Bewegung entgegen. Für sie wird der Bikini neben dem Minirock zum Symbol körperlicher Freiheit und sexueller Selbstbestimmung. Frauen tragen ihn auch aus Protest, am Badestrand wird er nun selbstverständlich getragen.
In den Massenmedien schlägt die Werbebranche bald mit sexistischen Bildern zurück. Der Bikini zeigt sich ab den 1980er-Jahren vermehrt in der Werbung und verkauft Autos, Batterien oder Limonade. Auf den Bildschirm kommt dabei aber nur, wer die „Bikini-Figur“ vorweisen kann.
Carrie Fisher: „An Würde war nicht zu denken“
An diese Form der Fleischbeschau erinnert sich später auch Schauspielerin Carrie Fisher nur ungern. Der goldene Bikini, den sie 1983 als Prinzessin Leia im Star-Wars-Film „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ trug, gilt heute als Popkultur-Ikone. „Es war mir peinlich, dass hundert Männer völlig ausflippten, als ich mich so entblößte“, so Fisher in Interviews, „an Würde war nicht zu denken.“
Heute ist der Bikini vielleicht normalisiert, aber längst nicht unproblematisch: Die überspitzten Schönheitsbilder, denen sich insbesondere heranwachsende Frauen in den sozialen Medien ausgesetzt sehen, haben den Zweiteiler wieder ins Zentrum der Debatte gerückt – allem Werben für mehr Body-Positivität zum Trotz.
Bikini oder „Gleiche Brust für alle“?
Auch im Profisport entfacht der Bikini neue Debatten. Athletinnen stellen sich heute vehement gegen die Sexualisierung vor der Kamera, etwa im Beachhandball, wo der Bikini lange Zeit Pflichtuniform war. Der Handball-Weltverband stimmte 2021 einer Änderung der Bekleidungsvorschriften zu, nachdem sich die norwegische Nationalmannschaft öffentlich weigerte, weiterhin im Bikini aufzulaufen.
Gehört das Bikini-Oberteil bald der Vergangenheit an? Kritikerinnen fragen: Wieso sollten Frauen länger ihre Brust bedecken, wenn Männer es auch nicht tun?
In deutschen Badeanstalten streitet man derweil nicht mehr über den Bikini, sondern über seine Notwendigkeit. Zu Recht stellen Frauen die Frage, warum sie im Gegensatz zu Männern im öffentlichen Raum ihre Brust bedecken müssen. Mit Slogans wie „FreeTheNipple“ oder „Gleiche Brust für alle“ fordern Frauen weltweit mehr Normalität für die weibliche Brust.
Mit Erfolg: In vielen deutschen Gemeinden wurde das Baden „oben ohne“ mittlerweile erlaubt. Für das Personal vor Ort braucht es hierbei Schulungen, um das Freibad für Besucherinnen zu einem sicheren Ort zu machen. Auch nach 80 Jahren steckt also noch einiges an Zündstoff im Bikini. Heute verschaffen sich die Trägerinnen immerhin selbst Gehör.
