Raumfahrt ist der Bundesregierung ein eigenes Ressort wert. Die zuständige Ministerin Bär kündigt das lange geplante Weltraumgesetz für nach der Sommerpause an – und plant einen Parabelflug für Jugendliche.
Weiße Wände, unzählige Kabel, Schalter, Knöpfe – es ist eng: „Ich will nur keinen roten Knopf drücken“, sagt Bundesraumfahrtministerin Dorothee Bär (CSU) und duckt sich ins Columbus-Trainingsmodul. Dieses ist der rund 400 Kilometer entfernten internationalen Raumstation nachgeahmt. Eines allerdings kann auch dieser Nachbau auf dem Gelände des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Köln nicht, wie es von den Profis dort heißt: „Wir haben immer noch nicht den Knopf, mit dem man die Schwerelosigkeit anschalten kann.“
Hier trainieren Astronauten für die Raumstation, auf engstem Raum. Wäre das etwas für Bär? „Einfach mal hochfliegen: ja“, sagt sie. „Aber die ganze Vorbereitung – ich würde Ihnen nicht den Gefallen tun, mich ein halbes Jahr zu verabschieden.“
Neben ihr steht einer, der Vorbereitung, Flug und spezielle Herausforderungen schon hinter sich hat: Matthias Maurer, 2021 auf der ISS. Er erzählt von 70 fest verklebten Schrauben, die er im All aufdrehen musste – an einem Gerät, das nie für Reparaturen dort oben gedacht war. Wer schwerelos an einer Schraube dreht, dreht sich irgendwann selbst, erinnert sich Maurer: „Dann entscheidet sich: Wer sitzt fester? Die Schraube oder ich?“
Nationales Weltraumgesetz ist in Arbeit
In Hochglanzvideos sieht Raumfahrt aus wie Zukunft – vor allem aber ist sie Arbeit. Das gilt auch für die Politik. Eines von Bärs Vorhaben hat mit Haftung zu tun, denn: Das All wird voller. Stürzt heute beispielsweise ein Satellit einer deutschen Privatfirma ab, haftet der Staat – und damit die Steuerzahler.
Ein nationales Weltraumgesetz, das diese Frage regelt, fehlt Deutschland bis heute. Versucht wurde es schon unter Angela Merkel. Die Ampel-Regierung erarbeitete Eckpunkte. Verabschiedet wurde nie etwas. Jetzt sagt Bär, sei das Weltraumgesetz in Arbeit: „Wir wollen dafür sorgen, dass wir es möglichst schnell nach der Sommerpause auf den Weg bringen.“ Der Anspruch: schlank, größtmögliche Rechtssicherheit bei Haftungsfragen – aber die Branche nicht in Paragrafen einmauern.
Bär plant Programm für Jugendliche
Das zweite Vorhaben aus Bärs Haus: Ab kommendem Jahr sollen sich Jugendliche zwischen 15 und 18 Jahren für einen Parabelflug bewerben können: „Astronaut for a day“. Ein Flugzeug fliegt eine Parabel, für einige Sekunden herrscht freier Fall – Schwerelosigkeit auf Zeit, gemeinsam mit Astronauten.
Die Botschaft dahinter ist Werbung für die Naturwissenschaften: Jeder könne in den MINT-Fächern Karriere machen, sagt Bär, jeder und jede Astronaut werden. Auch Bär selbst wird dieses Gefühl erleben: Im September wird sie ihren Parabelflug starten.
Bleibt das Thema Geld – und da lautet das Motto „von Sparhaushalt zu Sparhaushalt hangeln“, so Bär. Immerhin, das nationale Raumfahrtprogramm soll wachsen – minimal. Generell gehe es darum, „auch für die ESA genau die Exzellenz liefern zu können, für die wir bekannt sind.“
Artemis-II-Crew dankt für deutsche Technik
Welche Exzellenz auch aus Deutschland kommt, zeigt sich in Bremen. Bei Airbus kommt die vierköpfige Crew der Mondmission Artemis II zu ihrem einzigen Deutschlandbesuch. Die NASA-Astronauten waren die ersten Menschen seit mehr als 50 Jahren, die den Mond umrundet haben – auch dank deutscher Technik, für die sich Kommandant Reid Wiseman bedankt: Das Wichtigste für sie sei gewesen, sicher zu ihren Familien nach Hause zu kommen. Und das habe Deutschland geschafft.
Was er meint? Das Europäische Servicemodul (ESM), gebaut in Bremen: Luft, Wasser, Strom, Antrieb. Für Walther Pelzer, Vorstand des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt, ein Zeichen der Stärke: ohne Europa keine Mondmissionen. „Es ist das erste Mal, dass die Amerikaner ein missionskritisches Teil nicht in Amerika fertigen lassen, und Deutschland trägt mehr als 50 Prozent. Das ist Vertrauen in europäische Fähigkeiten, in deutsche Fähigkeiten, da können wir stolz drauf sein“, so Pelzer.
Immer wichtiger für Verteidigung und Sicherheit
Denn dahinter steckt ein Wettlauf: zum Mond, zum Mars. Längst ein Konkurrenzkampf der Großmächte, und das All wird für Verteidigung und Sicherheit immer wichtiger. ESA-Generaldirektor Josef Aschbacher zieht daraus eine klare Konsequenz: Europa sei auf einem guten Weg aber müsse autonomer werden. Stärke aufbauen, industrielle Exzellenz – damit man Partnerschaften weiterhin eingehen könne, „nicht als Junior-Partner“, sondern auf Augenhöhe.
Raumfahrt ist daher vor allem in Berlin kein Nischenthema mehr, sondern Sicherheitspolitik. Auch aus dem Bundesverteidigungsministerium fließt Geld.
Mondmission mit einem deutschen Astronauten
Für die Astronauten Matthias Maurer und Alexander Gerst ist der nächste Flug ins All vor allem ein Traum: Beide wollen in einer Artemis-Kapsel zum Mond. 2029 könnte es für einen von ihnen so weit sein.
Diese Entscheidung trifft nicht die CSU-Ministerin Bär, sondern ESA-Generaldirektor Aschbacher. Danach gefragt lacht er – und schweigt. Nur so viel: Ja, das sei eine wichtige Entscheidung. Verraten könne er noch nichts.

