Faktenfinder
Im Internet kursieren zahlreiche Videos und Bilder zur Situation in Ceuta. Ende Juli überquerten Zehntausende Migranten die Grenze zur spanischen Exklave. Doch einige Aufnahmen wurden manipuliert, andere in falschen Kontext gestellt.
Ende Juli überquerten laut Zahlen der spanischen Regierung mehr als 70.000 Menschen von Marokko aus die Grenze nach Ceuta. In der zu Spanien gehörenden Exklave an der nordafrikanischen Küste leben nur etwa 84.000 Menschen. Nach Angaben des spanischen Innenministeriums kehrte in der darauffolgenden Woche ein Großteil der Migranten nach Marokko zurück. Schätzungen zufolge halten sich jedoch weiterhin rund 1.000 unbegleitete Minderjährige in Ceuta auf.
Aufgrund besonderer Schutzbestimmungen dürfen sie nicht ohne Weiteres zurückgeführt werden. Viele von ihnen leben auf der Straße, da die vorhandenen Unterkünfte nicht ausreichen. Nach Angaben der spanischen Regierung starben mindestens 80 Menschen beim Versuch, die Grenze zu überwinden. Menschenrechtsorganisationen gehen von mehr als 140 Todesopfern aus.
Zu dem Andrang haben wohl auch Falschinformationen in sozialen Netzwerken beigetragen. Zahlreiche Migranten berichteten, Videos und Nachrichten auf Plattformen wie TikTok hätten den Eindruck vermittelt, die normalerweise streng gesicherte Grenze sei plötzlich offen. Zudem kursierten Meldungen über verfügbare Unterkünfte und Möglichkeiten zur Weiterreise auf das spanische Festland. Parallel verbreiteten sich Verschwörungsmythen, welche die USA oder Israel hinter der Krise vermuten. Belege dafür gibt es nicht.
Die Ereignisse in und um Ceuta waren von teils dramatischen Szenen geprägt. Die Lage vor Ort war unübersichtlich, die Krise real. Gleichzeitig verbreiteten sich in sozialen Netzwerken zahlreiche irreführende Inhalte, die bestimmte politische Narrative stützen oder verstärken sollten.
Die Erzählung vom staatlichen Schleuser
Eine weit verbreitete Erzählung lautet, marokkanische Behörden würden Migranten aktiv dabei unterstützen, nach Ceuta zu gelangen. So zeigt ein Video einen marokkanischen Beamten, der ein Grenztor öffnet und zahlreichen Menschen den Weg Richtung Ceuta freigibt. In sozialen Netzwerken wird die Aufnahme häufig den aktuellen Ereignissen zugeordnet. Faktenchecks zeigen jedoch, dass das Video deutlich älter ist. Die spanische Polizeigewerkschaft habe die Aufnahmen demnach bereits im Mai 2021 veröffentlicht. Damals überquerten ebenfalls Tausende Menschen die Grenze zwischen Marokko und Ceuta.
Ein weiteres häufig geteiltes Video zeigt Dutzende Menschen, die von der Ladefläche eines stehenden Lastwagens springen, während ein marokkanischer Beamter daneben steht. In Deutschland wurde die Aufnahme unter anderem vom Profil des AfD-Spitzenkandidaten bei der kommenden Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund, auf der Plattform X verbreitet.
Dieses Video wurde etwa 51 Kilometer von Ceuta entfernt aufgenommen.
Im Begleittext heißt es:
Erklärt Marokko gerade Spanien den Krieg? Marokko transportiert gezielt gewaltbereite junge Männer nach CEUTA. Unter Aufsicht der Polizei werden sie in LKWs an die Grenze gebracht, damit sie die Enklave stürmen. Das ist ein KRIEGERISCHER AKT zur Destabilisierung eines EU-Mitgliedsstaates, der mit allen Mitteln, auch militärischen, beantwortet werden muss. Keiner dieser Illegalen darf in der EU bleiben. Ausnahmslos ALLE müssen zurück nach Marokko verbracht werden. WANN REAGIERT DIE EU?
Dieser Kontext ist jedoch irreführend. Mehrere Recherchen kommen zu dem Ergebnis, dass das Video nicht an der Grenze zu Ceuta aufgenommen wurde: Tatsächlich entstand die Aufnahme demnach rund 51 Kilometer von der Enklave entfernt.
Die Behauptung, der marokkanische Staat habe Migranten gezielt an die Grenze gebracht, lässt sich mit diesem Video somit nicht belegen. Weitere Videos erwecken den Eindruck, Migranten aus Ceuta seien bereits mit Zügen durch Spanien Richtung Deutschland unterwegs. Faktenchecks zeigen jedoch, dass das dazu verbreitete Bahnhofsvideo in Marokko entstand.
KI-generierte Aufnahmen
Neben falsch eingeordneten Videos und Bildern kursieren auch Inhalte, die offenbar künstlich erzeugt oder bearbeitet wurden. Ein Bild soll zeigen, wie ein Soldat einen Mann, der eine Klippe erklimmt, mit einem großen Stein zu erschlagen droht.
In sozialen Netzwerken wird behauptet, die Aufnahme dokumentiere den Umgang marokkanischer Sicherheitskräfte mit Rückkehrern aus Ceuta. Medienberichten zufolge handelt es sich jedoch um ein KI-generiertes Bild. Ein Verifizierungswerkzeug von OpenAI habe ein unsichtbares Wasserzeichen erkannt, das bei der Erstellung bestimmter KI-generierter Inhalte eingefügt wird. Dass sich ähnliche Szenen in der Realität ereignet haben könnten, lässt sich dadurch allerdings nicht ausschließen.
Die Erzählung von Gewalt und Chaos
Eine weitere häufig verbreitete Erzählung berichtet von Gewalt und Chaos durch Migranten in Ceuta. Zur Untermauerung dieser Darstellung werden verschiedene Bilder und Videos aus dem Zusammenhang gerissen oder falsch verortet.
Einige Aufnahmen entstanden Medienberichten zufolge in Toulouse, Pamplona, Barcelona oder Murcia, werden aber als Szenen aus Ceuta ausgegeben. Andere Bilder zeigen zwar tatsächliche Ereignisse in Ceuta, werden jedoch in einen irreführenden Kontext gesetzt.
Besonders erfolgreich war ein Video, das mehr als vier Millionen Aufrufe erzielte und rund 47.000-mal geteilt wurde. Verbreitet wurde es vom Account des polnischen EU-Abgeordneten Maciej Wąsik von der nationalkonservativen PiS-Partei. Auch dieses Video teilte der Account von Ulrich Siegmund auf X. Das Video besteht aus acht Sequenzen, die Gewalt, Plünderungen und Chaos infolge der Migration in Ceuta dokumentieren sollen.
Diese Aufnahmen von dem Polizeiwagen zeigen nicht Ereignisse in Ceuta.
Zu dem Video wird geschrieben: „Ein Albtraum in Spanien. Rund 20 Tote, brennende Straßen, geplünderte Geschäfte und Häuser, Spanier, die geschlagen und gedemütigt werden. Die Sicherheitskräfte sind hilflos. Die Bürger sind auf sich allein gestellt. So endet die linke Ideologie.“
Inzwischen Hinweis eingeblendet
Unter dem Video wird seit etwa einer Woche ein Hinweis eingeblendet. Darin wird darauf hingewiesen, dass zumindest eine der gezeigten Szenen nicht in Ceuta aufgenommen worden sein könne, da das mit Steinen beworfene Polizeifahrzeug nicht zur spanischen Polizei gehöre.
Der Account von Wąsik weist diesen Hinweis zurück und erklärt, das Video stamme aus einer glaubwürdigen Quelle. Als Beleg verweist er auf das rechte Online-Medium Visegrád 24. Dieses ist in der Vergangenheit wiederholt wegen irreführender oder unzureichend überprüfter Informationen kritisiert worden.
Unser Faktencheck zeigt: Zwar stammen einige Sequenzen tatsächlich aus Ceuta. Die besonders drastische Szene, in der junge Männer Steine auf Polizeifahrzeuge werfen, wurde jedoch nicht in Ceuta aufgenommen. Das bestätigen auch die spanischen Behörden auf Anfrage von MDR Investigativ. Wörtlich schreibt die Autonome Stadt: „Es ist nicht Ceuta, sondern das marokkanische Grenzgebiet, und die Polizeifahrzeuge stammen aus Marokko, nicht aus Spanien.“ Auch weitere Sequenzen lassen sich anhand der Landschaft auf marokkanischem Staatsgebiet verorten.
Authentische Szenen gemischt mit irreführendem Material
Spanische Medien gingen zudem einer Szene aus dem Video nach, welche die Plünderung eines Geschäfts zeigen soll: Die Inhaberin hat dem spanischen Medium maldita.es erklärt, sie habe Wasser und Brot verteilt. Als sich immer mehr Menschen vor dem Eingang drängten, habe sie diesen mit einem Tisch blockiert. Nach ihren Angaben sei nichts gestohlen worden.
Andere Stellen in dem kurzen Video zeigen Medienberichten zufolge jedoch authentische Szenen, darunter den Versuch, über ein beschädigtes Fenster in ein Wohnhaus einzudringen.
Das Video kombiniert somit echte Aufnahmen mit falsch eingeordnetem oder irreführendem Material. Auffällig ist, dass gerade die spektakulärsten und gewalttätigsten Szenen nicht aus Ceuta stammen.
Wir haben Ulrich Siegmund über unsere Recherche informiert, inzwischen werden die beiden Videos nicht mehr unter seinem Account angezeigt.
