Analyse
China setzt Europas Unternehmen zunehmend unter Druck – auch mit massiven Subventionen. Doch höhere Zölle allein reichen kaum aus. Was kann die EU noch tun, um ihre Wirtschaft zu schützen?
Europas Industrie leidet immer stärker unter der chinesischen Exportoffensive. Dabei profitieren chinesische Hersteller auch von massiven staatlichen Subventionen. Die EU sucht deshalb nach Gegenmaßnahmen. Helfen höhere Zölle – oder braucht Europa eine neue Strategie?
Für Edgar Walk, Chefvolkswirt beim Bankhaus Metzler, geht es längst um mehr als gewöhnlichen Wettbewerb. „China betreibt eine Politik der Zerstörung der europäischen und amerikanischen Industrie. Anders kann man es nicht bezeichnen“, sagt Walk im Gespräch mit der ARD-Finanzredaktion. Als warnendes Beispiel nennt er den Niedergang der deutschen Solarindustrie. Etwas Ähnliches drohe nun in weit größerem Stil.
Deutschlands Schlüsselindustrien hart getroffen
Wie stark sich der Wettbewerb verschärft hat, zeigt eine neue Studie des Kiel Instituts für Weltwirtschaft. China macht Europa demnach inzwischen auch in den Branchen Konkurrenz, in denen die europäische Industrie traditionell stark ist.
Mittlerweile betrifft das knapp 40 Prozent dieser Wirtschaftszweige – Anfang der 2000er-Jahre war es nur ein Viertel. Besonders betroffen sind Automobilbau, Chemie und Maschinenbau. Die Kieler Forscher sprechen von einem „China-Schock 2.0“. Anders als beim ersten China-Schock Anfang der 2000er-Jahre geraten diesmal vor allem technologisch anspruchsvolle Industrien unter Druck.
Wie China technologisch aufholte
Chinesische Unternehmen hätten viel vom Westen gelernt, sagt Walk. Zugleich habe Peking früh auf Innovation, Bildung und Infrastruktur gesetzt. Diese Strategie zahle sich nun aus: China verfüge inzwischen über „extrem wettbewerbsfähige, innovative, starke Unternehmen“.
Europas Unternehmen leiden dagegen unter zu viel Bürokratie, schlechter Infrastruktur und mangelnden Investitionen in Forschung und Entwicklung.
OECD: Massive Industriesubventionen in China
Allerdings beruht Chinas industrielle Stärke nicht allein auf technologischen Fortschritten. Laut einer OECD-Studie erhielten die untersuchten großen chinesischen Industrieunternehmen zwischen 2005 und 2024 durchschnittlich drei- bis achtmal so viel staatliche Unterstützung wie vergleichbare Firmen aus OECD-Ländern.
Besonders bemerkenswert: Fast 60 Prozent der weltweiten Marktanteilsgewinne der untersuchten chinesischen Unternehmen lassen sich mit den erhaltenen Subventionen erklären. Die OECD hält dies für eine konservative Schätzung, da nicht sämtliche Hilfen erfasst werden.
Ist Chinas Währung um 30 Prozent unterbewertet?
Hinzu kommt der Yuan. Brad Setser, Experte für internationale Finanzströme beim Council on Foreign Relations, schätzt, dass die chinesische Währung um rund 30 Prozent unterbewertet ist.
Chinas tatsächlicher Leistungsbilanzüberschuss sei deutlich größer als offiziell ausgewiesen, argumentiert Setser. Ein niedriger Wechselkurs verbilligt chinesische Exporte.
Deutsche Exporte nach China brechen ein
Die wachsende Konkurrenz aus China zeigt sich auch im deutschen Außenhandel: In den ersten acht Monaten 2026 sanken die deutschen Exporte nach China um 12,9 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Gleichzeitig legten die Einfuhren aus China um 10,1 Prozent zu.
Die Bedeutung Chinas für die deutsche Exportindustrie schwindet. Die Volksrepublik belegte im ersten Halbjahr 2026 nur noch Rang neun unter Deutschlands Exportmärkten. 2021 war es noch Rang zwei gewesen.
Was hinter Chinas „dualer Zirkulation“ steckt
Das passt zu Pekings Strategie der „dualen Zirkulation“: China will seit 2020 den Binnenmarkt und eigene Technologien stärken, um weniger von Importen abhängig zu sein – zugleich aber weiter vom Welthandel profitieren.
Metzler-Ökonom Walk bringt es so auf den Punkt: „Jedes deutsche Unternehmen, das heute Waren nach China exportiert, muss wissen, dass es eine chinesische Politik gibt, die genau diese Exporte in Zukunft verhindern möchte.“ Erklärtes Ziel sei es, dass künftig eine chinesische Firma diese Güter herstellt.
EU plant neue Handelsschranken gegen China
Nach dem Gipfel vergangene Woche will die EU-Kommission nun neue Instrumente entwickeln, um Europas Industrie besser vor unfairen Handelspraktiken zu schützen. So soll etwa der Zugang zum Binnenmarkt schneller beschränkt werden können.
Johannes Gernandt, Chefvolkswirt des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), geht das nicht schnell genug: „Während China handelt, reden wir noch. Wir brauchen ein Drohpotenzial, das den Chinesen klarmacht, dass wir auch zurückschlagen können.“
Metzler-Ökonom Walk fordert für den Automobil- und Maschinenbau sogar Einfuhrzölle von mindestens 30 Prozent – auch als Ausgleich für die aus seiner Sicht erheblichen Wechselkursverzerrungen.
Warum höhere Zölle Europas Industrie schaden können
Doch Zölle bergen auch Risiken: Nach Ansicht Walks könnte der Wettbewerb innerhalb Europas nachlassen. Im schlimmsten Fall drohten „sklerotische Zombie-Unternehmen“ – Firmen also, die sich hinter Handelsbarrieren behaupten, aber aus eigener Kraft nicht wettbewerbsfähig wären.
Auch die Kieler Forschenden sehen Grenzen klassischer Schutzzölle. Sie wollen den Zugang zum EU-Binnenmarkt bei strategisch wichtigen Produkten an eine Produktion in Europa knüpfen. Dafür brauche die EU eine neue Rechtsgrundlage. Vorbild ist die US-Regelung „Section 232“, die Einfuhrbeschränkungen aus Gründen der nationalen Sicherheit erlaubt.
Droht ein neuer Handelskrieg mit China?
China könnte auf solche neuen Regelungen und Handelsbeschränkungen zwar mit Gegenmaßnahmen reagieren. Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, erwartet allerdings keine große Eskalation, schließlich steckt China bereits in einem Handelskonflikt mit den USA.
„Von daher glaube ich, wird dieser Handelskonflikt zwischen der EU und China eher auf kleinerer Flamme gekocht“, sagt Krämer. „Ansonsten hätte China zu viele Handelskriege auf einmal.“
Wie Europa wettbewerbsfähig bleiben kann
Klar ist jedenfalls: Handelsschranken allein werden die hiesige Industrie auf Dauer kaum wettbewerbsfähiger machen. Sie können aber Zeit verschaffen, um technologisch aufzuholen – und den Standort Europa zu verbessern.
Zugleich muss die EU entscheiden, welche Schlüsselindustrien und Produktionskapazitäten sie auch aus Sicherheitsgründen erhalten will. Importe nur zu verteuern, reicht dafür nicht aus.

