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Politik

Autoren protestieren gegen Westend Verlag

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 21, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Stand: 21.05.2026 • 17:31 Uhr

Der Westend Verlag galt lange als links, unter anderem der Linken-Politiker Gysi publizierte hier. Jetzt wenden sich 30 Autorinnen und Autoren ab: Sie werfen dem Verlag eine Erweiterung seines Spektrums „bis zur extremen Rechten“ vor.

„Und morgen regieren wir uns selbst“ – so hieß eine Streitschrift der früheren hessischen SPD-Chefin Andrea Ypsilanti. „Mutter Blamage“ – das war der Titel einer Abrechnung mit Angela Merkel von Stephan Hebel, Autor der Frankfurter Rundschau. „Ausstieg links?“ – so der Titel der politischen Lebensbilanz von Gregory Gysi.

Sie alle erschienen im Westend Verlag, der sich lange als „Plattform für kritische, linke Perspektiven“ verstanden hat. Jetzt wollen diese Autorinnen und Autoren nichts mehr mit dem Westend Verlag zu tun haben und bekunden dies in einem Offenen Brief.

Anlass ist das Erscheinen des von Nius-Chefredakteur Julian Reichelt und seiner Kollegin Pauline Voss herausgegebenen Bandes „Links – Deutsch / Deutsch – Links“ im Westend Verlag.

Der Sammelband will laut Eigendarstellung „auf kluge und zugleich amüsante Art (entlarven), wie das linke Establishment Sprache instrumentalisiert, um Debatten zu prägen und Diskurse zu beherrschen“. Autoren sind unter anderem Henry M. Broder, Gloria von Thurn und Taxis, Birigt Kelle, Wolfgang Kubicki und Harald Martenstein.

„Das ist für mich AfD-Sprech in Reinkultur“, sagt Stephan Hebel, einer der Unterzeichner des Offenen Briefs und früher stellvertretender Chefredakteur der Frankfurter Rundschau.

„Es wird so getan, als seien alle fortschrittlichen Elemente wie Energiewende oder Geschlechtergleichheit Ausdruck einer linken, unterdrückerischen Hegemonie“, sagt Hebel über das Buch. Es sei die klassische Argumentationsweise der extremen Rechten.

„Plattform für rechte Kulturkämpferinnen und -kämpfer“

Die 30 Unterzeichner, darunter auch Andrea Ypsilanti, Gregor Gysi, der Armutsforscher Christoph Butterwegge oder die taz-Journalistin Ulrike Herrmann, erkennen ausdrücklich das Recht des Verlags an, „zu veröffentlichen, was Sie wollen, auch wenn Sie damit rechten Kulturkämpferinnen und -kämpfern eine Plattform bieten“.

Man wolle niemandem etwas verbieten, betont Stephan Hebel. „Wir haben einen sehr weiten Begriff von Meinungsfreiheit, aber die Öffentlichkeit sollte wissen, was da passiert, und wir als Autorinnen und Autoren wollen in dieser Nachbarschaft nicht publizieren.“

Zunächst habe man das Gespräch mit dem Westend Verlag gesucht. Weil dies ignoriert worden sei, wende man sich jetzt an die Öffentlichkeit.

Verlag: „Enger und diskursiver Austausch“

Der Westend Verlag selbst weist diesen Vorwurf zurück. „Seit jeher pflegen wir mit unseren Autorinnen und Autoren einen engen und diskursiven Austausch“, heißt in einer schriftlichen Stellungnahme des Verlags auf hr-Anfrage. „Deswegen stehen unsere Türen, wie jeder weiß und auch in Anspruch nimmt und nahm, immer offen.“

Zu der in dem Offenen Brief geäußerten inhaltlichen Kritik an dem Reichelt-Buch betont der Verlag, „dass abweichende Positionen, die sich innerhalb des demokratischen Rechtsrahmens bewegen, bei uns nicht diskreditiert, sondern als Beiträge zu einer offenen Debatte ernst genommen werden.“

Umstrittene Partnerschaft

Der Westend Verlag war 2004 in Frankfurt gegründet worden, hat aber seit einigen Jahren seinen Sitz in Neu-Isenburg (Offenbach). 2020 wurde er mit dem Deutschen Verlagspreis ausgezeichnet.

Kritik am Westend Verlag ist nicht neu. Sie richtete sich unter anderem gegen die die publizistische Partnerschaft des Verlags mit den „NachDenkSeiten“, denen verschwörungsgläubige Positionen zum Ukraine-Krieg oder zur Corona-Pandemie vorgehalten werden.

Auch die Gesichter des BSW, Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht, veröffentlichten im Westend Verlag. Zuletzt kamen mit FDP-Mann Wolfgang Kubicki, der Ex-AfD-Abgeordneten Joana Cotar oder Welt-Herausgeber Ulf Poschardt Autoren aus dem rechtskonservativen Spektrum dazu.

„Offene Flanke zu Verschwörungsideologien“

Für den Politikwissenschaftler Daniel Keil, der unter anderem einen Lehrauftrag an der Universität Marburg hat, kommt die Entwicklung des Westend Verlags nicht überraschend. „Es gab von Beginn an eine offene Flanke zu Verschwörungsideologien, etwa mit Veröffentlichungen zu den Angriffen auf das World Trade Center, die als Verschwörung gedeutet wurden“, sagt Keil.

Im Zuge der sogenannten „Mahnwachen für den Frieden“ 2014 und später der „Querdenker“-Proteste gegen die Corona-Maßnahmen habe sich eine Medienkritik unter dem Stichwort „Lügenpresse“ etabliert, auf die der Westend Verlag eingeschwenkt sei, so der Politikwissenschaftler.

Es sei Teil der rechten Ideologie, zu behaupten, dass die Linke staatstragend geworden sei und dass die wahre Kritik bei rechten Außenseitern liege, die gegen die Mainstream-Medien die tatsächliche Wahrheit verkünden.

Autoren wollen Aufmerksamkeit schaffen

Was die Abwendung der 30 Autorinnen und Autoren vom Westend Verlag konkret bedeutet, bleibt offen. Viele haben die Zusammenarbeit mit dem Verlag längst beendet, ihre Bücher sind zum Teil aber noch lieferbar.

„Ob die Autorinnen und Autoren sich aus dem Programm nehmen lassen, das müssen wir sehen“, sagt Stephan Hebel, von dem mehrere Bücher beim Westend Verlag erschienen sind. „Uns ging es zunächst darum, Aufmerksamkeit für diese Entwicklung zu schaffen.“

Hessischer Rundfunk

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