Früher als geplant tritt die Suche nach einer Nachfolge für EZB-Chefin Lagarde in die heiße Phase – die Französin scheidet vorzeitig aus dem Amt. Was sind die Hintergründe, wer könnte nachrücken an der Spitze der Notenbank?
Eigentlich waren heute an der Börse alle Augen auf die Zinssitzung der Europäischen Zentralbank gerichtet. Doch dann gab es plötzlich eine Videobotschaft von Christine Lagarde, die ihren vorzeitigen Rückzug als EZB-Präsidentin bekanntgab. Es sei für sie eine große Ehre und ein „riesiges Privileg gewesen, dieser Institution zu dienen“, so die Französin. Sie verlasse die Notenbank mit einem Gefühl, gute Arbeit geleistet zu haben. Und mit einer Institution, die für die Zukunft gerüstet sei.
Seit einigen Monaten gab es immer wieder Gerüchte, darüber dass Christine Lagarde früher gehen könnte. Der Rücktritt zu diesem Zeitpunkt ist für Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, deshalb auch keine Überraschung: „Positiv ist, jetzt wissen wir zumindest, wann die Amtszeit endet. Die Perspektive ist klar, dass da ein Nachfolger pünktlich kommen wird. Und zumindest ist da jetzt Klarheit.“
Entscheidung vor der Frankreich-Wahl
Am 7. Februar kommenden Jahres will Lagarde ihr Amt aufgeben. Eigentlich wäre ihre Amtszeit bis Ende Oktober gelaufen. Der Zeitpunkt jetzt sei gut, findet David Kohl, Chefvolkswirt vom Bankhaus Julius Bär: „Vielleicht hilft es auch, nicht von den eigentlichen Themen abzulenken, die eben nicht die personelle Besetzung sind, sondern eher was die Europäische Zentralbank macht, beziehungsweise machen muss.“
Das ist die hohe Inflation im Euroraum, die die Währungshüter in den Griff bekommen müssen. Noch vor den französischen Präsidentschaftswahlen im Frühjahr macht Christine Lagarde damit den Weg für eine Neubesetzung frei. Groß ist offensichtlich die Sorge, dass eine rechtspopulistische Regierung in Paris die Nachfolgersuche unmöglich machen könnte.
Macron bestimmt noch mit
Lagarde habe „große Verdienste um die Stabilität des Euros“, sagte Markus Ferber, Finanzexperte der CSU im Europaparlament. Aber es stelle sich die Frage, „ob sich eine Notenbank, die immer großen Wert auf ihre Unabhängigkeit gelegt hat, sich selbst abhängig von Wahlterminen in ihren Mitgliedsstaaten macht“. Nun bleibt es noch in den Händen von Emmanuel Macron, über Lagardes Nachfolge mitzuentscheiden.
Aus Lagardes Umfeld hieß es heute, Christine Lagarde trete vorzeitig zurück, um mehr Freiheit zu haben, ihre Ansichten zu äußern und sich mit nicht-finanziellen Angelegenheiten zu befassen.
Welche geldpolitische Linie folgt?
An den Finanzmärkten wünscht man sich nun eine waschechte Geldpolitikerin oder einen waschechten Notenbanker als Nachfolge. „Dann muss es eine Persönlichkeit sein, die auch unabhängig ist gegenüber den Politikern“, so Jörg Krämer von der Commerzbank „Die Staatsschulden sind hoch. Alle Staatsminister wollen natürlich möglichst niedrige Zinsen – also eine Standhaftigkeit ist sehr sehr wichtig. Und dann muss es auch eine Person sein, die moderieren kann.“
Zwei Namen werden aktuell besonders oft genannt: der Niederländer Klaas Knot und der Spanier Pablo Hernandez de Cos. Beide haben unterschiedliche Stärken, der eine ein Krisenmanager, der andere ein Befürworter einer lockereren Geldpolitik.
Es geht um das große Personaltableau
Auf EU-Ebene geht nun der Personalpoker los. „Entscheidend ist nicht nur, wer auf Lagarde folgt, sondern welche geldpolitische Linie die Märkte erwarten und welche Linie weiter verfolgt wird, und das entscheidet der EZB-Rat und nicht nur Frau Lagarde an der Spitze“, sagte der Kapitalmarktexperte der Steubing AG, Tim Oechsner.
Auch das große europäische Personaltableau wird bei der Nachbesetzung auf dem EZB-Chefsessel eine Rolle spielen: Wer hält bereits Spitzenpositionen – wie zum Beispiel Deutschland mit Ursula von der Leyen in der EU-Kommission -, wer nicht, wer wäre mal wieder an der Reihe?
Weitere Positionen neu zu besetzen
Der SPD-Europaabgeordnete Matthias Ecke verlangt den Vorrang von Sachkenntnis bei der Entscheidung. Es müsse jemand den Spitzenposten bekleiden, der mit den neuen geld- und währungspolitischen Realitäten umgehen könne. Und: „Es kann nicht darum gehen, dass man einfach die Zinsen erhöht und damit das Wachstum abwürgt und Jobs gefährdet, wenn die Inflation doch eigentlich aus Angebotsschocks, Ölpreisschocks, aus Krieg und aus den Übergewinnen von einigen Konzernen erwächst.“
Im Frankfurter Zentralbank-Tower werden neben Lagardes-Posten weitere Positionen frei. Dazu zählt etwa der Job des Chefvolkswirtes und die Nachfolge von Isabel Schnabel im EZB-Direktorium. Bundeskanzler Friedrich Merz hat ankündigt, die Nachfolgesuche soll bis Jahresende abgeschlossen sein.
Mit Informationen von Thomas Spickhofen, ARD-Studio Brüssel.

