01.07.2026 | 20:34 Uhr
Die Tage von Julian Nagelsmann als Bundestrainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft scheinen gezählt. Alles außer Jürgen Klopp als Nachfolger wäre eine Überraschung. Die Frage ist: Was wird dann eigentlich aus Rudi Völler?
Es ist auch einen Abend später unübersehbar. Die Fahnen der deutschen Fußball-Nationalmannschaft wehen immer noch auf dem Campus der Wake Forest University. Vor dem Medienzentrum parkt noch immer das Auto des Hauptsponsors, das ein DFB-Trikot auf der Motorhaube trägt. Der Zaun schlängelt sich noch um den Trainingsplatz und das Spry Soccer Stadium. „Danke, Winston-Salem. Thanks. Team Deutschland.“
Vieles sieht auf den ersten Blick so aus, als wäre der 29. Juni in Foxborough, im WM-Stadion von Boston, nie passiert. Als hätte die deutsche Nationalelf das Elfmeterschießen gegen Paraguay nicht verloren. Als sei das DFB-Team nicht zum dritten Mal in Folge viel zu früh aus einer Weltmeisterschaft ausgeschieden. Und als hätten DFB-Präsident Bernd Neuendorf, Andreas Rettig und Rudi Völler nicht lange über die Zukunft ihres Bundestrainers sprechen müssen.
Mittlerweile zeichnet sich ab: Julian Nagelsmann wird seinen Posten ziemlich sicher verlieren. Nach Heim-EM und Weltmeisterschaft wird es das wohl gewesen sein. Die „Bild“-Zeitung schreibt, dass Jürgen Klopp schon bereit sei, aus dem Schatten zu treten und Bundestrainer zu werden. Nagelsmann soll noch einmal von dem Trio angehört werden, seine Sichtweise erklären dürfen. Doch die Entscheidung scheint gefallen, der Trennungsvertrag wird dem Bericht zufolge schon vorbereitet.
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Der Bodyguard
Für einen wäre das eine beachtliche Wende. Rudi Völler saß noch vor dem Paraguay-Spiel vor den Medienschaffenden in einem Vorlesesaal der Wake Forest University und machte das, was in den vergangenen Monaten oft getan hat: Völler verteidigte Nagelsmann. Selbst nach der Niederlage gegen Paraguay machte er das noch. „Für mich ist er die richtige Person am richtigen Ort“, sagte Völler über Nagelsmann. Er sei jedoch nicht alleine der DFB, sagte Völler nach dem WM-Aus. Auch ein vielsagender Satz.
Aber ist das schon ein Abrücken? Über Wochen und Monate hatte Völler im DFB-Tross eine besondere Rolle. Er war Nagelsmanns Leibwächter. Er verteidigte den Noch-Bundestrainer schon in Herzogenaurach vor Beginn des Turniers für die missglückte Kommunikation rund um die Rückholaktion von Manuel Neuer. Dann versuchte er vor der Gruppenphase die nervöse Fußballnation zu beruhigen.
Und schließlich klärte er den öffentlichen Widerspruch zwischen Nagelsmann und seinen Spielern nach der Ecuador-Pleite auf. Die Frage, ob der Außenseiter es einfach mehr wollte, hatte den Noch-Bundestrainer auf die Palme gebracht. Seine Spieler jedoch räumten genau das unabhängig von ihm genau so ein. Völler beruhigte zwei Tage später: Nagelsmann habe nur seine Spieler schützen wollen. Er hätte das auch genau so gemacht, sagte Völler.
Das Verhältnis, das beide verbindet, ist eng und öffentlich bekannt. Nagelsmann bezeichnete Völler einst als „Papa-Figur“, der wiederum mochte den Vergleich nicht so richtig und sprach eher von einem „absoluten Top-Verhältnis, ein freundschaftliches Verhältnis“, das beide Seiten verbinde. „Wir können froh sein, dass Julian unser Bundestrainer ist. Ihn für das Amt gewonnen zu haben, ist das Beste, was mir in den letzten Jahren beim DFB gelungen ist“, sagte Völler noch im vergangenen September. Fachlich hält er ihn ohnehin für einen überragenden Trainer.
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Eigentlich schon im Ruhestand
Nach seiner Zeit als Spieler, als Weltmeister 1990, als Teamchef bei der WM 2002 war Völler 2023 noch einmal zum DFB zurückgekehrt. Er kam in der Krise, sollte ein Baustein sein, um die Heim-Europameisterschaft 2024 zu retten. Nach der Entlassung von Bundestrainer Hansi Flick kehrte er im September 2023 sogar noch einmal an die Seitenlinie zurück, um gemeinsam mit Hannes Wolf und Sandro Wagner mit 2:1 gegen Frankreich zu gewinnen.
Und dann kam der Julian. Eigentlich wollte Völler schon lange aufgehört haben. Doch im vergangenen Jahr gibt er sich einen Ruck, verlängert noch einmal bis zur EM 2028 in Großbritannien. Ein Grund: der Noch-Bundestrainer. „Die Nationalmannschaft und ihr gesamtes Team beim DFB sind mir ans Herz gewachsen. Daran haben natürlich die begeisternde Heim-Europameisterschaft, aber vor allem auch die Zusammenarbeit mit Julian Nagelsmann einen entscheidenden Anteil“, sagte er bei seiner Vertragsverlängerung.
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Doch das wirkt mittlerweile wie aus einer anderen Epoche. Der öffentliche Druck ist zu groß, weder Joachim Löw noch Hansi Flick haben nach 2018 und 2022 gezeigt, dass es für irgendjemanden hilfreich ist, am Bundestrainer nach so einem Turnier festzuhalten. Deshalb steht Völler jetzt vor einer Frage: Kann man einen Job behalten, wenn man seinen „Sohn“ rausgeschmissen hat? Wenn man ihn so sehr über Wochen und Monate verteidigt hat? Zumal, sollte Jürgen Klopp wirklich übernehmen, wird er wohl kaum die alten Nagelsmann-Strukturen behalten wollen. Und will Völler wirklich noch mit einem neuen Bundestrainer zusammenarbeiten?
Die Gespräche finden nun in Deutschland statt. Denn während von außen auf dem Campus der Wake Forest University alles nach dem Alten aussieht, hat sich doch etwas verändert. Über die Straßen laufen nicht mehr die DFB-Protagonisten, sondern Stück für Stück kehren die Studentinnen und Studenten zurück.
Verwendete Quelle: ntv.de
