Überzogene Warnungen vor Gewalt?Aktivistin Neubauer sieht „Hyperventilierung“ bei Protest-Debatte
Viel wurde vor möglicher Gewalt bei den Jugendprotesten am Wochenende gewarnt. Das Bundeskriminalamt hat jedoch keine Hinweise auf eine „grundsätzlich unfriedliche Versammlungslage“. Luisa Neubauer fordert mehr Verständnis für die Anliegen junger Menschen.
Das Bundeskriminalamt (BKA) geht aktuell nicht davon aus, dass die für Samstag angekündigten Jugendproteste in Deutschland so gewalttätig verlaufen wie in Frankreich. Die Behörde teilte mit, „dass dem BKA keine Erkenntnisse vorliegen, die Rückschlüsse auf eine grundsätzlich unfriedliche Versammlungslage zulassen“.
Es gebe zwar „vereinzelte Kommentare und Postings“, die als Aufrufe zu Gewalt interpretiert werden könnten. „Konkrete Aufrufe zu organisierter Gewaltanwendung können derzeit allerdings nicht durch das BKA festgestellt werden“, sagte ein Sprecher.
Das BKA betont, dass sich Mobilisierungsaufrufe in den sozialen Medien von den gewaltsamen Ausschreitungen im Ausland distanzieren. Im Netz ruft eine Initiative, die sich „GenZ regelt“ beziehungsweise „GenZ steht auf“ nennt, für den 31. Oktober zu Protesten in 23 Städten auf. Sie setzt sich unter anderem für mehr Klimaschutz, Maßnahmen gegen steigende Lebenshaltungskosten und gegen die Wehrpflicht ein. Dabei lehnt sie Gewalt ausdrücklich ab. Bei Protesten in Frankreich und in anderen europäischen Ländern war es zu Krawallen gekommen.
Die Klimaschutzaktivistin Luisa Neubauer forderte angesichts der Debatte im Vorfeld der Proteste mehr Verständnis für die Anliegen junger Menschen. Die Diskussionen um die geplanten Demonstrationen bestätigten den Eindruck jener, die sich nicht ernst genommen fühlten, führte Neubauer in einem Video auf ihrem Instagram-Kanal aus.
Neubauer: Junge Menschen fühlen sich „verarscht“
„Wieder einmal quillt aus jeder Zeile, aus jeder Rede, aus jedem Statement heraus diese Annahme, dass junge Menschen in diesem Land in gewisser Weise zu Gast sind in einer Gesellschaft der Älteren und dass sie sich gefälligst an die Regeln zu halten haben und bitte stets zuversichtlich, hoffnungsvoll sein sollen, aber bloß keine falschen Fragen stellen und gar nicht aus der Reihe tanzen“, sagte Neubauer.
Dies sei einer der Gründe, warum sich junge Menschen hierzulande „auf gut Deutsch verarscht“ vorkämen, so Neubauer. Der Generationenvertrag funktioniere nicht mehr. Es würden immer größere Lasten auf künftige, junge Generationen abgeschoben. Sie sprach von einer „unglaublichen Respektlosigkeit“.
Neubauer sagte, wie der Protest verlaufen werde, sei unklar. „Was an diesem Samstag jetzt konkret passiert? Unfassbar schwer zu sagen.“ Die Protestkultur habe sich geändert. Websites ließen sich in kurzer Zeit mit KI erstellen, während dies vor wenigen Jahren bei ihrer eigenen Organisation Fridays for Future noch sehr aufwendig gewesen sei.
Die Arbeit an Bewegungen verändere sich, erklärte Neubauer. „Und ich würde Leute ermutigen, dann einfach mal zu gucken, was passiert und jetzt ein bisschen runterzufahren mit der Hyperventilierung“, erklärte sie. „Gibt es Unterwanderungspotenziale? Natürlich, das gibt es in jeder Bewegung in Deutschland.“
Die Organisatoren der Initiative „Gen Z regelt“ gehen bei den Protesten am Samstag von einem entspannten Verlauf aus. „Wir rufen dazu auf, solidarisch und friedlich gemeinsam auf die Straße zu gehen“, sagte Amadeo, ein Sprecher der bundesweiten Organisationsgruppe. Mit Ausschreitungen rechne er nicht: „Ich gehe davon aus, dass es entspannt wird.“
Er betonte jedoch, dass alles, was außerhalb der Versammlungen stattfinde, nicht in ihrer Verantwortung liege. „Wir können nur für das verantworten, was wir selbst organisieren“, sagte Amadeo, der seinen Nachnamen nicht öffentlich machen möchte.
