Thomass-Einstand im „Tatort“Gott sei Dank für diesen Garten

In ihrem ersten Franken-„Tatort“ bekommt Rosalie Thomass einen Fall mit echtem Gewicht: Missbrauch, Rache und die Frage, ob ein Freispruch für immer gelten muss. Erzählt wird er allerdings mit Figuren aus dem Holzschnitt und Dialogen, die zuverlässig Fremdscham auslösen. Die beste Rolle in „Gottesgarten“ spielt die Landschaft.
„Man soll Gott für alles danken, sogar für die (Ober)Franken.“ Mit diesem Satz stellt sich Kommissarin Emmy Rathgeber (Rosalie Thomass) ihren neuen Nürnberger Kollegen vor. Wer dabei nicht zusammenzuckt, kommt vermutlich ohne Schaden durch den Rest des Abends. Allen anderen bleibt ein Trost, und der ist kein ganz kleiner: Selten war Oberfranken im Ersten so schön anzuschauen.
Es ist ein guter Felsen, von dem die drei Jugendlichen ihre Beine baumeln und den Blick in die Ferne schweifen lassen. Der Autor dieser Kritik weiß das aus erster Hand: Er macht das auch jedes Mal, wenn er zurück in seine alte Heimat kommt. Mit großer Kunstfertigkeit hat Autor Constantin Lieb die Drehorte im „Gottesgarten“, wie der Landstrich zwischen Bad Staffelstein und Lichtenfels marketingtauglich genannt wird, ausgewählt. Und dass er im gleichnamigen Film bewusst die wilde Schönheit des Staffelbergs bevorzugt und die majestätischen Wahrzeichen Kloster Banz und Vierzehnheiligen außen vor lässt, lässt zu Beginn auch auf den Inhalt hoffen. Allerdings in weiten Teilen zu Unrecht, zwischen den Zeilen passiert in diesem „Tatort“ zu wenig.
Zwetschgenquarkknödel zu Thomass‘ Einstand
Aber der Reihe nach, sprich zum Einstand von Rosalie Thomass als „Tatort“-Kommissarin. Den Rahmen steckt Polizeipräsident (Stefan Merki) gleich zu Beginn ab: „Wir machen das mal ganz pragmatisch.“ Gemeint ist die Nachfolge von Paula Ringelhahn. Dagmar Manzel hatte die Rolle nach zehn Fällen abgegeben, Felix Voss (Fabian Hinrichs) ermittelte zuletzt in „Ich sehe dich“ allein. Nun steht Kriminalhauptkommissarin Rathgeber im Büro: eine Oberbayerin, die am Tag nach Voss‘ Geburtstag mit Blumen anrückt und gegen dessen Brummschädel gleich eine Tablette aus der Handtasche zieht. Für Thomass, gebürtige Münchnerin und Grimme-Preisträgerin („Eine unerhörte Frau“), ist es der erste Einsatz als „Tatort“-Ermittlerin. Ihren Durchbruch hatte sie passenderweise bereits 2005 in einem BR-„Polizeiruf“ von Dominik Graf.
Das gute alte Kompetenzgerangel bei der Einführung neuer Kommissare löst Drehbuchautor Constantin Lieb nicht ungeschickt als angedeuteten Spagat. „Ich glaube, ein Kompetenzgerangel fand niemand interessant“, sagt Thomass. Ganz verzichten mag das Drehbuch trotzdem nicht darauf: Eine Weile hängt eine passiv-aggressive Stimmung in der guten, fränkischen Luft. Bis Rathgeber klarstellt, dass sie nicht als Assistentin neben Voss herläuft und ihren (Mit)Führungsanspruch formuliert: „Versprochen?“ Große Versprechen lägen ihm nicht, entgegnet Voss. „Aber ich kann Ihnen mein Wort geben, wenn Ihnen das wichtig ist.“ Welches Wort, das denn wäre, fragt Rathgeber. „Zwetschgenquarkknödel.“
Später werden die Knödel zum Aufhänger für eine vorsichtige private Annäherung der beiden: Voss erklärt seine heftige Wut auf die Reaktion des Vaters des Toten mit seiner eigenen Familiengeschichte, Rathgeber hört zu und reagiert einfühlsam – spätestens hier ist der Konflikt zwischen den Beiden Geschichte. Die Geschichte der Kommissarin deutet das Drehbuch dagegen nur an: ein verlorener kleiner Bruder, ein Blick, der in der Pathologie dem toten Elias ausweicht. Auserzählt wird das wohl erst in den kommenden Fällen.
Scherenschnitt vor Postkartenkulisse
Sicherlich auch, weil sich Drehbuchautor Lieb ohnehin eine Menge vorgenommen hat. Es geht in „Gottesgarten“ um Missbrauch und Rache, um junge Menschen, die sich von traditionellen Geschlechterbildern lösen, und um Eltern, die damit nicht umgehen können. Und es geht um den Grundsatz, dass niemand nach einem Freispruch wegen derselben Tat erneut angeklagt werden darf – ein Prinzip, über das in Deutschland ernsthaft gestritten wird: 2021 beschloss der Bundestag eine Ausnahme für Mord und andere unverjährbare Verbrechen, 2023 erklärte das Bundesverfassungsgericht sie für verfassungswidrig. Stoff genug für einen großen Film.
Vielleicht ein bisschen zu groß für einen „Tatort“, denn erzählt wird er bevorzugt als Scherenschnitt. Elias‘ Vater (Horst Kummeth) etwa handelt den Tod seines Sohnes mit einem „Selber schuld. Oder net?“ ab – mehr Zwischentöne gönnt ihm das Drehbuch nicht. Auch Voss‘ oben schon angerissener Vater-Monolog an der Tankstelle kommt arg simpel daher und sorgt bei sensibleren Zuschauern für einen kleinen, harten Fremdschämknoten unterhalb des Zwerchfells. Aber immerhin: Der Sprit kostet dort gerade mal 1,53 Euro. Feels like gute, alte Zeit, man kann sich also gut für einen Moment ablenken.
„Besonders schön finde ich, dass der Regisseur Dustin Loose und das fabelhafte Schauspielensemble auch den Humor und die Leichtigkeit des Fränkischen hervorragend getroffen haben, ohne es zu sehr auszustellen“, sagt Lieb im BR-Pressedossier. Vielleicht bezieht sich der Autor auf eine frühere Schnittfassung, man weiß es nicht. Denn im fertigen Film taugen viele der Szenen, die dem Publikum die fränkische Seele näherbringen sollen, vor allem als Wegzapp-Moment.
Bleibt die Landschaft. Die Wege durchs Obermaintal, hinauf zum Staffelberg und rund um Bad Staffelstein ist Lieb nach eigenen Worten schon als Kind und Jugendlicher gegangen, und Kameramann Clemens Baumeister macht daraus Bilder, die bei jedem Exil-Franken – den Autor dieser Zeilen eingeschlossen – zuverlässig Heimweh auslösen. Nur: Wenn die Kulisse die überzeugendste Darstellerin eines Krimis ist, hat der Krimi ein Problem. Der „Gottesgarten“ hätte eine feinere Umsetzung verdient. Für einen Einstand, der mit Rosalie Thomass gut besetzt ist, ist das eine verschenkte Chance. Vielleicht wird es ja was mit dem nächsten Fall: „Totholz“ ist bereits abgedreht und soll voraussichtlich 2027 laufen.