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Startseite»Politik»AfD-Spitzenkandidat Siegmund: Das Gesicht des Machtanspruchs
Politik

AfD-Spitzenkandidat Siegmund: Das Gesicht des Machtanspruchs

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerAugust 28, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Porträt

Stand: 28.08.2026 • 07:01 Uhr

Ulrich Siegmund will als AfD-Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt Ministerpräsident werden. Er gilt als charismatischer Verkäufer der AfD-Vorstellungen, weniger als Hardliner, der sie im Hintergrund intellektuell ausarbeitet.

Eine Analyse von Lars Frohmüller, MDR

Seit 2016 sitzt Ulrich Siegmund (AfD) im Landtag von Sachsen-Anhalt. Nun will der Mann, der einen vom dortigen Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuften Landesverband im Wahlkampf anführt, der erste AfD-Ministerpräsident Deutschlands werden.

Die Umfragen sehen seine Partei in dem Bundesland weit vorn. Er ist das klare Gegenmodell zum amtierenden CDU-Ministerpräsidenten Sven Schulze: Während dieser sich gern bodenständig gibt, tritt Siegmund als perfekt inszenierter Verkäufer auf. In Interviews sitzt jede Formulierung, sein Stil ist präzise, seine Botschaften sind wiederholt und eingängig.

Aufwachsen in der „heilen Welt“

Siegmunds Heimat ist Tangermünde, eine Kleinstadt an der Elbe im Norden Sachsen-Anhalts. Diese ländlich geprägte Region in der Altmark ist für ihn politisches Programm: Er beschreibt in einem Interview mit dem mdr Sachsen-Anhalt die Kleinstadt als „heile Welt“, in der man sich helfe und zusammenstehe. Genau so, sagt er, solle es bald überall im Land aussehen. Seine Kindheit schildert er als behütet und voller Freiheit, so sagt er, „eine Zeit, in der man abends noch unbeschwert auf den Straßen spielen konnte“, lässt er sich in Interviews zitieren. Er präsentiert seinen Wählern einen Verlust an Sicherheit, die er zurückholen will.

Wie er diesen Zustand wiederherstellen will, verrät das Programm seiner Partei. Die AfD Sachsen-Anhalt fordert darin unter anderem eine“ unverkrampfte“ und „auf gesunde Weise selbstbewusste deutsche Identität“ und schreibt wörtlich, die „Einleitung einer Abschiebe- und Remigrationsoffensive“ sei „zwingend notwendig“, dafür sind allein 100 Millionen Euro im eigenen Alternativhaushalt vorgesehen.

Zwei Migrationsrechtler der Universität Halle-Wittenberg kommen in einer Einordnung des Programms auf dem Fachportal Verfassungsblog zu dem Schluss, dass zentrale Vorhaben rechtswidrig wären, darunter die geplante Abschiebehaft in regulären Gefängnissen, die angestrebten Rückführungsabkommen mit anderen Staaten, die durch das Lindauer Abkommen untersagt sind, sowie die vorgesehenen Leistungskürzungen für Asylbewerber, die Gerichte schon jetzt als verfassungswidrig einstufen.

Die Spitzenkandidaten der anderen Parteien

Keine klassische Parteikader-Karriere

Familie wird bei Siegmund großgeschrieben, auch politisch: Sein älterer Bruder sitzt parteilos im Tangermünder Stadtrat, der Vater arbeitet heute für einen AfD-Bundestagsabgeordneten. Letzteres unter medialem Aufsehen, als Teil der sogenannten Vetternwirtschaftsaffäre der AfD.

Siegmunds Weg in die Politik verlief nicht über die klassischen Parteikader, sondern über die Wirtschaft. Das Gymnasium verließ er nach der 11. Klasse mit der Fachhochschulreife. Er wollte arbeiten, „Wertschöpfung betreiben“, und schloss eine verkürzte kaufmännische Ausbildung in einem Elektrogroßhandel ab. Es folgten Jahre im Außendienst quer durchs Bundesland. Später landete er in einer Berliner Augenklinik und wurde dort vom Chef bei einer Behandlung angeworben.

Neben dem Vollzeitjob ein Studium: Ein Fernstudium in BWL und Wirtschaftspsychologie. Die Bachelorarbeit schrieb er 2016, im direkten Übergang zu seinem ersten Landtagsmandat. Doch auf Wahlkampfbühnen beruft sich Siegmund heute weitaus lieber auf das „Lagerfegen“ und den direkten Kundenkontakt als auf seine theoretischen Abschlüsse.

Von der CDU nach rechts

Siegmunds politische Reise begann bürgerlich: Mit 18 trat er in die CDU ein, um kommunalpolitisch einen Beitrag für die Region zu leisten. Heute bezeichnet er diesen Schritt als Irrtum, aus dem man lernen müsse. Der Impuls zum Parteiaustritt kam mit der Euro-Rettungspolitik; 2013/2014 wechselte er schließlich zur AfD.

Auch mit anderen Institutionen bricht er konsequent: 2017 verließ er die katholische Kirche, deren Werte er zwar weiter „im Herzen“ trage, deren deutsche Institution er aber ablehne. Seinen politischen Kompass illustriert ein Bismarck-Porträt in seinem Büro – versehen mit dem Leitsatz, dass ein richtiger Gedanke auf Dauer nicht niedergelogen werden könne.

Privat zieht Siegmund klare Grenzen. Politik bleibt am Esstisch tabu, sagt er in einem Gespräch mit dem mdr Sachsen-Anhalt, schließlich gebe es genug andere Themen. Seine Frau lernte er kennen, als er bereits Abgeordneter war; zur jungen Familie gehört auch eine Stieftochter.

Über sein Wirtschaftspsychologie-Studium fand er zudem zur Raumbeduftung und vertrieb zeitweise Düfte, die beispielsweise im Nahverkehr das „Aggressionspotenzial“ senken sollten.

Der smarte Verkäufer der Ideologie

In der Partei nimmt Siegmund eine klar definierte Rolle ein: Er ist der charismatische Verkäufer der Ideologie, weniger der Hardliner, der sie im Hintergrund intellektuell ausarbeitet. Das zeigt sich im starken Kontrast zu Personen wie Hans-Thomas Tillschneider, dem stellvertretenden Landesvorsitzenden und Hauptautor des sogenannten Regierungsprogramms. Dessen lauter, herrischer Umgangston, der oft auch Landtagsdebatten hochkochen lässt, ist nicht der Ton, den Siegmund vertritt.

Dieser versucht, die Massen mit guter Laune und einfachen Parolen an sich zu binden. „Das Land wieder vom Kopf auf die Füße stellen“ oder „Wir schreiben Geschichte“ sind eingängige Slogans, die verfangen sollen, damit Siegmund auch schwer Verdauliches aus dem Programm beim Wähler verkaufen kann.

Weniger schwer fällt ihm der Umgang mit Personen, die die eigene Partei selbst als unvereinbar erklärt hat. Patrick Harr ist Pressesprecher von Fraktion und Landespartei. Er war als Funktionär in der 2009 verbotenen rechtsextremen Heimattreuen Deutschen Jugend, kurz HDJ, aktiv. Ebenso Laurens Nothdurft: Der Mitarbeiter der Fraktion und Justiziar des Verbandes war in der verbotenen HDJ ebenfalls Funktionär.

Totaler Machtanspruch für seine Partei

Bei seinen über 700.000 TikTok-Followern und bei öffentlichen Auftritten gibt sich Siegmund nahbar. Doch der smarte Auftritt schützt nicht vor medialen Skandalen in einem Landesverband, der vom dortigen Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft wird. Am sogenannten Potsdamer Treffen im November 2023 nahm er aktiv teil und hielt einen Vortrag zur „Vision 2026“, was er bis heute verharmlosend als „Kaffeekränzchen“ abtut. Auch die Berichterstattung über familiäre Vetternwirtschaft in der Fraktion prallt an ihm ab.

Der Machtanspruch des Spitzenkandidaten ist total: Regieren will er am liebsten völlig ohne Partner. Seine Zielmarke ist „45 Prozent plus X“. Eine Koalition mit der CDU oder anderen Parteien schließt er kategorisch aus.

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Dr. Heinrich Krämer
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