O Captain, mein CaptainPatrick Stewart ist tot: Shakespeare zwischen den Sternen

Was Führung bedeutet, lernten Generationen auch deutscher Kinder von Patrick Stewart als Captain Jean-Luc Picard. Der Engländer veredelte „Star Trek“ und „X-Men“ mit Shakespeare-Gravitas – ersparte Fans aber auch nicht so manche brutale Wahrheit. William Shatner vermisst ihn schon jetzt.
Wer hätte gedacht, dass dieser kahlköpfige Engländer von der Royal Shakespeare Company der ultimative Sternen-Ritter werden würde. Als Patrick Stewart 1987 mit „Raumschiff Enterprise – Das nächste Jahrhundert“ im US-Fernsehen Premiere feierte, war die Frage eher, ob er das Zeug hatte, in die Fußstapfen von William Shatner alias Captain Kirk zu treten. Dann aber tat Stewart nach einigen Anlaufschwierigkeiten weit mehr: Er schuf mit Captain Jean-Luc Picard einen Helden für Philosophen, Wissenschaftler und die Neugierigen dieser Welt.
Die Nachricht vom Tod des „Star Trek“-Stars schockte am späten Donnerstagabend deutscher Zeit Fans in aller Welt. Sir Patrick Stewart war am Vortag nach kurzer, schwerer Krankheit an den Folgen einer Alzheimer-Erkrankung und der Lewy-Körperchen-Demenz gestorben, wie seine Familie auf Instagram mitteilte. Der 86-Jährige starb demnach in seinem Haus in Los Angeles im Kreise seiner Familie und Freunde – „umgeben von Live-Musik, Gebeten, Tränen, Gelächter und der Art profunder Emotion, die nur er in uns allen wecken konnte“.
Shatner würdigt Stewart
Shatner kondolierte als einer der ersten Weggefährten ebenfalls auf Instagram Stewarts. „Was für eine herzzerreißende Woche das gewesen ist“, schrieb der 95-Jährige. Nur drei Tage vor Stewart war Shatners „Star Trek“-Weggefährte Walter Koenig (Pavel Chekov) im Alter von 90 Jahren gestorben.
„Sir Patrick Stewart war ein Freund, Kollege und ein fabelhafter Schauspieler“, würdigte Shatner seinen Nachfolger auf der Brücke der Enterprise. Stewart habe stets Intelligenz, Anmut und ein tiefes Gefühl der Menschlichkeit vermittelt. „Captain Picard stand für das Beste von uns und das galt auch für den Mann, der ihn gespielt hat“, schrieb der Kanadier Shatner. „Er wird schmerzlich vermisst werden.“
Beinahe hätte Stewart allerdings einen Fehlstart hingelegt. Sein Picard ist in der ersten Staffel von „Raumschiff Enterprise“ noch eher ein griesgrämiger Einzelgänger, den Kinder nur nerven. Mit der Zeit entdeckten die Autoren und Stewart aber die wahren Stärken dieses Gegenentwurfs zu den charmanten Space-Cowboys im Stile von Kirk oder Han Solo. Dabei konnte Picard durchaus auch ein Frauenheld sein.
Captain Picard Forever
Es waren aber vor allem die zutiefst menschlich-philosophischen Fragen, die „Raumschiff Enterprise“ im Allgemeinen und Picard im Besonderen so besonders machten – von der Frage der Menschlichkeit des Androiden Data (Brent Spiner) über die Folgen von Folter bis zum geträumten Parallelleben Picards auf einem dörflichen Planeten in der Episode „Das zweite Leben“.
Schwer vorstellbar, wie „Star Trek: The Next Generation“ mit einem anderen Schauspieler in der Hauptrolle ausgesehen hätte. Bereits Stewarts Erscheinungsbild verlieh Picard von Anfang an den Anstrich intellektueller Eleganz. Dabei war der Schauspieler in einfachen Verhältnissen aufgewachsen. Er kam am 13. Juli 1940 in der Kleinstadt Mirfield in der englischen Grafschaft West Yorkshire als jüngster von drei Söhnen einer Weberin zur Welt. Sein Vater diente als Fallschirmjäger im Krieg und war einer der letzten Soldaten, die aus Dunkirk gerettet wurden.
Stewart sprach später offen über sein kompliziertes Verhältnis zu seinem Vater, eines charismatischen Mannes, der seine Mutter brutal geschlagen habe. „War er wach, schwebten wir alle in Gefahr“, schrieb er 2009 in einem Artikel für den „Guardian“. Als kleiner Junge stellte sich Stewart schützend vor seine Mutter und erlebte die vernichtende Hilflosigkeit, wenn selbst Polizisten oder Rettungssanitäter nicht eingriffen. „Gewalt ist eine Entscheidung, die ein Mann trifft“, schrieb Stewart – bekannte sich aber dazu, später selbst den schlimmen Lektionen seines Vaters erlegen zu sein.
Väterliche Gewalt als Trauma
Die Theaterbühne wurde für Stewart früh ein Refugium. Doch auch dort fühlte er sich nicht immer sicher. Wenn eine Rolle nach mörderischer Wut verlangte, habe er immer gefürchtet, etwas tief in sich zu entfesseln. Erst 1981, während der Arbeit am Shakespeare-Drama „Das Wintermärchen“, konnte Stewart dieses Trauma überwinden, wie er schrieb.
Im Jahr darauf verließ Stewart die Royal Shakespeare Company und begann das nächste Kapitel seiner Karriere. Er war dem prestigeträchtigen und damals noch jungen Theaterensemble 1966 – also mit Mitte 20 – beigetreten und machte sich rasch einen Namen. Zugleich war er sich nicht zu schade fürs Fernsehen – von anspruchsvollen Literaturverfilmungen bis hin zur Soap Opera „Coronation Street“ und war auch in einigen Filmen zu sehen, allen voran David Lynchs „Dune“ (1984).
So richtig konnte Stewart davon aber nicht die Rechnungen bezahlen. Also akzeptierte er zögernd das Angebot, in einer Neuauflage der ihm unbekannten US-TV-Serie „Star Trek“ die Hauptrolle zu übernehmen – und erzürnte damit seinen guten Freund Ian McKellen. Der warnte Stewart, er riskiere seine Theaterkarriere. Da war es eine hübsche Ironie der Hollywoodgeschichte, dass Stewart und McKellen ab dem Jahr 2000 im „X-Men“-Franchise zu Superhelden-Gegenspielern wurden.
Stewart blieb „Star Trek“ auch nach dem Ende von „Raumschiff Enterprise“ 1994 treu – in zahlreichen Kinofilmen, Cameos in neuen Ablegern bis hin zu seiner Rückkehr in „Star Trek: Picard“ (2020-2023). Stewart ließ vor der Kamera aber auch gern mal locker, etwa in der Gastrolle als schwuler Operndirektor in der Sitcom „Frasier“.
Ehrungen und Ritterschlag
Er war mehrmals für einen Emmy und Golden Globe nominiert. 1996 erhielt er mit dem deutschen Tonmeister Martin Sauer einen Grammy für seine Aufnahme von Sergei Prokofjews Musikmärchen „Peter und der Wolf“. 2009 erhob ihn Queen Elizabeth II. aufgrund seiner Verdienste um die Schauspielkunst in den Rang eines Knight Bachelor und Stewart durfte fortan den Titel „Sir“ führen.
Der Schauspieler kehrte nach dem Ende von „Raumschiff Enterprise“ auch zurück auf die Theaterbühne. Am Rande einer Inszenierung von „Macbeth“ in New York lernte der Brite 2008 die 45 Jahre jüngere Sängerin Sunny Ozell kennen. Sie wurde 2013 seine dritte Frau. Aus erster Ehe stammen Stewarts zwei Kinder.
Sein Sohn Daniel spielte seinen Sohn in der „Raumschiff Enterprise“-Folge „Das zweite Leben“. Diese Picard-zentrierte Episode aus der fünften Staffel gilt einigen Fans als ein Höhepunkt der gesamten Serie. Picard spielt darin eine Flöte. Diese (nicht als Instrument zu gebrauchende) Requisite wurde bei der großen Christie’s-Auktion zu 40 Jahren „Star Trek“ 2006 zunächst auf nur 300 Dollar geschätzt, später korrigiert auf 1200 Dollar. Am Ende erfolgte der Zuschlag bei 48.000 Dollar – eindrucksvoller Beweis für die bleibende emotionale Verbindung der Fans zu Picard und Stewart.
Etwa zehn Jahre später erzählte Stewart bei einer Podiumsdiskussion mit seinem (ebenfalls kahlköpfigen) Sohn, wie der Besitzer der Flöte ihn hinter den Kulissen einer „Macbeth“-Aufführung in London besucht und um ein Autogramm auf dem Flötenkasten gebeten habe. Stewart tat dem Fan den Gefallen. Er erwähnte aber beiläufig, dass es noch drei weitere Exemplare der Flöte gab: „Sie hätten mal sein Gesicht sehen sollen.“