Unter praktisch jedem größeren Mimikama-Beitrag gibt es Menschen, die seit Monaten erklären, dass Mimikama sie überhaupt nicht interessiert. Sie verpassen trotzdem kaum einen Beitrag. Ein neuer Artikel erscheint, und kurz darauf sind die vertrauten Namen wieder da: „Was für ein Blödsinn.“ „Ihr seid doch keine Faktenchecker.“ „Warum wird mir diese Seite überhaupt angezeigt?“ Und manchmal der Klassiker: „Ich lese euch schon lange nicht mehr.“ Geschrieben unter einem Artikel, den die betreffende Person offensichtlich gerade gelesen hat.
Das ist kein Mimikama-Spezialphänomen. Man findet es unter Beiträgen von Zeitungen, Parteien, Influencern, Aktivistinnen und Wissenschaftlern – praktisch überall, wo Menschen starke Zustimmung oder starke Ablehnung empfinden. Manche folgen Accounts, über die sie sich fast ausschließlich ärgern, andere suchen deren Inhalte gezielt auf. Umgangssprachlich hat sich dafür der Begriff Hate-Following etabliert. Er ist keine psychologische Diagnose und kein abgegrenztes Störungsbild, taucht aber durchaus in der Forschung auf: Jaap Ouwerkerk und Benjamin Johnson führten Hate-Following bereits 2016 in einer Untersuchung zu Folgemotiven auf sozialen Netzwerken unter den „dunkleren“, antisozialen Motiven – neben Schadenfreude, abwärts gerichtetem sozialen Vergleich und Tratsch. Gemeint ist schlicht ein seltsames digitales Verhalten: Ich kann jemanden nicht ausstehen – und will trotzdem genau wissen, was diese Person als Nächstes sagt.
Die kurze Antwort auf die Frage, warum das so ist, lautet: Ablehnung kann Aufmerksamkeit erstaunlich stark binden, und soziale Rückmeldungen können dieses Verhalten zusätzlich verstärken. Die längere Antwort ist interessanter.
Warum der Ärger länger bleibt als das Nicken
Menschen behandeln positive und negative Informationen nicht gleich. In der psychologischen Forschung wird seit Langem ein sogenannter Negativity Bias untersucht: Negative Informationen können unsere Aufmerksamkeit stärker beanspruchen, stärker gewichtet werden und länger im Gedächtnis bleiben als vergleichbar positive. Das gilt nicht immer und nicht für jeden Menschen gleich, ist als grundlegendes Phänomen aber gut dokumentiert. Intuitiv ergibt es auch Sinn. Wer durch einen Wald geht, für den ist die hübsche Blume angenehm – das Geräusch, das auf eine Gefahr hinweisen könnte, verlangt hingegen Aufmerksamkeit. Unser Gehirn wurde nicht für Kommentarspalten entwickelt, aber seine Aufmerksamkeitsmechanismen verschwinden dort nicht.
Online bekommt dieser Effekt eine moderne Variante. Ein Beitrag, den wir vernünftig finden, wird gelesen, vielleicht geliked und anschließend vergessen. Ein Beitrag, der uns massiv ärgert, beschäftigt uns weiter. Wir lesen die Kommentare, wollen wissen, ob andere ebenfalls widersprechen, formulieren vielleicht selbst eine Antwort und schauen zehn Minuten später nach, ob jemand darauf reagiert hat. Plötzlich haben wir wesentlich mehr Zeit mit jenem Inhalt verbracht, den wir angeblich am wenigsten sehen wollen.
Wenn der Widerspruch Applaus bekommt
Richtig interessant wird es, wenn aus dem gelegentlichen Widerspruch eine Gewohnheit entsteht. Eine 2021 in Science Advances veröffentlichte Untersuchung von William Brady, Molly Crockett und Kollegen analysierte 12,7 Millionen Tweets von 7.331 Nutzern und untersuchte, wie Menschen moralische Empörung online ausdrücken. Bekamen Nutzer für empörte Äußerungen soziale Rückmeldungen wie Likes oder Shares, stieg die Wahrscheinlichkeit, dass sie später erneut Empörung ausdrückten. Die Forschenden beschreiben dahinter Lern- und Verstärkungsprozesse – und ergänzen, dass sich Nutzer zusätzlich an den Ausdrucksnormen ihres jeweiligen Umfelds orientieren.
Das heißt nicht, dass jeder böse Kommentar eine Art Sucht auslöst; so einfach funktioniert menschliches Verhalten nicht. Es zeigt aber einen Mechanismus, der in sozialen Netzwerken besonders gut gedeiht. Man sieht etwas, das einen ärgert. Man widerspricht. Andere stimmen zu, jemand antwortet empört zurück, darauf muss selbstverständlich noch einmal geantwortet werden. Aus zwei Minuten werden zwanzig. Beim nächsten Beitrag beginnt das Spiel von vorne.
Die Belohnung muss dabei gar nicht darin bestehen, die Gegenseite überzeugt zu haben. Häufig dürfte sie in der eigenen Gruppe liegen. Zustimmung durch Gleichgesinnte signalisiert: Ich gehöre zu denen, die das durchschauen. Ich lasse „denen“ das nicht durchgehen. Ein Kommentar wird damit auch zu einer öffentlichen Positionierung der eigenen Identität – und die möchte man wiederholen.
Vom Widerspruch zum Ritual
Wie aus einem einzelnen Kommentar eine Gewohnheit werden kann.
Ärger
Ein Beitrag stört. Negative Reize können Aufmerksamkeit stärker binden als positive oder neutrale.
Widerspruch
Ein Kommentar wird geschrieben – auch als Signal an die eigene Gruppe.
Rückmeldung
Likes, Zustimmung, Gegenrede. Jede Reaktion holt einen zurück in den Thread.
Wiederholung
Beim nächsten Beitrag ist die Reaktion schon eingeübt. Das Muster hält sich selbst am Leben.
Belohnt wird nicht, wer recht hat. Belohnt wird, wer reagiert.
Grundlage: Brady et al., Science Advances 2021 (12,7 Millionen Tweets). Die Studie zeigt Lerneffekte auf Twitter – kein Automatismus, der bei jedem Menschen gleich greift.
Der Gegner als Spiegel
Gerade bei politischen Inhalten zeigt die Forschung, welche Rolle Gruppenzugehörigkeit spielt. Eine 2021 in PNAS erschienene Untersuchung von mehr als 2,7 Millionen Beiträgen politischer Akteure und Medienaccounts auf Facebook und Twitter kam zu einem auffälligen Ergebnis: Beiträge über die politische Gegengruppe wurden erheblich häufiger geteilt als Beiträge über die eigene Gruppe. Sprache über politische Gegner war in diesem Datensatz ein besonders starker Prädiktor für Engagement.
Das passt zu etwas, das man täglich in Kommentarspalten beobachten kann: Menschen definieren sich teilweise darüber, wogegen sie stehen. Wer eine bestimmte Zeitung unerträglich findet, kennt jede Titelseite. Wer eine Politikerin verachtet, schaut jedes Interview. Wer einen Influencer lächerlich findet, weiß bemerkenswert genau, was der gestern in seiner Story erzählt hat. Und wer Mimikama für bedeutungslos hält, erscheint zuverlässig unter dem nächsten Mimikama-Beitrag.
Das wirkt widersprüchlich, ist psychologisch aber nicht exotisch. Ein Gegner ist für die eigene Identität enorm nützlich. An ihm lässt sich ständig demonstrieren, wer man selbst ist, zu welcher Gruppe man gehört und welche Werte man verteidigt. Die Ablehnung hält die Beziehung am Leben.
„Warum zeigt Facebook mir dauernd diesen Mist?“
Diese Frage steht oft genau unter jenen Beiträgen, die jemand angeblich nicht sehen will. Eine mögliche Antwort lautet: weil das eigene Verhalten einen Teil der Signale liefert, aus denen Plattformen auf Interessen schließen. Meta beschreibt die Funktionsweise seines Feed-Rankings im eigenen Transparenzzentrum. Demnach fließen tausende Signale in die Vorhersage ein, welche Inhalte für eine Person relevant sein könnten – darunter ausdrücklich Likes, Kommentare und geteilte Beiträge, aber auch stillere Hinweise wie das bloße Betrachten eines Posts. Das System versucht vorherzusagen, mit welchen Beiträgen jemand wahrscheinlich interagieren wird.
Wer also regelmäßig Beiträge einer Seite öffnet, liest und kommentiert, liefert dem System ziemlich viele Informationen darüber, womit er sich beschäftigt. Der Algorithmus kann keine Gedanken lesen. Er sieht Verhalten.

An dieser Stelle muss man allerdings mit einer populären Vereinfachung aufräumen. Nicht jeder wütende Kommentar führt dazu, dass ein Beitrag explosionsartig mehr Reichweite bekommt. Ranking-Systeme sind komplizierter, Plattformen verändern sie laufend, und Meta bietet mit Funktionen wie „Weniger anzeigen“, Stummschalten oder Entfolgen ausdrücklich Möglichkeiten an, bestimmte Inhalte seltener zu sehen. Auch die Forschung liefert kein einfaches Gesetz nach dem Motto „negativ gewinnt immer“.
„Empörung bringt Reichweite“ – stimmt das?
Was oft behauptet wird, und was die Studienlage tatsächlich hergibt.
Die verbreitete Annahme
Jeder wütende Kommentar pusht den Beitrag.
- Der Algorithmus belohne Negativität grundsätzlich
- Wer dagegen kommentiert, verschaffe dem Gegner Reichweite
- Empörung sei die sicherste Währung im Netz
Was belegt ist
Es kommt darauf an – und die Befunde widersprechen sich teilweise.
- Beiträge über die politische Gegengruppe wurden deutlich häufiger geteilt (2,7 Millionen Posts, PNAS 2021)
- Negative Nachrichtenartikel wurden 1,91-mal häufiger auf Social Media geteilt (Scientific Reports 2024)
- Aber: Negative Nachrichtenbeiträge von 97 Medienhäusern erhielten 15 Prozent weniger Likes und 13 Prozent weniger Kommentare (Vorabveröffentlichung 2025, sechs Länder)
- Meta nennt tausende Ranking-Signale – Kommentare sind eines davon
Empörung kann Engagement fördern. Sie tut es nicht automatisch und nicht unter allen Umständen.
Die dritte Studie in dieser Übersicht verdient einen Hinweis: Sie liegt bisher als Vorabveröffentlichung vor, also ohne abgeschlossenes Begutachtungsverfahren. Dass sie den anderen Befunden teilweise widerspricht, ist aber gerade der Punkt. Die seriöse Aussage lautet: Das Internet ist komplizierter als „Kommentar gleich Reichweite“.
Wer entscheidet hier eigentlich?
Wer verhindern möchte, dass ihm eine bestimmte Seite ständig begegnet, hat effektive Möglichkeiten: entfolgen, stummschalten, Inhalte ausblenden, Empfehlungen reduzieren. Widersprechen darf man natürlich trotzdem. Öffentliche Kritik ist ein legitimer Bestandteil öffentlicher Debatten, und auch unter Mimikama-Beiträgen muss niemand unserer Meinung sein.
Merkwürdig wird es erst dort, wo jemand über Monate jeden Beitrag verfolgt, permanent kommentiert und gleichzeitig behauptet, mit dieser Seite nichts zu tun haben zu wollen. Denn dann lohnt sich eine unangenehme Frage: Wer entscheidet hier noch, womit ich meine Aufmerksamkeit verbringe? Der Account, über den ich mich ärgere? Der Algorithmus? Oder längst meine eigene Gewohnheit?
Was passierte, als wir diese Frage stellten
Wir haben die Ausgangsfrage dieses Artikels vorab auf Facebook gestellt. Die Kommentare darunter waren aufschlussreicher als erwartet – und zwar nicht nur wegen der Kritiker. Eine Person warf uns vor, Mimikama wolle nur von der eigenen Zielgruppe kommentiert werden, damit es keinen Widerspruch gebe. Der Einwand verdient eine ehrliche Antwort: Nein, der Artikel beschreibt ein Verhalten, keinen unerwünschten Besucher. Wer hier widerspricht, ist willkommen. Bemerkenswert ist nur die Kombination aus „diese Seite interessiert mich nicht“ und dauerhafter Anwesenheit.
Interessanter war, was auf der anderen Seite geschah. Ein großer Teil der zustimmenden Kommentare erklärte die Dauerkritiker kurzerhand mit Etiketten: dumm, denkfaul, Trolle, Bots, Parteigänger, in einem Fall sogar Parasiten. Das ist keine Erklärung, erinnert aber ziemlich genau an das Muster, das die PNAS-Studie beschreibt – Sprache über die Gegengruppe, die innerhalb der eigenen Gruppe besonders viel Zustimmung erzeugen kann. Der Reflex funktioniert also nicht nur bei denen, die Mimikama ablehnen. Er funktioniert bei allen, die eine Gegenseite haben. Uns eingeschlossen.
Ein Kommentar brachte es unfreiwillig auf den Punkt: Die Unzufriedenen seien doch unsere Abonnenten, das sehe nach einer Rückkopplung aus. Gemeint war das als Kritik. Es ist aber ziemlich genau die These dieses Artikels.
Nah am Doomscrolling – aber nicht dasselbe
Manche dieser Verhaltensweisen erinnern in abgeschwächter Form an ein anderes, inzwischen recht gut untersuchtes Phänomen. Beim Doomscrolling konsumieren Menschen wiederholt und teilweise schwer unterbrechbar negative Nachrichten oder beunruhigende Informationen. Eine 2026 veröffentlichte Übersichtsarbeit beschreibt es als zwanghaft wirkendes Konsumverhalten, bei dem unter anderem Unsicherheit, Grübeln und Schwierigkeiten mit der Selbstregulation eine Rolle spielen können. Die bisherige Forschung zeigt allerdings vor allem Zusammenhänge und kann Ursache und Wirkung noch nicht in allen Punkten sauber trennen.
Hate-Following und Doomscrolling sind nicht dasselbe. Der Vergleich zeigt trotzdem etwas Grundsätzliches: Menschen konsumieren Informationen nicht nur, weil sie ihnen guttun oder weil sie sie mögen. Manchmal schauen wir gerade deshalb wieder hin, weil uns etwas aufregt. Das erklärt, warum der Vorsatz „Jetzt schreibe ich denen einmal, was ich von ihnen halte“ so leicht zur Serie wird. Wenn dieselbe Person zwei Jahre später noch immer unter fast jedem Beitrag erklärt, wie wenig sie von dieser Seite hält, ist aus dem einmaligen Widerspruch längst eine Beziehung geworden. Eine feindselige vielleicht, aber eine erstaunlich stabile.
Der treueste Leser muss kein Fan sein
Für Medien und Plattformen hat das eine kuriose Konsequenz. Die klassische Vorstellung lautet: Ein treuer Leser ist jemand, der eine Marke mag. Soziale Medien zeigen, dass es auch anders geht. Es gibt Menschen, die einer Seite zustimmen und gelegentlich vorbeischauen. Und es gibt Menschen, die diese Seite verabscheuen und keinen einzigen Fehltritt verpassen wollen. Die zweite Gruppe kann emotional deutlich stärker gebunden sein.
Genau deshalb lohnt sich gelegentlich ein Blick auf das eigene Medienverhalten. Welche Accounts sehe ich ständig, obwohl ich sie angeblich nicht sehen will? Welche Personen machen mich regelmäßig wütend? Und wie viel Zeit verbringe ich inzwischen damit, Menschen zu beobachten, denen ich eigentlich keine Aufmerksamkeit schenken wollte? Man muss nicht jeden Unsinn unbeantwortet stehen lassen. Aber man muss auch nicht drei Jahre lang jeden Dienstag um 18.37 Uhr nachsehen, ob der verhasste Account schon wieder etwas veröffentlicht hat – und sich danach wundern, wenn der Algorithmus das für eines der größten persönlichen Interessengebiete hält.
Zum Mitnehmen
Drei Fragen, bevor man wieder dagegen kommentiert
- Will ich das sehen – oder will ich mich ärgern?Beides bindet Aufmerksamkeit. Nur eines davon ist eine bewusste Entscheidung.
- Für wen schreibe ich diesen Kommentar?Für die Seite, die ich kritisiere – oder für die Leute, die mir zustimmen sollen?
- Was bekommt der Algorithmus als Signal?Klicks, Betrachtungsdauer, Kommentare und viele weitere Interaktionen. Ein wütender Kommentar bleibt zunächst ebenfalls eine Interaktion.
Quellen
- William J. Brady, Killian McLoughlin, Tuan N. Doan, Molly J. Crockett: How social learning amplifies moral outrage expression in online social networks, Science Advances, August 2021
- Steve Rathje, Jay J. Van Bavel, Sander van der Linden: Out-group animosity drives engagement on social media, PNAS, 2021
- Negative online news articles are shared more to social media, Scientific Reports, September 2024
- Negative news posts are less prevalent and generate lower user engagement than non-negative news posts across six countries, arXiv-Vorabveröffentlichung, Juli 2025
- Meta: Our Approach to Facebook Feed Ranking und Facebook Feed AI system, Transparency Center
- Alexander T. R. Sharpe et al.: The influence of doomscrolling on mental health: a scoping review, Mental Health and Digital Technologies, Mai 2026
- Jaap W. Ouwerkerk, Benjamin K. Johnson: Motives for Online Friending and Following: The Dark Side of Social Network Site Connections, Social Media + Society, 2016
- Roy F. Baumeister, Ellen Bratslavsky, Catrin Finkenauer, Kathleen D. Vohs: Bad is Stronger than Good, Review of General Psychology, 2001
