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Bayern-Star besser als Messi?: England und Thomas Tuchel knien nieder vor Harry Kane

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 1, 2026Keine Kommentare8 Minuten Lesezeit
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Was machen die Three Lions, wenn sie in der 75. Minute vor dem WM-Aus stehen? Sie bringen den Ball zu Harry Kane. Der England-Kapitän macht das schon. So auch gegen DR Kongo, die lange kurz vor einer Riesensensation stehen. Das hat einen besonderen Grund.

Alarm! Alarm! Alarm in Atlanta. Der große Favorit England wacht im WM-Sechzehntelfinale gegen die DR Kongo beinahe zu spät aus einem Albtraum auf. Ganz zum Schluss können sie ihre Klasse ausspielen. Das Team von Thomas Tuchel gewinnt mit 2:1 (0:1). Superstar Harry Kane entscheidet die Partie für England mit zwei späten Toren.

Bei dieser WM der Tormonster ist der Angreifer des FC Bayern womöglich nicht das schillerndste Monster, er ist aber das gefährlichste Monster. Der 32-Jährige rettet in Georgia auch seinen Trainer Thomas Tuchel. Der Deutsche hätte ein Aus gegen die DR Kongo mit Sicherheit kaum überstanden. Sein ehemaliger Bayern-Schützling aber liefert und liefert. „Es gibt enge Spiele, und Harry ist hier, um die zu entscheiden“, sagt Tuchel ganz pragmatisch. Er will sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. England hat vielleicht noch vier enge Spiele vor sich.

Kane reagiert auf hart umkämpften Sieg gegen Kongo

Überwältigt sind die anderen. Kane macht seine Mitspieler sprachlos. „Normalerweise würde ich aus dieser Position schießen“, erzählt Anthony Gordon nach dem Spiel. Der zukünftige Flügelspieler des FC Barcelona kommt erst in der 61. Minute für den erschöpften Marcus Rashford in die Partie. England ist immer noch im Albtraum gefangen. Gordons Aufgabe: die müden Verteidiger der DR Kongo überwältigen und „Harry den Ball geben“. Das gelingt ihm.

England liegt hinten, Gordon steht links im Strafraum frei. In der Mitte aber lauert eben Kane. Das sieht Gordon, er kennt seinen Auftrag. Er weiß, was Kane draufhat. Er sieht ihn jeden Tag im Training. Er weiß: „Nur Lionel Messi hat bisher überhaupt so eine Saison gespielt.“

Kane kann alles entscheiden

Kane ist der natürliche Kandidat für den Ballon d’Or. Er hat in der 75. Minute bereits auf Vorlage von Gordon den Ausgleich erzielt, jetzt ist er wieder da. Er zieht nach rechts, legt sich in Raum und Zeit und haut den Ball in die obere Ecke. „Das Besondere ist nicht, dass er das Tor macht, sondern dass er diese Tore immer macht. Im Training und im Spiel“, sagt Gordon, der schon weit vorher seine Arme hochreißt.

Wenn Kane den Ball hat, gibt es keine Zweifel mehr. Kane ist der Spieler, den Deutschland nur in der Bundesliga hat. Kane ist der Spieler, der alles entscheiden kann. Kane ist, hier stimmt das Superlativ, eine Weltsensation. So wie Argentinien für Messi spielt, so spielt England für den Stürmer des FC Bayern.

Kongo-Keeper lässt England-Stars verzweifeln

Video poster

Dank Kane bekommen die Three Lions es im Achtelfinale mit Co-Gastgeber Mexiko zu tun. Die haben keines ihrer zehn WM-Spiele im Aztekenstadion bei den Turnieren 1970, 1986 und eben 2026 verloren. Doch vor dem Trip an den magischsten Ort der WM-Geschichte steht jetzt erst einmal die Rückkehr zum Normalzustand.

Diesen Normalzustand geben England und die DR Kongo am 1. Juli 2026 freiwillig auf. Sie duellieren sich bis zur vollkommenen Erschöpfung und versetzen die 68.329 Zuschauer in einen Zustand der permanenten Überwältigung. Das Grundrauschen der „Ohhs“ und „Aaahs“ wird durch krachenden Szenenapplaus, Gesänge und Fassungslosigkeit verstärkt. Alles fließt ineinander und alles dreht sich um das Spiel auf dem Rasen. Alle lassen sich anstecken. Auch Trainer Tuchel, der sich erst nach dem Abpfiff beruhigen darf. Vorher springt er an der Seitenlinie auf und ab, gestikuliert, seine Augen verlassen seinen Körper. Tuchel ist voll dabei. Er ist gemacht für diese Aufgabe. Er will sie nicht verlieren.

Gravierender Abwehrfehler bringt England in Rückstand

Noch in der letzten Trinkunterbrechung des Spiels gibt er lautstark Anweisungen. Die Weltmeisterschaft droht einem der favorisierten Teams bei diesem Turnier einfach so zu entgleiten – nur weil sie die Anfangsphase verschlafen haben. England erscheint nur wenige Minuten zu spät. Die Three Lions kassieren nach sieben Minuten infolge eines gravierenden Abwehrfehlers das 0:1. Als sie aufwachen wollen, bekommen sie die Augen nicht auf. Der Albtraum will nicht enden. Der Albtraum wird enden.

„Ich habe nie daran geglaubt, dass sie uns schlagen können“, sagt Gordon. England sei einfach zu stark. Lange Zeit jedoch müssen sie viel härter kämpfen, als sie vor dem Spiel wohl erwartet haben. Weil hier auf einmal ein Gegner auf dem Feld steht, der überhaupt nicht gewillt ist, sich einzuigeln, der immer wieder angreift, der die englischen Stars im Mittelfeld nervt und sie mit legaler Aggressivität an den Rand der Verzweiflung bringt und sich hinten mit allen Körperteilen in die Schüsse wirft.

Kane reagiert auf hart umkämpften Sieg gegen Kongo

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Der Albtraum dauert ewig. Das hat viel mit einem Mann auf der anderen Seite zu tun. Der Entscheider des Spiels mag wieder einmal Kane sein, die große Entdeckung aber spielt für die DR Kongo. Sie heißt Lionel Mpasi, ist 31 Jahre alt und Torhüter. So gut, dass die größten Weltstars der Three Lions reihenweise an ihm verzweifeln. Irgendwann jedoch verlassen ihn die Kräfte. Als Kane in der 75. Minute köpft, bekommt seine Hand den Ball zu fassen, doch sie knickt ab. Zum ersten Mal. Bis dahin steigert sich Mpasi in einen wahren Rausch, der Englands Spieler in den Himmel blicken lässt. Sie brauchen Beistand.

In der 53. Minute steht Jude Bellingham vollkommen fassungslos im Strafraum. Er stemmt seine Arme in die Hüften, blickt in Richtung Tor der DR Kongo, dann hoch, und bittet um Beistand. Wieder einmal hat Mpasi eine unmögliche Parade gezeigt. Bellinghams Abschluss befindet sich auf dem Weg in die obere linke Ecke des Tores, kein Torhüter dieser Welt wird ihn aufhalten. Auf einmal ist da diese Pranke, sie kommt aus dem Nichts, schnell Richtung Ball und patscht ihn von der Linie.

„Der Keeper ist der Spieler des Spiels“

Es ist nicht die erste Parade jenes Torhüters, der im normalen Leben Ersatztorhüter beim französischen Mittelklasseklub Le Havre ist. Seinen bis zum 1. Juli 2026 größten Karriere-Moment erlebt er am 4. November 2024. Da steigt er in der Nachspielzeit der französischen Zweitliga-Partie seines damaligen Klubs Rodez im gegnerischen Strafraum hoch, köpft ein Tor. Im Spiel seines Lebens schwingt er sich zum weiteren Beweis für einen Trend dieser WM auf. Die afrikanischen Torhüter sind eine der größten Überraschungen des Turniers.

„Der Keeper ist Spieler des Spiels“, staunt Englands Co-Trainer Anthony Barry bereits zur Halbzeit. Da hat Mpasi mit unzähligen Sensationsparaden die Pausenführung gesichert. Marcus Rashford, Bellingham, Kane – sie alle scheitern am überragenden Mann auf dem Platz. Als England doch noch gewonnen hat, die Atemlosigkeit langsam aussetzt, nehmen ihn Kane und Englands Torhüter Jordan Pickford an der Mittellinie in den Arm. Sie wissen, was hier in Atlanta passiert ist, und sie zollen dem 31-jährigen Keeper ihren Respekt.

„Nach diesen vielen tollen Paraden, kommt schon der Gedanke, dass es einer dieser Tage sein könnte“, erzählt Kane. „Ich bin stolz auf die Jungs, weil wir nie den Glauben verloren, den Ball immer wieder an die richtigen Orte gebracht haben. Damit einer von uns diesen Heldenmoment haben kann.“ Und eben nicht Mpasi.

Für England geht es in Atlanta nur um eine einzige Frage: Können die 60 Jahre des Schmerzes endlich beendet werden? Allein an der Antwort auf diese Frage wird Tuchels Erfolg bei diesem Turnier bemessen. Das Urteil ist noch nicht gesprochen. Doch mit der Leistung gegen die DR Kongo kreiert er ein Momentum, das mehr Substanz haben dürfte als jenes Momentum, das die deutsche Auswahl nach dem 2:1 gegen die Elfenbeinküste auf ihrer Seite wissen wollte.

Dabei plagen den aus Deutschland nach England geflüchteten Trainer vor dem Sechzehntelfinale die klassischen Sorgen eines deutschen Trainers. Sébastien Desabre, der Trainer der DR Kongo, tut das, was unterlegene Teams bei dieser Weltmeisterschaft so tun. Er stellt seine Mannschaft ganz tief auf. Tuchel hat einen anderen Plan als Noch-Bundestrainer Julian Nagelsmann bei der Blamage von Boston. Beinahe geht auch dieser gründlich schief.

Three Lions in Panik

Tuchels England überlässt der DR Kongo den Ball. Die Three Lions lauern auf die Fehler, die da kommen werden. In der Anfangsphase passiert das nicht. Die Afrikaner haben 75 Prozent Ballbesitz. Sie wissen auch etwas damit anzufangen.

Die DR Kongo schlägt bald Saltos und Purzelbäume, die Three Lions geraten kurz in Panik, hadern früh mit dem Schiedsrichter und dem Rest der Welt. England hat sich immer weiter in die eigene Hälfte drängen lassen. Sie sind so passiv, dass der aufgerückte Innenverteidiger Chancel Mbemba in der siebten Minute ohne jeden Druck einen Ball aus dem hinteren Halbfeld auf die Reise schickt.

Harry Kane erlöst England nach Frust-Start

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In der Abwehr rückt Djed Spence in die Mitte und läuft unter dem Ball her. Der Rest der englischen Verteidigung glänzt durch Abwesenheit, Torhüter Pickford lässt die kurze Ecke auf, und hinter Spence lauert Brian Cipenga. Der schließt ab. Sie würden doch nicht?

Das mehrheitlich englische Publikum stellt sofort die Gesänge ein, die wenigen Anhänger der DR Kongo übernehmen. Unruhe macht sich breit, auf dem Platz kassiert Jude Bellingham Gelb, das englische Mittelfeld schickt Pässe ins Nichts, ist teilweise nicht einmal in der Lage, einfachste Bälle anzunehmen. Kongo ist gierig, aggressiv und nicht gewillt, in die Außenseiterrolle zu schlüpfen. Kurz vor der Pause stehen sie vor der Sensation. Yoane Wissa kann den Ball freistehend am Fünfmeterraum nur an den rechten Außenpfosten platzieren.

Irgendwann aber kommt Kane und macht die Dinge, die kein anderer kann. Der Spieler des FC Bayern München ist der aktuell wohl beste Angreifer der Welt. Er ist ein kompletter Spieler und einer, der ganz England auf einer Welle trägt. Als sich die Three Lions nach dem Sieg vor den englischen Fans versammeln und als sie aus vollem Herzen „Wonderwall“ gegrölt haben, springt Kane noch einmal nach vorne. Er schwört ein ganzes Land auf das große Spiel in Mexiko ein. Der Job ist noch nicht erledigt. Noch ist da der Schmerz der 60 Jahre.

Verwendete Quelle: ntv.de

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