Reportage
Sein Besuch sollte ein Symbol der deutschen Verbundenheit mit der Ukraine sein. Doch der Krieg und dessen Folgen vor Ort erinnern Bundesaußenminister Wadephul daran, was das Land am Dringendsten braucht: Abwehrraketen.
Es sollte vor allem ein symbolischer Besuch sein, Johann Wadephuls vierte Reise in die Ukraine, seitdem er Außenminister ist. Ein Symbol der Verbundenheit und der Verlässlichkeit, mit dem Ziel, zu Hause in Deutschland möglichst viel Aufmerksamkeit auf den andauernden Krieg Russlands gegen die Ukraine zu lenken. „In dieser historischen Situation, und es ist nicht weniger als eine historische Situation“, so seine Mahnung, „müssen wir Deutsche wissen, wo wir stehen.“ Die Antwort ist für Wadephul klar. An der Seite der Ukraine.
Als er am Freitagabend zu seiner Reise nach Kiew aufbricht, ist ihm klar, dass er nichts im Gepäck hat, vor allem nicht das, was die Ukraine am dringendsten benötigt, wie Präsident Selenskyj immer wieder betont: die Zusage für neue Patriot-Abwehrraketen. Einmal angekommen, kann Wadephul nur immer wieder betonen, dass er mit den Partnern im Gespräch sei, dass er mit neuen Eindrücken von der Reise die Bemühungen intensivieren werde.
Luftalarm beim Treffen mit Selenskyj
Zu diesen neuen Eindrücken gehört auch die Konfrontation mit der permanenten Bedrohung durch russische Drohnen und Raketen. Kurz nach der Ankunft, während einer Rede vor Veteranen, der erste Luftalarm. Die Veranstaltung ist im Untergeschoss eines Hotels, ihm gegenüber sitzt auch Präsident Wolodymyr Selenskyj, Gründe genug, sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen.
Doch später erfährt Wadephul, dass bei diesem Angriff zwei Menschen ums Leben kamen. Bei einem weiteren Alarm in einem Wohnviertel von Kiew erlebt der Minister, wie sich Einwohner vor den Eingängen zu Unterführungen zusammenfinden und die Warn-App auf ihren Handys verfolgen, um sich notfalls möglichst schnell in Schutz zu bringen.
Fast stündlich Sirenenalarm
Ein erster Vorgeschmack. Noch am Nachmittag geht es weiter gen Osten, zuerst nach Poltawa. Die Sirenen schrillen immer häufiger, vor allem in der Nacht. Fast jede Stunde reißen sie den Minister und uns alle, die wir mitreisen, aus dem Schlaf.
Am nächsten Morgen geht es weiter nach Charkiw, dem eigentlichen Ziel der Reise. Einer Stadt, 30 Kilometer von der Front entfernt An den Straßen unzählige bei russischen Angriffen zerstörte Tankstellen, dann Checkpoints, zum Teil geschützt durch Netze, die helfen sollen, Drohnen abzufangen. Der Krieg rückt näher.
Zuversicht der Ukrainer beeindruckt Wadephul
In den vergangenen Wochen war der Beschuss vieler Regionen wieder heftiger geworden. Der Juli war der Monat seit Beginn des Krieges vor mehr als vier Jahren, in dem es die meisten Toten unter Zivilisten gab, mehr als 470 Menschen. Der permanente Luftalarm soll die Ukrainerinnen und Ukrainer zermürben.
Von all dem macht sich Wadephul ein eigenes Bild, und es beeindruckt ihn, wie die Menschen sich der Bedrohung entgegenstemmen. „Wie sie das schultern und nicht darüber klagen, was für Probleme es gibt.“ Und es gebe mehr Probleme als in Deutschland. „Wie sie in die Zukunft schauen, und wie sie sagen, wir haben keine andere Wahl als jetzt hier zusammenzustehen und unsere Zukunft selbst in die Hand zu nehmen.“ Von dieser Einstellung könne sich auch Deutschland eine Scheibe abschneiden.
Sorge vor dem nächsten Winter ist groß
Dass Wadephul ausgerechnet einen Tag vor dem 35. Unabhängigkeitstag der Ukraine nach Charkiw gekommen ist, bedeutet den Verantwortlichen in der Stadt viel. Der Gouverneur der Oblast Charkiw sieht den Besuch als Beleg dafür, dass die Stadt lebt und auch in Zukunft leben wird, dass man die Menschen nicht aufgegeben hat.
Der Bürgermeister zeigt Wadephul Teile der Stadt, die zerstört wurden, ein U-Bahn-Depot, ein Kraftwerk. Die Sorge vor dem nächsten Winter ist groß, denn ohne ausreichend Abfangraketen könnte es der russischen Armee wieder gelingen, die Infrastruktur erheblich zu beschädigen. Auch deshalb will der deutsche Außenminister seine Überzeugungsarbeit bei den Ländern, die noch Raketen vorrätig haben, intensivieren.
Das verspricht er in Charkiw. Und das hat er zuvor in Kiew versprochen, als er den ukrainischen Außenminister Andrij Sybiha getroffen hat. Der empfängt ihn im Ministerium mit einer Ausstellung von autonomen Waffensystemen, die in der Ukraine entwickelt wurden.
Stolz führt Sybiha durch die Präsentation von Drohnen und anderen Geräten. So sehr die Ukraine auf Unterstützung angewiesen ist, so sehr kann sie inzwischen doch auch selbst etwas weitergeben. Das weiß Sybiha, als er davon spricht, dass die deutsch-ukrainischen Beziehungen doch so etwas wie der Grundstein für ein neues deutsches Wirtschaftswunder sein könnten. Mit einem Schmunzeln im Blick.
Findet Wadephul das Gehör der Partnerländer?
Eine Antwort gibt Wadephul darauf vor Studierenden, die er später in Charkiw getroffen hat. „Wenn dieser Krieg einmal zu Ende ist, dann haben wir auch mit Sicherheit einen großen gemeinsamen Schatz, dass wir uns kennen, und daraus können wir, Deutschland und die Ukraine, glaube ich, für die Zukunft sehr viel machen.“
Wadephul reiste am Sonntagabend mit vielen neuen Eindrücken im Zug zurück. Er vermittelt glaubwürdig, dass er sich mit aller Kraft für die Unterstützung der Ukraine einsetzen wird. Doch ob er das Gehör der Partnerländer findet?
Auch an diesem Montag, dem Unabhängigkeitstag, wird es voraussichtlich viele Versprechen geben, doch Symbolik allein wird den russischen Machthaber Wladimir Putin nicht von einer neuen Mobilisierung abschrecken.

