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„Es ist immer noch frustrierend“: Netzwerk stärkt Chirurginnen in männerdominiertem Fach

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 11, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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„Es ist immer noch frustrierend“Netzwerk stärkt Chirurginnen in männerdominiertem Fach

Chirurgin Hüttl assistiert bei einem Eingriff im Bauchbereich mit dem Operationsroboter „Davinci“. (Foto: Andreas Arnold/dpa)

Der OP ist noch immer in Männerhand, nur wenige Medizinerinnen entscheiden sich für das Skalpell. Florentine Hüttl ist von der Arbeit im Operationssaal begeistert. Geholfen hat ihr ein boomendes Frauen-Netzwerk.

Sie findet Operationen „wunderschön“, OP-Säle sind für sie „Wohlfühlorte“: Florentine Hüttl ist Feuer und Flamme für ihr Fachgebiet, die Chirurgie. Dabei ist das Messer bis heute fast ausschließlich in männlicher Hand: In kaum einem Fachgebiet ist der Frauenanteil so gering wie in der Chirurgie.

Auch bei Hüttl war es eher Liebe auf den zweiten Blick. Ursprünglich wollte sie Kinderärztin oder Psychiaterin werden. Erst im Praktischen Jahr am Ende des Studiums hat sie sich „spontan in dieses Fach verliebt“, wie die 38-Jährige berichtet. Inzwischen ist sie Fachärztin für Viszeralchirurgie am Klinikum Darmstadt und arbeitet wissenschaftlich an der Universitätsmedizin Mainz. Ihre Habilitation liegt in den letzten Zügen, danach ist sie Privatdozentin.

Ihre Karriere hat Hüttl nach eigener Einschätzung auch dem Netzwerk „Die Chirurginnen e.V.“ zu verdanken. Der 2021 in Mittelhessen gegründete Verein unterstützt Frauen in der männerdominierten Fachrichtung. Mitte 2026 hat der Verein bundesweit über 3000 Mitglieder, davon 269 in Hessen und 257 in Rheinland-Pfalz. Das Netzwerk organisiert Foren, in denen die Chirurginnen sich um Rat bitten, Tipps geben, Kontakte vermitteln.

Wie der Marburger Bund anlässlich des Weltfrauentags berichtete, ist der Frauenanteil in den einzelnen medizinischen Fachrichtungen sehr unterschiedlich: „Während in der Frauenheilkunde und Geburtshilfe über 70 Prozent Ärztinnen tätig sind, liegt ihr Anteil in der Chirurgie bei nur etwa 24 Prozent.“ Besonders auffällig ist die Ungleichverteilung in Führungspositionen, so der Berufsverband für angestellte Ärztinnen und Ärzte.

Patriarchalisch geprägtes Fach

„Das Fach ist patriarchalisch geprägt“, hatte die Gründerin der „Chirurginnen“, Katja Schlosser, 2024 im dpa-Interview gesagt: „Thomas fördert Thomas und die Sylvias sind die Fleißbienen auf der Station.“ Damals arbeitete Schlosser an einem Krankenhaus in Gießen, inzwischen ist sie nach Hannover gewechselt. In ihrer Karriere war die Chefärztin in den meisten Positionen „die erste“ oder „die einzige“ Frau.

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Prof. Dr. med Katja Schlosser (2.v.l.) ist Gründerin der „Chirurginnen“. Der Verein hilft Frauen, sich in der Männerdisziplin zu behaupten. (Foto: Christian Lademann/dpa)

Hat sich seither etwas verändert? Hüttl sagt: „Es ist immer noch frustrierend, zu sehen, wie viele an einem vorbeiziehen.“ Und fügt hinzu: „Es gibt immer noch genug Hürden und Widerstände. Aber wenn man sich die richtigen Verbündeten sucht, sieht man, dass doch vieles möglich ist.“

Schwanger auf der ersten Stelle

Als die angehende Chirurgin die Zusage für ihre erste Stelle in Mainz bekam, war sie im dritten Monat schwanger. Anders als erwartet war nach ihrem „Geständnis“ nicht der Chefarzt das Problem, sondern das Mutterschutzgesetz: „Ich war neu auf Station und hab fünf Monate kein OP von innen gesehen.“

Nach einem Jahr Elternzeit ging sie sofort zurück auf 100 Prozent. Weil ihr Mann im Ausland arbeitete, war sie unter der Woche alleinerziehend. Sie ließ sich auf die Intensivstation versetzen und bat um ausschließlich Früh- und Nachtschichten. „Die Zeit war anstrengend, aber so war es machbar“, sagt sie.

„Nur“ neun Stunden in Randschichten

Wer sich als Nicht-Medizinerin jetzt fragt, wo hier die Entlastung sein soll, dem erklärt Hüttl: „Weil man nur neun Stunden arbeitet und nicht länger.“ Nachts schlief der Babysitter bei der Tochter, tagsüber hatte sie Zeit für das Kind. Während die Kleine in der Kita war, holte sie Schlaf nach.

Noch schlimmer wurde es mit Corona und Kind zwei. „Da kam ich sofort ins Berufsverbot.“ Als sie nach Ende der Pandemie zurückkehrte, handelte sie eine zweite Sonderregelung aus: stundenweise Homeoffice für die wissenschaftliche Arbeit. „Ohne ‚Die Chirurginnen‘ hätte ich mich nicht getraut, das einzufordern.“

Sexismus und subtile Diskriminierung

„Die große Resonanz auf unser Netzwerk zeigt, wie wichtig Austausch, gegenseitige Unterstützung und ein respektvolles Miteinander in der Chirurgie sind“, sagt eine Sprecherin des Netzwerks. „Gemeinsam wollen wir die Sichtbarkeit von Frauen in unserer Branche steigern und auf mehr Frauen in Führungspositionen in der Chirurgie hinwirken.“

Von Kolleginnen hört Hüttl, dass einige Frauen in der Chirurgie Erfahrungen mit Sexismus oder Gewalt am Arbeitsplatz machen. Sie selbst hat das nicht erlebt, aber viele Arten von „subtiler“ Diskriminierung mitbekommen – zum Beispiel Spitzen gegen die „Teilzeitmutti“, die es wagt, genauso viel operieren zu dürfen wie andere.

Handarbeit und Teamwork „wie Musik“

Ihre Entscheidung für die Chirurgie hat sie dennoch nie bereut. Aber was macht denn nun ausgerechnet eine vermeintlich so blutige Angelegenheit attraktiv?

Zum einen stehe man keineswegs die ganze Zeit mit dem Messer in der Hand im OP, wie auch sie das im Medizinstudium erwartet hatte, erklärt Hüttl. „Ich spreche sehr viel mit meinen Patientinnen und Patienten.“ Da viele schwer krank seien, etwa Tumorpatienten, hätten die Gespräche oft sogar „etwas Seelsorgerisches“.

Aber sie mag auch, dass die Chirurgie „so ein feines Handwerk“ ist. „Wenn man so konzentriert im Team arbeitet, dann vergisst man völlig die Zeit. Das ist wie gemeinsam Musik machen.“

Quelle: ntv.de, Sandra Trauner, dpa

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