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Digitale Hexenjagd, ganz real: „Witch Hunt“: In der Echokammer aus Frauenhass und Gewalt

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 30, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Digitale Hexenjagd, ganz real„Witch Hunt“: In der Echokammer aus Frauenhass und Gewalt

30.05.2026, 12:03 Uhr Von Thomas Badtke
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Eine wahre Troll-Armee macht Jagd auf mehrere Frauen in München und Umgebung. (Foto: picture alliance / empics)

Eine Landtagspolitikerin wird massiv bedroht: Sie erhält Mails mit Vergewaltigungs- und Mordfantasien, wird in den sozialen Medien beschimpft und beleidigt. Dann droht die Lage durch eine Bombendrohung zu eskalieren. Ein Fall für LKA-Ermittlerin Obalski – und ihre besonderen Fähigkeiten.

Süffig muss es sein. Prickelnd natürlich auch. Und ein verlockend seidiger Schaum darf ebenso nicht fehlen, wenn Obalski in ihrer Münchener Lieblingskneipe sitzt und sich eine Halbe gönnt. Sie kann dann abschalten und ihren Gedanken freien Lauf lassen. Ein kleiner Plausch mit Barkeeper Joe – ach, das Leben könnte so schön sein. Wäre da nicht ihr Beruf: Obalski ist LKA-Ermittlerin in der Sondereinheit „Doppel-X“.

Undercover geht sie ihrem Job nach, arbeitet dafür beispielsweise im Jugendamt oder wie derzeit als Social-Media-Expertin im Büro einer Politikerin des bayerischen Landtags. Die eckt mit ihrer klaren Haltung, mit ihren direkten Worten an. Was folgt, ist eine regelrechte Hetzkampagne, eine Hexenjagd im Netz, inklusive Vergewaltigungsan- und Morddrohungen. Nachdem auch noch eine Bombendrohung im Landtag eingeht, wird die Sondereinheit „Doppel-X“ aktiv und Obalski eingeschleust. Mit roten Haaren und Social-Media-Skills.

Obalski soll herausfinden, ob ein Mitarbeiter der Politikerin Interna leakt oder gar hinter der Hetzkampagne im Netz steckt. Verdächtige gibt es da schon, wie Obalski findet. Aber nachdem die Leiche einer Richterin auftaucht, die ebenfalls einer wahren Hexenjagd im Netz ausgesetzt gewesen ist, und auch Obalski plötzlich ins Visier des Mobs gerät, muss sie umdenken. Die Sache scheint größer zu sein – und die Zeit rennt. Obalskis „Fähigkeiten“ sind gefragt: Menschen und deren Verhaltensweisen lesen.

Von Trollen und „Hacksen“

Eine wahre Troll-Armee macht Jagd auf mehrere Frauen in München und Umgebung. Nicht mehr nur im Netz, wie die tote Richterin zeigt. Aber wurde sie ermordet? Oder hat sie Suizid begangen unter dem Druck, der Hetze im Internet? Dann scheint Obalski plötzlich anonyme Hilfe zu bekommen: Sie erhält Hinweise auf die wahre Identität einiger Trolle. Immer Männer, die ein geringes Selbstwertgefühl haben, aber dafür im Netz hochgradig aggressiv gegen Frauen wettern.

Ist Obalski ungewollt zwischen zwei verfeindete Lager geraten? Trolle hier, eine Untergrund-Hackerinnengruppe namens „Hacksen“ da? Wem kann sie noch vertrauen? Ihr Bauchgefühl ist gefragt – und lässt die junge Frau nicht im Stich. Ein Bier in ihrer Lieblingskneipe kommt da gerade recht.

Oans, zwoa, g’suffa!

Für LKA-Ermittlerin Obalski, die es von Berlin nach München verschlagen hat, ist es bereits der zweite große Fall. Susanne Kaiser hat die Figur entworfen, ihr Leben eingehaucht, viel Humor und Eigensinnigkeit mitgegeben sowie eine nicht ganz einfache Kindheit, die ihrer verschrobenen Mutter geschuldet ist. In „Witch Hunt“, erschienen bei Rowohlt und Argon, und nach „Riot Girl“ das zweite Buch der Erfolgsreihe, schickt Autorin Kaiser Obalskis Mutter kurzerhand nach München, um das Privatleben der Tochter tatkräftig durcheinanderzuwirbeln. Ein hervorragender Kniff! Er sorgt für noch mehr Spaß, kernige Dialoge und hilft zu erklären, wieso Obalski so ist, wie sie ist.

In einem Wort: Obalski ist ein Unikum. Eine Berlinerin in München, „a Saupreißin in Minga“. Herrlich! Gute Laune ist vorprogrammiert, erst recht, wenn man zum Hörbuch greift und der Stimme Sarah Arndts lauscht. Da wird keck berlinert. Und dann wieder gut bayrisch dahergeredet mit der typischen „Mia san mia“-Mentalität. Das passt, wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge oder die Maß zur Krachledernen.

Dass Kaiser dabei hochbrisante und topaktuelle Themen in ihre Werke einbettet, hat „Riot Girl“ bereits eindrucksvoll gezeigt. „Witch Hunt“ steht dem in nichts nach. Enthemmte Hetze gegen Frauen im Netz, Gaslighting, Isolation, Swating, Vulnerability Exploitation, Deep Fakes. Und und und. Es gibt viele Möglichkeiten mithilfe sozialer Netzwerke Ängste in der realen Welt zu schüren und Hass zu verbreiten.

Cyber-Mobbing steht derzeit sehr hoch im Kurs, legitimiert von „ganz oben“, wie die Äußerungen in sozialen Netzwerken von US-Präsident Donald Trump oder Tesla-Chef Elon Musk zeigen. Hierzulande wurden zuletzt etwa Schauspielerin Collien Fernandes und die Cheftrainerin der Bundesliga-Mannschaft des 1. FC Union Berlin, Marie-Luise Eta, Opfer solcher Schmutz- und Hasskampagnen im anonymen Netz. Die Hater fühlen sich sicher hinter ihren Nicknames. Das darf nicht so bleiben! Aufwachen und Kontra geben! Das ist eine Schlussfolgerung, die man als Hörer oder Leser von Susanne Kaisers „Witch Hunt“ ziehen kann. Eine andere: Nichts geht über „a g’scheits Helles“!

Quelle: ntv.de

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