Abbruch der KommunikationMenschen, die „ghosten“, leiden oft mehr als gedacht
Beim sogenannten Ghosting bricht eine Person jeglichen Kontakt plötzlich ab. Eine Studie zeigt, dass sich die Ghoster dabei schlechter fühlen, als ihre Opfer vermuten. Und: Schon wenige Worte können vieles ändern.
Man schreibt eine Nachricht, und es kommt nichts zurück. Nicht nur für ein paar Stunden, sondern womöglich für Tage, Wochen oder dauerhaft. Das plötzliche und unangekündigte Abbrechen jeglicher Kommunikation wird als „Ghosting“ bezeichnet, insbesondere beim Dating. Eine Person verschwindet – wie ein Geist, englisch „ghost“ – aus dem Leben der anderen, beantwortet auch keine Nachrichten und Anrufe mehr. Eine neue Studie zeigt nun, dass die „Ghoster“ sich dabei schlechter fühlen, als die Wartenden glauben.
Ein Forschungsteam der University of California in Berkeley und der University of Cambridge hatte drei Experimente mit mehr als 1100 Teilnehmern durchgeführt. Dabei kam heraus, dass Geghostete meist deutlich unterschätzten, wie schlecht sich die Ghoster fühlten. Am größten war die Lücke, wenn jemand gar nicht absichtlich geschwiegen hatte, schreiben die Forscher im Fachmagazin „Personality and Social Psychology Bulletin“.
Während Ghosting in der Wissenschaft meist als Trennungsstrategie im Dating-Kontext definiert wurde, wählten die Forscher für die aktuelle Studie eine breitere Definition, erklärte Mitautorin Coral Zheng dem Portal PsyPost. „Neben einer absichtlichen Strategie, die darauf abzielt, eine Beziehung endgültig zu beenden, gibt es Situationen, in denen Menschen versehentlich vergessen zu antworten, die Nachricht einfach nicht sehen oder eine Antwort strategisch hinauszögern, was die andere Person möglicherweise bereits als Ghosting interpretiert“, so Zheng.
Im ersten Versuch der Studie sollten sich 195 US-Amerikaner an den letzten Fall erinnern, in dem sie einem Bekannten nicht geantwortet hatten, oder umgekehrt. Die Ghoster fühlten sich schuldiger und trauriger, als die Wartenden annahmen.
In einem weiteren Versuch chatteten Fremde zunächst acht Minuten miteinander. Dann durfte einer die zweite Runde schwänzen, und der andere wartete fünf Minuten allein im Chatfenster. Hier zeigte sich der Effekt nur, wenn das Wegbleiben auch als Ghosting empfunden wurde. Viele der Fernbleibenden bewerteten ihr eigenes Verhalten allerdings weniger stark als Ghosting als die Wartenden. Dafür glaubten die Sitzengelassenen fälschlich, ihr Gegenüber denke schlecht über sie.
Kurzantwort macht schlechtes Gewissen kleiner
Wie viel ein paar Worte bewirken, zeigte ein weiterer Teilversuch mit 601 Teilnehmern. Sie sollten sich vorstellen, ein flüchtiger Freund antworte gar nicht oder nur mit „Sorry, ich kann gerade nicht reden“. Mit einer Kurzantwort fiel das schlechte Gewissen deutlich kleiner aus. Und die Empfänger bezogen die Absage seltener auf sich. Statt zu grübeln, vermuteten die meisten, der andere sei einfach beschäftigt.
Hinter dem Schweigen steckt demnach oft mehr schlechtes Gewissen, als der Geghostete meint. Wer den Ghoster für gleichgültig hält, könnte dadurch weniger bereit sein, den Kontakt wieder aufzunehmen, vermuten die Forscher. Zheng rät, lieber kurz Bescheid zu geben, bevor man abtaucht. Offen ist allerdings, was eine gute Kurzantwort ausmacht: die Entschuldigung, die Erklärung oder das Versprechen, sich später zu melden? Das sollen künftige Studien klären.
