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Sommer, Sonne, Sowjetunion – Russlands neue Reiserouten

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 8, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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„Patriotisch“ in den UrlaubSommer, Sonne, Sowjethelden – Russlands neue Reiserouten

Die Mutter-Heimat-Statue auf dem Mamajew-Hügel im heutigen Wolgograd: Sie erinnert an eines der schlimmsten Kapitel im Zweiten Weltkrieg – die Schlacht von Stalingrad. (Foto: IMAGO/SNA)

Auch im Urlaub sollen Russen stolz auf ihre Geschichte sein: Seit dem großangelegten Angriff gegen die Ukraine fördert der Kreml Reiseziele, die als besonders „patriotisch“ gelten. Schüler müssen nun die Denkmäler von „Nationalhelden“ bestaunen, Touristen dürfen durch historische Festungen flanieren.

Während eine ganze Schulklasse in sein Museum über den Sieg eines russischen Fürsten über westliche Kreuzritter im 13. Jahrhundert drängt, kann der Historiker Wladimir Potresow seine Begeisterung kaum zurückhalten. „Unser Museum ist klein, aber seit einiger Zeit empfangen wir rund 5500 Besucher im Jahr“, berichtet der 80-jährige Russe stolz. Grund ist die Aufnahme seiner Ausstellung „Schlacht auf dem Eis“ in eine Liste „patriotischer“ Touristenrouten.

Seit Beginn seiner Offensive in der Ukraine im Jahr 2022 versucht die russische Regierung, Stolz auf Russlands Geschichte und seine militärischen Erfolge zu fördern. So beginnt die Schulwoche nicht nur mit dem Hissen der Flagge und dem Singen der Nationalhymne – die Behörden haben auch eine Liste mit mehr als 140 „patriotischen“ Touristenzielen erstellt, die darauf abzielen, historische Siege des russischen Imperiums und der Sowjetunion hervorzuheben.

Auftrag zur „patriotischen Erziehung“

Museumsgründer Potresow, der vor mehr als einem Jahrzehnt von Moskau in das Dorf Samolwa zog, begrüßt die Besucher. „Die Schlacht auf dem Eis beendete die erste Auseinandersetzung der Geschichte zwischen Russland und dem kollektiven Westen“, sagt er unter Verwendung der Kreml-Bezeichnung für Moskaus Gegner in der Nato und Europa. Zu den ausgestellten Objekten gehören Karten und nachgebildete Helme, die Schulkinder auch gern aufsetzen dürfen.

Der Museumsbesuch findet laut der begleitenden Lehrerin im Rahmen eines Auftrags zur „patriotischen Erziehung“ statt. „Als Nächstes werden wir das Denkmal für Alexander Newski am Ufer des Tschuden-Sees sehen“, sagt sie unter Nennung des russischen Namens für den Peipussee. Die 15 Meter hohe Statue des Siegers der Schlacht war 2021 wenige Monate vor Beginn der russischen Offensive in der Ukraine von Präsident Wladimir Putin eingeweiht worden. „Die Kinder lieben sie“, betont die Lehrerin.

Die Schlacht auf dem Eis wurde 1242 auf dem zugefrorenen Peipussee ausgetragen, der heute die Grenze zwischen Russland und Estland bildet. Sie endete mit dem Sieg des russisches Heeres unter der Führung des Nowgoroder Fürsten Newski und stoppte die Expansion des katholischen Deutschen Ordens nach Osten.

Seit dem Beginn seines Militärangriffs auf die Ukraine im Jahr 2022 pumpt der Kreml Geld in Kunstausstellungen, die die russische Armee glorifizieren, und hat einen Lehrplan für Schulen eingeführt, der sich auf die militärische Schlagkraft Russlands konzentriert. „Patriotische Erziehung spielt heute eine große Rolle in unserem Leben“, sagt die Vorsitzende des Tourismuskomitees der Region Pskow im Westen Russlands, Kristina Kobis.

„Die Mutter Heimat ruft“

Die rund 140 „patriotischen“ Touristenrouten – geschaffen auf Anordnung Putins im Jahr 2023 – folgen häufig den Schauplätzen von Schlachten, die von der russischen Armee gewonnen wurden, von den Eroberungen Peters des Großen bis zum Zweiten Weltkrieg. Die Routen sollen Teil eines „patriotischen Rings“ von Touristenorten werden, der sich über Russland und die annektierten Gebiete in der Ostukraine erstreckt.

Nicht jeder braucht zusätzliche Ermutigung. Dmitri Schukow hat bereits Tausende Kilometer mit dem Fahrrad quer durchs Land zurückgelegt und bricht nun zu einer neuen, 10.000 Kilometer langen Reise von Pskow nach Wladiwostok im Fernen Osten Russlands auf. „Ich konzentriere mich eher auf die Natur. Aber in den Städten gibt es ebenfalls viel zu sehen“, sagt der 37-Jährige.

Zu den Monumenten, die er besucht hat, gehört die riesige Statue „Die Mutter Heimat ruft“, die über dem heutigen Wolgograd aufragt. Unter dem Namen Stalingrad war die Stadt Schauplatz einer entscheidenden Schlacht im Zweiten Weltkrieg.

Inländischer Tourismus hat sich fast verdoppelt

„Als ich das Denkmal ‚Die Mutter Heimat ruft‘ besuchte – die Musik und die ganze Atmosphäre, das geht einem wirklich unter die Haut, die Stimme beginnt zu zittern, und es treibt einem die Tränen in die Augen“, berichtet Schukow von seinem Aufenthalt dort.

Reisen innerhalb des eigenen Landes bleiben vielen Russen mittlerweile als einzige Möglichkeit. Westliche Staaten haben seit dem Beginn des Ukraine-Kriegs Direktflüge aus Russland gestoppt, viele EU-Länder haben Touristenvisa für Russen eingeschränkt. Im Jahr 2025 erreichte die Zahl der touristischen Reisen innerhalb Russlands fast 174 Millionen – ein Anstieg um 43,5 Prozent im Vergleich zu 2021, wie Analysten der staatlichen Bank Sberbank mitteilten.

Irina, eine Ärztin aus Krasnodar, gehört zu den Inlands-Touristen. „Warum woandershin fahren, wenn man alles direkt hier finden kann?“, fragt die 59-Jährige beim Besuch einer Festung aus dem 14. Jahrhundert in der Stadt Isborsk. „Ich war noch nie in Europa, aber ich glaube auch nicht, dass es nötig ist, woandershin zu fahren.“

Quelle: ntv.de, Victoria Loguinova-Yakovleva, AFP

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