Faktenfinder
In den USA und Deutschland werden Vorwürfe laut, dass Corona-Impfungen für Schwangere nicht sicher gewesen seien. Im Zentrum der Kritik: US-Virologe Fauci, der angeblich von dem Risiko wusste. Die Vorwürfe sind allerdings falsch.
Seit Montag wird von verschiedenen konservativen bis rechtspopulistischen Politikern und Medien die Kritik laut, dass der US-Virologe Anthony Fauci in der Corona-Pandemie 2021 gelogen habe und damit Fehlgeburten von schwangeren Frauen riskiert hätte. Diese Vorwürfe werden seitdem auch in Deutschland aufgegriffen und als Grundlage für Kritik an der deutschen Corona-Politik genommen.
Als Virologe beriet Fauci 2021 die US-Regierung unter Joe Biden in Fragen zur Corona-Pandemie. Ein aktueller Untersuchungsausschuss im US-Senat hat nun interne SMS von Fauci aus der damaligen Zeit veröffentlicht.
Screenshot einer SMS von Anthony Fauci an zwei Politiker der US-Regierung
Der Vorwurf: Fauci solle gelogen haben
Durch den Untersuchungsausschuss wurde öffentlich, was Fauci in einer SMS vom 25. Januar 2021 an zwei Politiker der US-Regierung geschrieben hat. Demnach hat Fauci geäußert, dass es durch die Impfung theoretisch Risiken für schwangere Frauen geben könnte, es aber noch an Daten fehle. Vorgeworfen wird Fauci nun, dass er wenige Tage später, am 3. Februar 2021, in einem Interview gesagt hat, dass es wahrscheinlich keine Risiken durch die Impfung für Schwangere gebe.
Gerade in Debatten auf der Plattform X werden diese zwei Aussagen ohne Kontext aufgegriffen und daraus Anschuldigungen formuliert. Fauci solle demnach intern von Risiken für schwangere Frauen sprechen und öffentlich sich für die Impfung aussprechen.
Was zwischen den Aussagen passierte
Zwischen Faucis SMS Ende Januar und dem Interview Anfang Februar wurden erste Zahlen zu den Impf-Risiken für schwangere Frauen veröffentlicht. Denn seit Anfang Dezember 2020 wurden bereits Daten über geimpfte US-Bürger gesammelt. Unter diesen geimpften Personen waren auch rund 15.000 Frauen, die erst nach ihrer Impfung feststellten, dass sie schwanger waren. Eine erste Auswertung zu diesen Schwangeren wurde am 27. Januar 2021 von der US-Regierung veröffentlicht. Also genau zwischen Faucis Aussagen.
Diese erste Auswertung der rund 15.000 schwangeren Frauen lässt nicht darauf schließen, dass für die Frauen ein Risiko für zum Beispiel Fehlgeburten ausgeht. Demnach hat Fauci in dem Interview nicht gelogen. Er hatte erst nur mögliche Bedenken geäußert und dann seine Aussage an die aktualisierten Datenlage angepasst.
Auch heute sind die Empfehlungen richtig
„Ich sehe nicht, dass Fauci da einen Fehler gemacht hat. Nachdem es Daten gab, hat er seine Bedenken fallen gelassen“, ordnet der deutsche Virologe Friedemann Weber den Sachverhalt ein. Damals sei es eine sehr dynamische Lage gewesen und die Leute haben quasi zugucken können, wie so ein Entscheidungsprozess in der Wissenschaft funktioniert.
Auch fünf Jahre nach der ersten Impfstoff-Zulassung gibt es keinerlei wissenschaftliche Belege für einen Zusammenhang zwischen der Impfung von Schwangeren und Fehlgeburten. Inzwischen gibt es eine Vielzahl an medizinischen Studien zu der Frage, ob eine Impfung für Schwangere ein Risiko darstellt. Virologe Weber ist deswegen auch der Meinung, dass eine Bewertung aus der heutigen Perspektive ungerecht ist:
Heute wissen wir natürlich deutlich mehr und damals war die Situation nicht immer gleich klar. Deswegen ist es auch unfair, Fauci jetzt so anzuschuldigen. Vor allem da er ja recht hatte.
Neben Untersuchungen zur konkreten Frage nach dem Risiko von Fehlgeburten durch eine Impfung geht es auch um die neuronale Entwicklung von ungeborenen Kindern oder Fehlbildungen. Keine der Studien findet dabei belegbare Zusammenhänge zwischen der Impfung und Risiken für die Schwangerschaft. Eine Metastudie aus dem Fachjournal „Nature“, die die Erkenntnisse von 23 Studien untersucht, betont ebenfalls, dass eine Impfung während der Schwangerschaft sicher erscheint.
Teils verkürzte Darstellung in den Medien
Die Veröffentlichung der Nachrichten erregt viel öffentliches Interesse – vor allem in den USA. Ein Post des Republikaners Ron Johnson auf „X“ hat nach zwei Tagen mehr als 18.000 Likes und sieben Millionen Views. Darin machte Johnson erstmal die SMS von Fauci öffentlich und stellte den falschen Zusammenhang zu dem Interview Faucis her.
Konservative bis rechtspopulistische Medien wie die „New York Post“ griffen das Thema auf, verkürzten dabei allerdings wie Johnson selbst teilweise den Zusammenhang. So stellt die „New York Post“ die Nachrichten als Beleg dafür dar, dass Fauci privat über ein mögliches Fehlgeburtsrisiko nachdachte, während er öffentlich behauptete, es gebe keine Probleme. Sie deutet den Inhalt der SMS als mögliches Verschweigen von Sicherheitsbedenken.
Auf „X“ schreibt die „New York Post“, Fauci habe in seiner SMS vor einem Fehlgeburtenrisiko in Verbindung mit der Impfung „gewarnt“. Das ist allerdings nicht richtig: Fauci hat in seiner SMS geschrieben, als es die Datengrundlage noch nicht gab, dass es ein Risiko geben könnte. Das war allerdings nur eine Vermutung, welche durch die kurz danach erschienene Datengrundlage widerlegt wurde. Dieser falsche Post der Zeitung hat mittlerweile knapp 27 Millionen Views auf X.
Fauci-Debatte kommt in Deutschland an
Auch in Deutschland wird das Thema aufgegriffen. So schreibt das Onlineportal NIUS in einem Post auf X: „Im kleinsten Kreis wurden Fehlgeburten als mögliches Risiko diskutiert – parallel Schwangere zum Impfen motiviert.“ Auch diese Aussage von NIUS macht den Fehler, dass der zeitliche Zusammenhang nicht dargestellt wird und nicht erwähnt wird, dass sich die Datenlage zwischen den Aussagen verändert hat.
Die AfD schreibt auf X: „Anthony Fauci diskutierte bereits im Januar 2021 theoretische Risiken von Fehlgeburten nach der zweiten Impfdosis. Dennoch wurde der Impfdruck weltweit aufrechterhalten.“ Dabei verlinkt die AfD den fehlerhaften Artikel der New York Post.
Warum wurden die SMS jetzt veröffentlicht?
Ron Johnson, der die SMS veröffentlicht hat, ist Vorsitzender des „Permament Subcommittee on Investigations“, dem ständigen Unterausschusses für Untersuchungen des US-amerikanischen Senats. Vor diesem Ausschuss muss sich Fauci derzeit wegen seiner Rolle als Berater des US-Präsidenten zu Beginn der Corona-Pandemie verantworten.
Nach Informationen der „Washington Post“ kam das US-Gesundheitsministerium in den Besitz von Faucis ehemaligem Diensthandy. Johnson tritt seit langem als Kritiker von Fauci und seinem Management der Pandemie in den USA auf. Er sitzt dem Senatsausschuss für Innere Sicherheit vor und hatte Fauci vor kurzem zu einer Anhörung vor den Ausschuss geladen. Fauci selbst verweigerte dort allerdings die Aussage.
Falschmeldungen über 82 Prozent Fehlgeburten
Mit den Aussagen über Fauci werden auch andere Falschmeldungen verknüpft. So schreibt zum Beispiel NIUS in einem Artikel über Fauci, dass es wissenschaftliche Erkenntnisse gebe, laut denen 82 Prozent der schwangere Frauen nach der Corona-Impfung eine Fehlgeburt erleiden würden – gestützt durch Aussagen des Gynäkologen James A. Thorp.
Es wird behauptet, dass in einem Bericht des Impfstoffherstellers Pfizer 26 von 32 Frauen eine Fehlgeburt hatten. Das ist aber nicht richtig. Der Bericht führt allgemein auf, wie viele geimpfte Personen sich in einer ersten Impfkampagne mit Nebenwirkungen gemeldet haben. Darunter waren 270 schwangere Frauen mit unterschiedlichsten Symptomen. Unter diesen Meldungen gab es 26 Fehlgeburten. Bei dem Bericht handelte es sich auch nicht um eine Studie, lediglich um eine Auflistung von gemeldeten Nebenwirkungen. Richtige Studien kommen immer wieder zu dem Schluss, dass die Corona-Impfung nicht im Zusammenhang mit Fehlgeburten steht.
Ebenso ist die von NIUS und anderen zitierte Studie des Gynäkologen Thorp nicht aussagekräftig. In dieser Studie aus Dezember 2022 schätzt das Forscherteam um Thorp das Risiko einer Covid-Impfung für Schwangere als sehr hoch ein. Thorps Team stützt diese Aussagen auf ein Rechenmodell. Dieses arbeitet allerdings nicht mit echten vorliegenden Zahlen zur Covid-Impfung und rechnet nur Wahrscheinlichkeitswerte. Deswegen wurden die Ergebnisse auch von anderen Forschern als nicht aussagekräftig kritisiert. Auch hier zeigen Studien, die sich auf die vorliegenden Zahlen stützen, dass es kein erhöhtes Risiko für eine Fehlgeburt gibt.
