Auch positive Folgen möglichDas steht Deutschland im El-Niño-Winter bevor

Jedes Jahr zu dieser Zeit kursieren Langfristprognosen zum Winterwetter in Deutschland. In diesem Jahr ist aber einiges anders – denn El Niño könnte entscheidend sein.
Auch wenn es in den letzten Tagen immer wieder sehr mild war: Ja, das Winterhalbjahr steht unvermeidlich bevor. Und damit auch die teils sehr fragwürden Winterprognosen. Zumindest schallten in den letzten Jahren immer zu dieser Zeit Prognosen vom Jahrhundertwinter durchs Land. Aber in diesem Jahr ist alles anders.
In diesem Jahr wird plötzlich vor einem anderen Extrem gewarnt: Ein El-Niño-Winter, der uns ordentlich einheizen könnte. Und das, obwohl dieses Klimaphänomen viele tausend Kilometer entfernt über dem Pazifik stattfindet? Ganz unbegründet sind diese Vermutungen nicht, wie ein genauer Blick auf den Ist-Zustand und die Langfristberechnungen der Wettermodelle zeigt.
Schon der Sommer war global auffällig
Zunächst lohnt ein Blick zurück. Über die Sommermonate waren global drei Dinge besonders auffällig. Zum einen gab es das sich sehr schnell aufbauende El-Niño-Ereignis im Pazifik. Außerdem gab es nicht nur bei uns sehr starke Hitzehochs. Sie reihten sich wie ein Gürtel um die Nordhemisphäre. Und drittens war es gleichzeitig in der Arktis überraschend kalt und schon im September schlug dort der Winter regional heftig zu.
Tatsächlich könnten alle drei Dinge miteinander zusammenhängen. Eigentlich zeigen sich die globalen Auswirkungen von El Niño immer erst im Spätherbst und im darauffolgenden Winter. In diesem Jahr gab es allerdings im Sommer eine explosionsartige Entwicklung zu einem Rekord-El-Niño. Sofort gab es am Pazifik und am tropischen Atlantik Auswirkungen: Eine fast komplett ausgefallene Hurrikan-Saison am Atlantik, dafür eine sehr starke am Pazifik.
Starker Winter-Polarwirbel durch El Niño möglich
Das extreme El Niño hat durch die extrem warmen Meeresoberflächen im Pazifik schon im Sommer einen riesigen Energie-Input in die tropische Atmosphäre erwirkt. Dieser hat deswegen wohl schon im Sommer global die Drucksysteme verändert. Ein Teil dieses System ist der Polarwirbel, der durch El-Niño-Ereignisse in der Regel verstärkt wird.
Kurz zum Polarwirbel: Dieser besonders im Winter stark ausgeprägte Windgürtel um die Arktis wirkt wie ein Windvorhang am Kaufhaus. Der Wind trennt die Kälte im Äußeren von der Wärme im Inneren – also die Arktis-Kälte von der Wärme in unseren Breiten. Verstärkt El Niño nun den Polarwirbel, hätte dieses Klimaphänomen vom Pazifik indirekt auch in Europa Einfluss. Es bringt tendenziell kältere Verhältnisse in den arktischen Regionen und wärmere weiter südlich.
Es ist schwer von Einzeljahren auf allgemeine Muster zu schließen, schließlich besitzt das Klimasystem eine große Variabilität. Mit dem sich beschleunigenden Klimawandel verändert sich ohnehin das ganze Klimasystem. Dennoch mehren sich die Indizien, dass der Rekord-El-Niño schon im Sommer den normalerweise sehr schwachen Polarwirbel verstärkt hat und dass es im Winterhalbjahr einen besonders starken arktischen Polarwinter geben könnte.
Langfristmodelle sind sich ungewöhnlich einig
Übersetzen wir das auf die für uns relevanten Wetterlagen: Ein starker Polarwirbel bringt uns in Europa mehr kräftige Tiefs über dem Nordatlantik, damit einher geht mehr milder Westwind. Gleichzeitig steigt der Luftdruck über dem Kontinent an. Hochs über dem Kontinent drehen den Wind im Mittel sogar eher auf Südwest. Es wird noch milder.
Und genau dieses Muster zeigen die Langfristmodelle der beiden großen Atmosphäreninstitute, dem europäischen ECMWF und der amerikanischen NOAA für den kommenden Winter. Für alle Monate werden deutlich überdurchschnittliche Temperaturen berechnet. Auch ein Vergleich mit den letzten Super-El-Niño-Jahren unterstützt diese Berechnungen. Alle diese Winter fielen milder bis deutlich milder als üblich aus. Das letzte „normale“ El Niño brachte uns 2023/34 sogar den drittwärmsten Winter seit Aufzeichnungsbeginn.
Winter in Deutschland zu El-Niño-Jahren:
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Super-El-Niño 1972/73 – minimal zu mild (Norden mild, Süden kalt), extrem trocken
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Super-El-Niño 1982/83 – mild, sehr nass für viele
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Super-El-Niño 1997/98 – sehr mild, sehr trocken
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Super-El-Niño 2015/16 – sehr mild, leicht nasser
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El-Niño 2023/24 – extrem mild, extrem nass
Kälter als normal wäre es dagegen in den arktischen Regionen. Auch das passt wieder zum Muster, das wir schon im Sommer beobachtet haben. In Skandinavien und im Baltikum war der Sommer sehr frisch. Das wirkte sich sogar bis in unseren Norden und Nordosten aus. Es gab dort zwar heftige Hitzespitzen, aber keine Dauerhitze wie im Südwesten. Ähnliches könnte nun auch im Winter geschehen. Einzelne heftige Kaltlufteinbrüche von Norden sind also trotzdem nicht ausgeschlossen. Sie könnten aufgrund der Intensität der Kälte im Norden sogar kurzzeitig sehr heftig ausfallen.
Hoffnung auf mehr Regen?
In einem derart durch westliche Winde geprägten Winter würde auch viel Feuchtigkeit Europa erreichen. Für die Atlantikstaaten dürfe es ziemlich nass werden. Wie viel bei uns davon ankommt, ist fraglich, denn über Europa soll es – wie oben beschrieben – mehr Hochdruck geben. Die ursprünglich sehr nassen Signale in den Berechnungen der Langfristmodelle ruderten zuletzt wieder zurück. Auf diese Entwicklung muss man hinsichtlich unserer Fluss- und Grundwasserpegel mit Sorge blicken. Trockenere und wärmere Verhältnisse brächten auch erneut einen fatalen Winter in der Alpen mit sehr wenig Schnee.
Zum Glück sind die Berechnungen hinsichtlich Niederschlag noch etwas unsicher und ohnehin nicht auf „komplett trocken“ umgeschwenkt. Sie zeigen aktuell normal nasse Verhältnisse mit der Tendenz zu etwas überdurchschnittlichen Niederschlagsmengen im Westen und Südwesten. Für die weiterhin extrem leeren Gewässer Bodensee, Rhein und Co ist das eine vorsichtig optimistische Aussicht.