Die Stadt Al-Obeid im Sudan wird von Rebellen belagert, eine Flucht ist so gut wie unmöglich. Doch international wird kaum Druck auf die Kriegsparteien ausgeübt. Droht ein weiteres Massaker an der Zivilbevölkerung?
Die Warnungen sind drastisch. UN-Menschenrechtskommissar Volker Türk sagt, die Zeichen seien unmissverständlich: Im Sudan bahne sich eine weitere Menschenrechtskatastrophe an.
Der Sudan-Experte Roman Deckert wird noch deutlicher. Im Sudan drohe ähnlich wie in Al-Fashir im vergangenen Oktober „ein Völkermord mit Ansage“.
Al-Obeid, die Hauptstadt der Provinz Nord-Kordofan, liegt rund 400 Kilometer südwestlich von der sudanesischen Hauptstadt Khartum entfernt. Aktuell wird die Stadt noch von den Regierungstruppen gehalten. Die paramilitärischen RSF-Milizen, der Kriegsgegner, belagern Al-Obeid jedoch, und Truppenbewegungen deuten darauf hin, dass eine Offensive der RSF kurz bevorsteht.
Die Stadt mit ihren rund 500.000 Einwohnern ist strategisch in mehrfacher Hinsicht für die Lieferung von Waffen und Truppen bedeutsam – als Tor zur westsudanesischen Region Darfur in die eine Richtung, als Tor nach Khartum in die andere. Deckert sagt, man müsse darauf hoffen, dass die Regierungsarmee Al-Obeid als strategisch zu wichtig erachtet, um ihren Fall zuzulassen, anders als in Al-Faschir.
Al-Faschir als mahnendes Beispiel
Immer wieder wird der Vergleich mit der Stadt in Darfur gezogen. Al-Faschir hatten die RSF-Milizen mehr als ein Jahr lang eingekesselt und ausgehungert. Abdel Aziz Adam erzählt, wie er und seine Familie damals überlebt haben: „Drei Monate lang gab es kein Getreide. Es gab überhaupt kein Essen. Keine Zwiebeln, kein Öl, wir haben uns von Viehfutter ernährt.“
Als sich die Regierungstruppen dann im Oktober aus Al-Faschir zurückzogen und die Bevölkerung ihrem Schicksal überließen, begannen die Massaker. RSF-Kämpfer töteten Zivilisten, schossen auf Menschen auf der Flucht. Adams Frau Mahasen erinnert sich an Hunderte Leichen auf dem Weg.
Mahasen hat es in die Hauptstadt Khartum geschafft, musste aber erleben, wie ihre zweijährige Tochter in ihren Armen verblutete, nachdem sie von einem Granatsplitter getroffen wurde.
Wie viele Menschen insgesamt in Al-Faschir getötet wurden, weiß niemand genau. Menschenrechtsorganisationen gehen von mehreren zehntausend Toten aus.
Al-Faschir wurde von den Rebellen mehr als ein Jahr belagert. In der Stadt hungerten die Menschen – dann begann das Massaker.
Lebensgefährliche Flucht
Ganz so weit ist es in Al-Obeid noch nicht, die RSF-Milizen haben die Stadt noch nicht komplett umschlossen, aber die möglichen Fluchtwege sind Kampfzonen. Es sei ziemlich schwierig, aus der Stadt herauszukommen, sagt Richard Data von der Hilfsorganisation International Rescue Committee. Wer fliehe, riskiere Verletzungen oder sogar das Leben.
Auch der umgekehrte Weg sei kaum möglich, so Data. Weil die RSF versuche, die Stadt zu umzingeln, sei es für Helfer schwierig nach Al-Obeid zu kommen und Medikamente und Nahrungsmittel dorthin zu bringen.
Wenig Druck auf Unterstützer der Kriegsparteien
Die Lage ist bedrohlich, die Warnungen sind drastisch. Handlungen, um mögliche Gräueltaten zu verhindern, gibt es dennoch kaum. Das liege auch daran, dass der Sudan für die internationale Gemeinschaft keine Priorität habe, sagt Deckert. Er befasst sich seit mehr als 20 Jahren mit dem nordostafrikanischen Land, arbeitet für die Nichtregierungsorgansation Media in Cooperation and Transition.
In Al-Obeid könnte das Schlimmste verhindert werden, meint er: „Dieser angekündigte Genozid ist keine Naturkatastrophe!“ In erster Linie könnten ihn die sudanesischen Kriegsparteien abwenden.
Die aber haben mächtige regionale Unterstützer. Bei der Armee sind das Ägypten, Saudi-Arabien und die Türkei. Der wichtigste Verbündete der RSF-Milizen sind die Vereinigten Arabischen Emirate. Diese Staaten seien alle auch Partner des Westens, betont Deckert: „Aber es fehlt gerade bei den westlichen Staaten ganz offensichtlich der politische Wille, hier wirklich wirksam Druck auf die eigenen Verbündeten in der Region auszuüben.“
Vor allem scheuten es westliche Staaten, die Verantwortung der Vereinigten Arabischen Emirate klar zu benennen, aus Sorge, es sich mit einem wichtigen Partner zu verscherzen.
So bleiben die Bewohner von Al-Obeid allen Warnungen zum Trotz ohne Schutz vor dem, was bevorstehen könnte.

