Noch im Januar galt der 35-Jährige Fedorow als Shootingstar im ukrainischen Kabinett. Nun räumt der Verteidigungsminister seinen Platz schon wieder. Einige in der Ukraine treibt das sogar auf die Straße.
„Fedorow, Fedorow, Fedorow“, skandieren die Demonstrierenden in Sichtweite des Präsidialamts der Ukraine in Kiew. Von hier kann Präsident Wolodymyr Selenskyj theoretisch hören, was die Demonstrierenden rufen, etwa, dass der Rücktritt des Verteidigungsministers Mychailo Fedorow ihrer Ansicht nach vor allem einem nützt: Russland.
Als Fedorow im Januar das Amt des Verteidigungsministers übernahm, eilte ihm sein guter Ruf voraus: Der 35-Jährige galt als dynamisch und technologieoffen. Mit ihm könnte die Ukraine besser auf die tödliche Gefahr aus Russland reagieren – mit Drohnen und dem Einsatz künstlicher Intelligenz, so die Meinung vieler Experten damals.
Tatsächlich konnte die Ukraine zuletzt militärische Erfolge erzielen. Das Militär setzte Ölraffinerien in Moskau und tief im russischen Hinterland in Brand und griff erfolgreich militärische Ziele an. Schließlich wurde sogar die Stromversorgung auf der russisch besetzten Krim zeitweise unterbrochen. Russland nutzt die annektierte Halbinsel als Militärbasis für die eigene Kriegsführung.
Ambitionen auf das Präsidentenamt?
Doch mit seiner direkten Art eckte der Verteidigungsministers auch an – bei Generälen vom alten Schlag, aber auch dort, wo der wachsame Fedorow Korruption witterte. Durch öffentliche Ausschreibungen statt Deals brachte er Transparenz in die Beschaffung. In seiner Abschiedsnachricht listet er drei Punkte auf, die er nicht erreicht habe: „Ich hätte entschlossener Mitarbeiter entlassen müssen, die Veränderungen verhindern.“
Fedorow äußert sich
Nach seinem Ausscheiden als Verteidigungsminister hat sich Fedorow geäußert und einen Konflikt mit der Armeeführung bestätigt. Oberbefehlshaber Olexander Syrskyj sei nicht bereit gewesen, „offen und direkt über die Probleme zu sprechen“, sagte Fedorow. Er warf Syrskyj vor, intrigiert zu haben. Syrskyj habe Präsident Selenskyj ultimativ vor die Wahl gestellt, sich zwischen ihm und Syrskyj zu entscheiden.
Gleichzeitig erklärte Fedorow aber auch, er habe eine Ablösung von Syrskyj und Generalstabschef Andrij Hnatow angestrebt. Der Armeeführung wirft Fedorow vor, für die Zwangsmobilisierung von wehrpflichtigen Männern verantwortlich zu sein. Fedorow wollte laut eigener Auskunft stattdessen lieber Soldaten mit lukrativen Verträgen anwerben.
Nachgesagt wurden Fedorow auch Ambitionen auf das Präsidentenamt. Ob Selenskyj das wahrgenommen hat und sich davon treiben ließ, ist unklar. Selenskyj habe Fedorow zwar offenbar eine weitere Beratertätigkeit angeboten, dieser habe aber ausgeschlagen. Bis zuletzt biss sich Fedorow an der Frage der Mobilisierung die Zähne aus: Wie kriegt die ukrainische Armee ausreichend neue Soldaten?
Die Spannungen in der Gesellschaft nehmen spürbar zu: Erst vor einer Woche hatten 200 Menschen ein Rekrutierungskommando in Lwiw angegriffen.
Wer soll auf Fedorow folgen?
Der bisherige Innenminister Ihor Klymenko soll künftig die Geschicke im Verteidigungsministerium leiten. Klymenko ist jemand, der sich hochgearbeitet hat: vom Psychologen zum Verantwortlichen in der Polizei bis zum Polizeichef. Nun soll er nach Plänen von Selenskyj die Armee führen.
Allerdings spekulieren ukrainische Medien, dass es in der Rada, dem ukrainischen Parlament, keine Mehrheit für Klymenko geben könne und es erst einige Überzeugungsarbeit brauche. Und offenbar soll Klymenko für das Amt nicht mehr bereitstehen. Die Abstimmung im Parlament über den neuen Verteidigungsminister wurde vorerst vertagt.
Auch Ministerpräsidentin geht
Anders gelagert ist der Fall der Ministerpräsidentin Julia Swyrydenko. Sie soll womöglich Botschafterin in den USA werden. Ein Amt – so sagt man in Kiew – von größtmöglicher Wichtigkeit – gilt es doch, die USA wieder von einem Bündnis mit der Ukraine zu überzeugen. Swyrydenko war auch erst ein Jahr im Amt und wird nun von Serhij Korezkyj abgelöst – dem bisherigen Chef des staatlichen Energiekonzerns Naftogaz.
Korezkyj dürfte vor allem einen Auftrag haben: die Ukraine vor einem erneut eiskalten Winter zu schützen, den Russland durch gezielte Angriffe auf die Energieinfrastruktur herbeiführen will. Der vergangene Winter gilt als der härteste Winter seit Kriegsbeginn. Ein Großteil der Erzeugungskapazität war zerstört worden, vielerorts fielen Strom- und Wärmeversorgung ganz aus. 2026 und 2027 soll und muss das besser werden, so das erklärte ukrainische Ziel.
Selenskyj hat Vertrauen verloren
Bei einer weiteren Aufgabe soll Korezkyj auch seine eigene Vita helfen. Korezkyj ist nämlich kein Berufspolitiker, dessen Weg vorgezeichnet war. Stattdessen hat der 48-Jährige seine Erfahrungen fast ausschließlich in der freien Wirtschaft gesammelt und soll nun Unternehmen von Investitionen in der Ukraine überzeugen. Häuserbau, aber auch die effektive Nutzung von Hilfsgeldern, soll er steuern.
Klar ist: Der erneute Regierungsumbau hat Selenskyj Vertrauen in der Bevölkerung gekostet: Viele der Demonstrierenden bemängeln die fehlende Transparenz. Wichtige Entscheidungen würden nur kurz und knapp kommuniziert. Die wahren Gründe fielen unter den Tisch.

