Fernsehserien aus der Türkei sind ein Exportschlager. Sie werden weltweit verkauft und erreichen Hunderte Millionen Zuschauer. Am Set herrscht enormer Druck – und auch die Regierung mischt mit.
Es geht überraschend ruhig zu am Set von „Tutsak Sevda“ („Gefangene Liebe“), an einem sonnigen Tag auf einem Pferdehof etwas außerhalb von Istanbul. Rund 70 Personen aus allen Gewerken einer Filmproduktion sind da, am ersten Drehtag dieser neuen türkischen Serie. Es ist kein Gewusel. Jeder Handgriff sitzt, denn es sind Profis am Werk.
„Gefangene Liebe“ ist eine von vielen Serien, die momentan produziert werden. Denn die türkische Serienindustrie boomt – und das schon seit Jahren. Die Türkei gehört zu den drei bedeutendsten Serien-Exporteuren der Welt. In 170 Länder werden die Serien, meist sind es Liebesgeschichten oder Dramen, verkauft. Jährlich wird dadurch rund eine Milliarde Dollar umgesetzt.
Den Erfolg türkischer Serien erklärt der Produzent Ahmet Ziyalar mit der geographischen Lage und der Kultur: „Unsere Kultur ist von sehr vielen verschiedenen Einflüssen geprägt. Menschen aus aller Welt und aus den unterschiedlichsten Kulturen können in unseren Produktionen etwas von sich selbst wiederfinden. Dadurch fällt es ihnen sehr leicht, eine emotionale Verbindung aufzubauen.“
Überlange Folgen in kurzer Zeit
Türkische Serien verkaufen sich dabei nicht nur gut, sie sind auch sehr günstig in der Produktion. Die Serienmacher arbeiten teilweise mehr als 15 Stunden pro Tag. Und die Sender strahlen die Serien oft sofort aus, sodass die nächste Folge schon innerhalb weniger Tage produziert werden muss.
Frauen aus der Filmcrew der Serie „Gefangene Liebe“ arbeiten am Set.
Hinzu kommt, dass die einzelnen Folgen oft 120 bis 150 Minuten lang sind. Das sprengt im internationalen Vergleich gewohnte Sendeformate, was wiederum auch einen enormen Druck für alle Beteiligten bedeutet.
Zeynep Kücükerciyes, Drehbuchautorin bei „Gefangener Liebe“, beschreibt das so: „Unsere Arbeitszeiten, die Deadlines, die Seitenzahlen – und die kurzen Abstände, in denen wir liefern müssen. Wir schreiben jede Woche praktisch einen Kinofilm und geben ihn ab.“
Regierung fördert die TV-Produktion
Auch finanziell steigt der Druck: Durch die hohe Inflation in der Türkei wurde die Produktion in den vergangenen Jahren immer teurer. Im Jahr 2022 stieg die Teuerung nach Angaben des Internationalen Währungsfonds sprunghaft an – auf 72,3 Prozent. In den folgenden Jahren sank sie wieder, lag aber vergangenes Jahr noch bei knapp 35 Prozent.
Die Inflation trifft auch die Sender und Streaming-Plattformen. Sie können den Serienmachern weniger zahlen, weil auch sie weniger Geld aus der Werbung bekommen. Das hat nun auch die türkische Regierung auf den Plan gerufen. Sie weiß um die Bedeutung des Exportschlagers, denn die Serien bringen nicht nur viel Geld ein, sondern kurbeln auch den Tourismus in Richtung Türkei an.
Der türkische Kulturminister Mehmet Ersoy hat deshalb ein Förderprogramm für Serien auf den Weg gebracht. Bis zu 100.000 Dollar in türkischer Lira werden pro Folge ausgezahlt – wenn sie bestimmte Kriterien erfüllen. Neben einer Ausstrahlung in mehreren Ländern sollen die Serien einen positiven Beitrag zur Förderung des Tourismus und der Kultur der Türkei leisten.
Wertevermittlung oder Propaganda?
Auf der anderen Seite sollen sie wohl auch konservativ-islamische Werte achten. Das gilt generell für Serien im türkischen Fernsehen, die von der türkischen Rundfunkaufsichtsbehörde RTÜK kontrolliert werden. Diese hat wegen mancher Serien auch schon Geldstrafen verhängt oder sie absetzen lassen.
Das merken auch die Serienmacher. „Es gibt eine Art Routinezensur. Wir wissen, was wir laut Rundfunkaufsicht nicht tun dürfen, daran haben wir uns gewöhnt“, sagt Drehbuchautorin Zeynep Kücükerciyes. Sie wird konkreter: „Sex, Drugs, Rock’n’Roll – das gibt es alles nicht. Das dürfen wir nicht verwenden. Auch bei der Weltanschauung unserer Figuren sind wir stark eingeschränkt – sie bleibt meist blass.“
Etwas anders ist es bei Serien, die der öffentlich-rechtliche Rundfunk TRT produziert. Denn auch der mischt mittlerweile im Serienmarkt mit und verbreitet dabei nationalistische und konservative Werte. Kritiker wie der Schauspieler und Gewerkschafter Cem Yiğit Üzümoğlu sprechen von einer Art Propagandawerkzeug: „Es geht um Identitätsbildung – eine bestimmte Vorstellung von Familie, Religion, Tradition (…) wird ständig neu konstruiert.“
Wirtschaftlich gesehen bleibt die türkische Serienindustrie ein Riesengeschäft – egal ob private Anbieter oder öffentlich-rechtlich, ob Drama oder Propaganda.
