Wenn im März die Oscars verliehen werden, könnte es einen regelrechten Aufmarsch deutscher Filmschaffender geben. Das ermöglicht eine neue Regelung für ausländische Filme. Ihre Produktionen können sich sehen lassen.
Es passiert etwas in der deutschen Filmlandschaft. Wagemutiger wird die Branche, experimentierfreudiger – und tritt mit diesem neuen Selbstverständnis auch stolz auf internationales Parkett. Aktuellstes Beispiel ist „Everytime“ von Sandra Wollner. Gestern Abend hat eine unabhängige Jury aus neun deutschen Filmschaffenden bekannt gegeben, dass das kürzlich bundesweit im Kino angelaufene Drama der deutsche Oscar-Kandidat in der Kategorie „Bester Internationaler Film“ ist.
Erst im Mai hatte die in Berlin lebende Österreicherin mit ihrem dritten Spielfilm eine wichtige Auszeichnung bei den Filmfestspielen in Cannes gewonnen: in der Nebenreihe „Un Certain Regard“ erhielt „Everytime“ den Hauptpreis. Die Sektion gilt als Sprungbrett in den Hauptwettbewerb des renommierten Festivals und als zentraler Ort für Filmschaffende, die ausgetretene Pfade schmähen und neue Wege gehen.
Poetische Bildsprache trifft Tabuthemen
Die beschreitet Sandra Wollner nur zu gerne. Schon ihre ersten beiden Filme waren Genreverschiebungen, die auf eine traumwandlerische Bildsprache setzten und schwierige Themen wie Pädophilie und Abtreibung behandelten. Auch „Everytime“ berührt Tabus: Es geht um den Tod und wie eine Familie nach einem tragischen Verlust mit Fragen der Schuld und Vergebung umgeht.
Sandra Wollners Drama „Everytime“ kombiniert poetische Bilder mit schweren Themen.
Auslöser ist der Tod einer 17-Jährigen, die im Drogenrausch in den Tod gestürzt ist. Der Film zeigt, wie ihr damaliger Freund, die kleine Schwester und die von Birgit Minichmayr gespielte alleinerziehende Mutter ihren Alltag zu meistern versuchen. Sie wollen das Geschehene verstehen und weitermachen. Loslassen, aber nicht vergessen.
Ein diffuser Schwebezustand, den auch die Jury in ihrer Begründung hervorgehoben hat: „Elegant mit Form und narrativen Ellipsen spielend, erzählt ‚Everytime‘ von den Zwischenräumen des Verlustschmerzes. Beinahe unmerklich fließen Erinnerung und Gegenwart, Realität und Imagination ineinander und machen diesen Film zu einem großen poetischen Kino-Erlebnis.“
Geisterwelten wie bei Mascha Schilinski
Wie ihre Kollegin Mascha Schilinski, deren Film „In die Sonne schauen“ im vergangenen Jahr von Deutschland ins Oscar-Rennen geschickt wurde, arbeitet auch Wollner mit metaphysischen Elementen. In enger Absprache mit dem Kamerateam wird das Innenleben der Filmfiguren visualisiert, werden Erinnerungen oder übersinnliche Wahrnehmung in Szene gesetzt, werden Geister lebendig. Eine Bildsprache, auf die auch Volker Schlöndorff in der Romanverfilmung „Heimsuchung – Eine Jahrhundertgeschichte“ setzt – zumindest in der Anfangsszene.
Auch sein Film, der dieses Jahr in Cannes Premiere hatte und im Oktober bundesweit in den Kinos startet, war unter den elf Kandidaten für die deutsche Oscar-Einreichung. Er hätte typische Vorlieben der Academy of Motion Picture Arts and Sciences erfüllt, die die Oscar-Verleihung ausrichtet: Inhaltlich geht es um 100 Jahre deutsche Geschichte von 1920 bis zur Gegenwart, die Hauptrollen sind besetzt mit auch in den USA bekannten Stars wie Lars Eidinger und Martina Gedeck.
Mutige Entscheidung
Vier Mal haben deutsche Produktionen in der Kategorie „Bester Internationaler Film“ bisher den Oscar gewonnen. Alle haben sich mit der deutschen Vergangenheit auseinandergesetzt, mit dem Ersten Weltkrieg, dem Nationalsozialismus oder der DDR-Diktatur. Insofern wäre „Heimsuchung“ die sicherere Variante gewesen, um im Oscar-Rennen möglichst weit zu kommen. Auch, weil Schlöndorff die Academy-Mitglieder schon einmal von seinem Können überzeugen konnte: 1980 mit „Die Blechtrommel“.
Dass sich die Jury für eine vergleichsweise unbekannte Regisseurin und ihren formal herausfordernden Film über Trauer und das Verlorensein in einer aus den Fugen geratenen Welt entschieden hat, ist ein großer Vertrauensbeweis. Und eine Entscheidung, die ähnlich mutig und selbstbewusst ist wie der Film selbst.
Wenn die politische Überzeugung vor Gericht landet: Szene aus İlker Çataks „Gelbe Briefe“.
Drei deutsche Produktionen im Oscar-Rennen
Wie facettenreich die deutsche Kinolandschaft ist, belegen auch die zwei anderen Filme, die über andere Wege in der Oscar-Vorauswahl gelandet sind: „Gelbe Briefe“ von İlker Çatak und „Von Scham und Geld“ von Visar Morina. Die beiden deutschen Co-Produktionen haben Anfang des Jahres jeweils einen der Hauptpreise der Berlinale beziehungsweise des Sundance Film Festivals gewonnen – und sind damit aufgrund einer neuen Wildcard-Regelung der Academy automatisch für die Einreichung als „Bester Internationaler Film“ qualifiziert.
Der Berliner Regisseur İlker Çatak, der bereits 2024 mit seinem Drama „Das Lehrerzimmer“ für den Oscar nominiert war, erzählt in „Gelbe Briefe“ von dem politisch engagierten Künstlerpaar Derya und Aziz. Durch staatliche Repression wird dessen berufliche Existenz abrupt zerstört. Sie verlieren ihre Arbeit und ihre Wohnung, finden Unterschlupf bei Aziz‘ Mutter, die das Paar und dessen 13-jährige Tochter in ihrer kleinen Mietwohnung aufnimmt. Während Aziz an seinen politischen Überzeugungen festhält, sucht Derya pragmatische Lösungen, wodurch das einst so harmonische Familiengefüge auseinanderfällt.
Verfremdungseffekt und neue Perspektiven
Der Film besticht nicht nur durch seine Handlung, sondern punktet zudem mit einem Verfremdungseffekt, der der Geschichte eine universelle Ebene verleiht: Çatak verzichtet auf konkrete innenpolitische Einordnungen. Lediglich zwei Ortsmarken werden eingeblendet: „Berlin als Ankara“ und „Hamburg als Istanbul“. Die Dialoge sind komplett in türkischer Sprache, gedreht wurde in Deutschland. Somit wird das Gefühl erzeugt, dass die Ereignisse jederzeit an jedem Ort geschehen könnten.
Werden zum Neuanfang gezwungen: Astrit Kabashi und Flonja Kodheli in einer Szene aus „Von Scham und Geld“ von Visar Morina.
Auch in Visar Morinas Drama „Von Scham und Geld“ verliert eine Familie ihre Lebensgrundlage. Die Milchbauern ziehen vom Land nach Pristina, in die Hauptstadt des Kosovo, und finden Unterschlupf bei einer Verwandten. Morina, der 1979 in Pristina geboren wurde und an der Kölner Kunsthochschule für Medien Regie und Drehbuch studiert hat, liefert mit seinem dritten Spielfilm ein komplexes Gesellschaftsdrama mit Thriller-Elementen, das von verletztem Stolz und wirtschaftlichem Druck erzählt. Ende September soll der Film bundesweit ins Kino kommen.
Mehrstufiger Auswahlprozess
Aus deutscher Sicht wird es also dreifach spannend, wie die Oscar-Shortlist aussieht, die am 15. Dezember bekannt gegeben wird. Aus der Shortlist werden wiederum im Januar die fünf Finalisten für die endgültige Nominierung ausgewählt. Die Oscar-Verleihung selbst findet am 14. März in Los Angeles statt.
