Wer will schon Mathe lernen, wenn gerade das eigene Nationalteam bei der WM spielt? Aber vielleicht liegt gerade im Fußball ein Mittel, um die Aufmerksamkeit von Schülern zu gewinnen. In Argentinien scheint das zu funktionieren
Beim Titelverteidiger Argentinien herrscht in diesen Tagen WM-Fieber total. Für Rufino und seine Freunde gibt es kein anderes Thema – doof nur, dass die Erstklässler aus Buenos Aires gerade Matheunterricht haben.
Doch an diesem Morgen sind alle hochmotiviert, malen Kreise, Rechtecke, Dreiecke, denn Lehrerin Felicitas Allen weiß, wie man den Kindern am besten Geometrie beibringt: indem man sie einen Fußballplatz malen lässt.
Ein Platz, der Anstoß zu vielen Rechenaufgaben gibt: In dieser Klasse in Buenos Aires wird spielerisch das Interesse an Mathematik geweckt.
Fragen aus dem „echten“ Leben
Schon immer habe sie sich gefragt, wie sie so unterrichten könne, dass die Schüler auch wirklich etwas lernen. „Die normalen Mathebücher haben mich nicht überzeugt. Kinder brauchen etwas zum Anfassen, etwas aus dem eigenen Leben: Alle kennen den Pokal, die Medaille, das Spielfeld, und wenn die WM plötzlich Teil des Matheunterrichts wird, hören alle gebannt zu.“
Das führt dann zu solchen Fragestellungen: Was groß ist das Tor, wie weit ist es von der Umkleide zum Spielfeld, wie lange dauert die Trinkpause? Und wann muss Opa das Feuer anmachen, damit das Asado, das Grillfleisch, zum Spielbeginn fertig ist?
Argentiniens Nationalelf begeistert derzeit die Fans. Aber auch Mathe-Fans können durch Fußball auf ihre Kosten kommen.
„Ein Code, den alle verstehen“
Die Idee stammt von Victoria Zorraquin. Schon 2022, bei der WM in Katar hatte sie die Idee, Lehrmaterial mit der Weltmeisterschaft zu verknüpfen. „In Argentinien ist Fußball eine gemeinsame Sprache, ein Code, den alle verstehen. Mathematik dagegen ist ein Fach, in dem Argentinien im internationalen Vergleich extrem schlecht abschneidet, dabei passt beides gut zusammen.“
Da die WM 2022 auf das Jahresende fiel, seien viele Kinder der Schule einfach ferngeblieben und hätten es vorgezogen, die Prüfungen im neuen Schuljahr zu wiederholen, berichtete die ehemalige Schulleiterin aus der Stadt Tandil in der Provinz Buenos Aires. Ihr Material, online zur Verfügung gestellt, wurde zehntausende mal heruntergeladen. Daraus erwuchs eine Nichtregierungsorganisation, die sich zum Ziel gesetzt hat, gegen Argentiniens Bildungskrise zu kämpfen.
„Probleme, die die Schule überfordern“
In der jüngsten internationalen PISA-Studie von 2022 belegte das Land nur Platz 66 von 81 Ländern. „Das Problem ist, dass das Schulsystem überfordert ist“, sagt die Soziologin Marina Larrondo vom Forschungszentrum CONICET. „Die Bildungsbudgets schrumpfen, die Lehrergehälter sinken und die strukturelle Armut stellt Provinzen und Institutionen vor große Herausforderungen. Es gibt viele Probleme, die die Schulen selbst überfordern und es ihnen unmöglich machen, effektiv zu arbeiten.“
Immer mehr Kinder aus einkommensschwachen Familien blieben der Schule fern, zum einen, weil sie sich um Haushalt und Geschwister kümmern müssten, zum anderen, weil Schulbildung nicht mehr als Garant für den sozialen Aufstieg gesehen werde.
Larrondo spricht von „Bildungsernüchterung“. Und das in einer Gesellschaft, die immer darauf stolz war, zu einem der Länder Südamerikas mit dem höchsten Bildungsniveau zu zählen.
Auch Universitäten haben zu wenige Mittel
Dagegen regt sich Protest. Zwar ist die Krise im Bildungswesen nicht neu, doch die aktuelle Sparpolitik der Regierung des libertären Präsidenten Javier Milei verschärft bestehende Probleme. Nicht nur Schulen, vor allem auch öffentliche Universitäten leiden unter Finanzierungslücken.
Die Erstklässler in der San Pablo-Schule von Buenos Aires sind derweil erstmal mit der Geometrie eines Fußballfeldes beschäftigt. Doch je sicherer ihre Mathe-Grundkenntnisse, desto besser sind sie später auch für kommende Herausforderungen gewappnet.

