Luxusparfüms boomen. Immer mehr kleine Marken bringen exklusive Düfte für mehrere hundert Euro pro Flakon auf den Markt. Sind solche Preise gerechtfertigt?
Grasse, eine kleine Stadt im Süden Frankreichs, liegt in den Hügeln nördlich von Cannes an der französischen Riviera. Als Juwel an der Riviera, Hauptstadt der Düfte oder Welthauptstadt des Parfüms wird sie beschrieben. Denn der Anbau von Parfüm-Pflanzen und die Gewinnung der Duftöle hat eine jahrhundertealte Tradition. Viele Parfümhersteller werben deshalb bis heute mit den Blütenfeldern von Grasse.
In der Parfümerie Fragonard, einer der großen Parfümerien, wird seit 100 Jahren Parfüm hergestellt. Dafür unverzichtbar: die Mairose, eine der berühmtesten Parfüm-Pflanzen von Grasse. Adrien Baugiraud, Tourismusbeauftragter von Fragonard, führt durch den Garten mit Mairosen und anderen Duftpflanzen. Die Felder sind für so einen großen Hersteller allerdings überraschend klein: Fragonard besitzt nur zwei Flächen mit zusammen rund sechs Hektar. Für die Gesamtproduktion reichen die Blüten bei weitem nicht.
Blumenfelder für die Werbung
Statt für die Produktion, sind die Felder heute vor allem aus einem Grund wichtig: Marketing. „Wir nutzen unsere Blüten, aber nicht für die gesamte Produktion. Das ist unmöglich“, sagt Adrien Baugiraud in der aktuellen Folge des ARD-Formats ECHT?. Denn schon für einen Tropfen Rosenöl braucht man je nach Qualität etwa zehn bis 30 Rosenblüten. Zum Teil werden deshalb Parfümpflanzen aus anderen Teilen der Welt eingesetzt, vor allem setzen Hersteller aber auf synthetische Duftstoffe.
Viele Hersteller haben ihre Felder schon in den 1990er-Jahren stark reduziert. Später merkten sie allerdings: Das Bild von Natürlichkeit und Blütenpracht lässt sich schwer verkaufen, wenn keine echten Felder existieren. Heute wird mit den Feldern also vor allem das Image von Natürlichkeit verkauft, während die meisten Duftstoffe aus dem Labor stammen.
Was wirklich drin ist
Das Industriegebiet von Grasse hat nicht mehr allzu viel mit den romantischen Blütenfeldern zu tun. Hier leitet Xavier Blaizot eine Firma, die im großen Stil mit Duftölen handelt und Rezepturen für Nischenmarken entwickelt. Im Lager bewahrt er Duftstoffe im Wert von über drei Millionen Euro auf. Von rund 1.100 Duft-Inhaltsstoffen, die er bereithält, sind etwa 400 natürlicher Herkunft und rund 700 synthetisch.
„Synthetische Produkte sind kein Schimpfwort“, sagt Blaizot. Parfümeure arbeiteten täglich mit ihnen. Manche synthetischen Moleküle seien sogar besser für die Haut, weil natürliche Extrakte oft Mischungen aus vielen Molekülen enthalten, darunter auch potenzielle Allergene. Und diese kann man oft weglassen, wenn man Düfte künstlich nachbaut.
Das Label „Natürlich“ können viele der fertigen Düfte aber trotzdem auch dann tragen, wenn sie zum Großteil aus synthetischen Stoffen bestehen: „Ich würde schon von einem ’sehr natürlichen‘ Parfüm sprechen, wenn in meinem Parfüm acht bis zehn Prozent natürliche Öle sind“, so Blaizot.
Bis zu 8.000 Euro pro Kilo Jasminöl
In der „Duftorgel“, dem Mischlabor, setzt Blaizot Rezepturen für Parfüme um. Zunächst werden synthetische Stoffe dosiert, zum Schluss die Naturprodukte – sie sind empfindlicher gegenüber Wärme und meist teurer. So wie etwa das natürliche Jasminöl aus Grasse. Es kostet laut Blaizot 4.000 bis 8.000 Euro pro Kilogramm. In einem Parfüm wird davon jedoch nur eine minimale Menge eingesetzt: etwa 0,1 Prozent, also ein Tausendstel der Gesamtmischung. Das entspricht in einem Flakon etwa einem „halben Tropfen“.
Die fertigen Mischungen, die sogenannten Parfümöle – also die Duftmischung ohne Alkohol – können aber auch bei geringen Mengen natürlicher Bestandteile richtig teuer werden. Bei besonders kreativen, hochwertigen Mischungen liegen die Preise bei um die 300 Euro pro Kilo. Entscheidend für den Preis, den Kunden am Ende im Laden zahlen, ist aber, wie viel von diesem Parfümöl in einem Flakon landet.
Was die Herstellung kostet
Eine Beispielrechnung von ECHT? zeigt: Bei einem Luxusduft mit einem Ölpreis von 300 Euro pro Kilo und einem Ölanteil von 20 Prozent in einem 100-Milliliter-Flakon entsprechen diese 20 Milliliter Öl sechs Euro pro Flakon. Der restliche Inhalt ist im Wesentlichen Alkohol und Wasser. Trotzdem kosten solche Düfte im Handel oft 400 Euro und mehr. Das Duftöl selbst macht also nur einen kleinen Teil des Endpreises aus.
Neben dem Duftöl gibt es noch weitere Herstellungskosten, die pro Flakon anfallen: Für den Flakon selbst mit Verschluss kann man laut Xavier Blaizot zwischen fünf und elf Euro rechnen. Die Verpackung kostet zwischen zwei und zehn Euro, die Produktion und Abfüllung drei bis fünf Euro. Hinzu kommen noch mal Kosten für Lagerung und Transport in Höhe von ein bis zwei Euro und die Kosten für behördliche Prüfungen und Genehmigungen, ebenfalls ein bis zwei Euro pro Flakon.
In Summe kostet die komplette Herstellung eines 100-Milliliter-Flakons meist zwischen 15 und 36 Euro. Der Ladenpreis allerdings liegt dann oft bei mehreren hundert Euro pro Fläschchen.
Woher die hohen Ladenpreise kommen
Woran das liegt, kann ECHT? anhand eines zugespielten internen Dokuments zum Luxusduft „Alexandria II“ der Marke Xerjoff aus dem Jahr 2025 nachvollziehen. Xerjoff verkauft das Parfüm ab Werk für 126,80 Euro an Großhändler. Diese Großhändler wiederum geben das Parfüm für rund 280 Euro an Parfümerien weiter. Und die Parfümerien setzen ihre eigene Marge auf, dazu kommt die Mehrwertsteuer. Am Ende verdoppelt sich der Preis für den Kunden nochmal – im Laden kostet der Duft dann 545 Euro. Xerjoff wollte sich auf ECHT?-Nachfrage nicht dazu äußern und beantwortete auch die Frage nach der eigenen Marge nicht.
Der Bundesverband Parfümerien e.V. erklärt den hohen Aufschlag mit den hohen Kosten des selektiven Parfümerie-Einzelhandels. Laut Verband liegen die Gesamtkosten – etwa für Miete, Personal und Ausstattung – bei geschätzt etwa 45 Prozent des Nettoumsatzes, Tendenz steigend. Ein Unternehmen müsse daher mindestens „45 Prozent plus X“ verdienen, um wirtschaftlich arbeiten zu können, so der Verband auf ECHT?-Nachfrage.
Nischenparfüms sind besonders teurer
Bei kleinen Anbietern schlagen die Kosten demnach noch mehr ins Gewicht: „Da Produkte im Nischen- und Artistikbereich in der Regel weniger nachgefragt und seltener verkauft werden (…), ist kalkulatorisch natürlich eine höhere Spanne als bei „Standardprodukten“ sinnvoll.“
Nischenparfüms sind tatsächlich oft teurer als Düfte großer Modemarken wie Dior oder Chanel. Marken wie Xerjoff, The House of Oud (THoO) oder Roberto Ugolini verkaufen ausschließlich Parfüms, keine Mode. Sie produzieren in kleineren Mengen und inszenieren sich als besonders exklusiv. Der Bundesverband Parfümerien e.V. schätzt den Umsatz dieser Nischenbranche im vergangenen Jahr auf bis zu 100 Millionen Euro – nur in Deutschland.
Influencer als wichtiger Vertriebskanal
Das liegt auch daran, dass viele Kundinnen und Kunden bereit sind, mehrere hundert Euro für einen Duft auszugeben. Denn für Parfüm-Fans ist der Duft mehr als nur ein Produkt. Der 17-jährige Schüler Luca Seifert ist Parfüm-Fan auf Luxusniveau. In seinem Zimmer stehen über 40 NischenParfüms, dazu hunderte Proben. Ein Set aus zwei Düften ist sein Liebling: Zusammen getragen ergibt es eine besondere süß-pudrige Kombination. Der Preis liegt bei rund 660 Euro für das Set.
Ein Grund für die Beliebtheit der teuren Nischenparfüms: soziale Medien. Zu den erfolgreichsten deutschen Parfüm-Influencern gehört Kai Porten. Auf YouTube und TikTok stellt er Düfte vor und verkauft viele davon gleichzeitig über seinen eigenen Online-Shop. „Viele sehen Influencer als reines Werbetool“, so Porten. Marken schickten ihm Gratis-Flakons und erwarteten idealerweise positive Rezensionen. „Die wollen kostenlose Werbung, obwohl das Produkt so teuer ist.“
Porten betont, dass er auch kritische Punkte anspricht. Doch er räumt ein: Düfte, die er nicht aktiv positiv vorstellt, werden so gut wie nicht gekauft. Um einen Duft erfolgreich zu vermarkten, brauche es vor allem eine starke emotionale Geschichte – „Sommerabend in Südfrankreich“ wirkt bei vielen Konsumenten stärker als eine nüchterne Liste von Duftnoten. Denn bei Südfrankreich entstehen sehr schnell Bilder im Kopf.
