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Startseite»Politik»Druck auf Transmenschen in den USA: „Das ist entmenschlichend“
Politik

Druck auf Transmenschen in den USA: „Das ist entmenschlichend“

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerAugust 22, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Stand: 22.08.2026 • 15:34 Uhr

Seit der Rückkehr ins Weiße Haus versucht die Trump-Administration, Rechte von Transmenschen zu mindern. Zuletzt wurde die Zahlung für Behandlungen von Transjugendlichen gestoppt. Wie lebt die Community damit?

Noch ist es leer vor der Bühne im Gill Park in Chicago – noch eine gute halbe Stunde, dann startet hier das erste Trans-Pride-Festival der Stadt in seine zweite Ausgabe. Seit Monaten bereitet eine Gruppe von Aktivisten das kleine Festival vor, bucht Bands, Stand-Up-Comedians und Moderation. Sie alle sind trans, heißt: Sie wurden nicht mit den Geschlechtsmerkmalen geboren, die sie fühlen – und mit denen sie gesehen werden möchten.

Dawn Heilung hat das Festival mit dem Namen Transilience – ein Wortspiel aus „trans“ und „resilience“ (Widerstand) – gegründet. Dawn ist aus Texas nach Chicago gezogen und freut sich sichtlich, als immer mehr Menschen den kleinen Park füllen.

Dass wir als Transmenschen Freude empfinden und zeigen können – das ist politisch. Dass Transmenschen zusammenkommen in einer Welt, die sagt, wir sollten nicht existieren, ist ein wichtiger Akt des Widerstands.

Heilung sagt, immer neue Gesetze, Ankündigungen und Schikane von staatlicher Seite gegen Transmenschen hätten eine Wirkung: „Das ist entmenschlichend.“

Dawn Heilung (sitzend in der Mitte) hat das Festival gegründet.

Transjugendliche im Fokus

Mit Verweis auf den Kinderschutz hat die US-Regierung zuletzt vor allem Transjugendliche ins Visier genommen. Mehr als 20 medizinische Zentren im Land stellten nach Drohungen des Justizministeriums die Behandlung Transjugendlicher ein. Das Bildungsministerium ermittelt gegen Schulbezirke, die Eltern angeblich nicht darüber informieren, wenn ihr Kind sich in der Schule mit einem anderen Namen, anderen Pronomen oder einer anderen Geschlechtsidentität als der bei Geburt zugewiesenen vorstellt.

Weiterhin kündigte die Regierung an, vor dem Supreme Court gegen ein Urteil vorzugehen, das den Ausschluss bereits dienender Transpersonen in der Armee für unrechtmäßig erklärt hatte. Wer neu dazukommen will, darf bereits seit 2025 nicht mehr offen trans sein.

Im Oktober tritt außerdem eine neue Anweisung des US-Gesundheitsministeriums in Kraft: Die staatlichen Krankenversicherungsprogramme Medicaid und CHIP – eine Art gesetzlicher Grundversorgung für einkommensschwache Familien und Kinder – dürfen dann keine geschlechtsangleichenden Behandlungen für Minderjährige mehr finanzieren. Betroffen sind Hormontherapien, Pubertätsblocker und Operationen.

Bundesstaaten können solche Leistungen weiterhin aus eigenen Mitteln finanzieren und private Krankenversicherungen sind von der Regel nicht betroffen. Dennoch dürfte die Maßnahme gerade einkommensschwache Familien mit Transkindern hart treffen, die auf Medicaid angewiesen sind.

„Ich weiß nicht, ob meine Medikamente weiter übernommen werden“

Neil ist Krankenpfleger und noch in seiner Dienstkleidung zum Transilience-Festival gekommen. Seit 13 Jahren nimmt Neil Testosteron. Für ihn sind die politischen Entwicklungen längst keine abstrakte Debatte mehr, sondern Teil des Alltags – der 31-Jährige arbeitet in einem staatlichen Krankenhaus.

„Ich weiß nicht, ob meine Medikamente nächstes Jahr noch von meiner Krankenversicherung übernommen werden – wegen der Gesetze, die verabschiedet wurden“, erklärt er. Außerdem dürfe er seine Pronomen nicht mehr in seine dienstliche E-Mail-Signatur schreiben. Und mit Patientinnen und Patienten über das Thema sprechen, von denen einige auch trans seien, sei ebenfalls untersagt.

Und das nicht erst, wenn die neue Medicaid-Regel in Kraft tritt. Bereits jetzt ist er von Einschränkungen für Bundesbedienstete betroffen – und ist ein Beispiel dafür, wie sich der politische Druck auf mehreren Ebenen gleichzeitig aufbaut.

Inzwischen ist das Bühnenprogramm gestartet: Ein junger Comedian witzelt über seine Transition zum Transmann, dass er trotzdem noch auf Männer stehe und sich zur „perfekten Zielscheibe“ mausert. Lachen und auch entschlossener Applaus im Publikum.

Scarlet Witton (rechts) und Ehefrau Gilian (links) sind neu nach Chicago gezogen.

Regeln innerhalb der USA unterschiedlich

Scarlet Witton, 65 Jahre alt, ist erst vor Kurzem aus Seattle nach Chicago gezogen, gemeinsam mit ihrer Frau, die einen Job an der Northwestern University angenommen hat. Sicherheit war bei der Entscheidung ausschlaggebend.

Chicago und der Bundesstaat Illinois gelten in den USA als vergleichsweise sicherer Ort für Transmenschen: Während Staaten wie Florida, Texas, Tennessee oder Louisiana ohnehin schon eigene, oft noch schärfere Landesgesetze haben, geht Illinois einen anderen Weg.

Dort sind zum Beispiel Medicaid-Kostendeckungen für geschlechtsangleichende Behandlungen sowie der Schutz behandelnder Ärztinnen und Ärzte vorgeschrieben. Genau deshalb, sagen mehrere Menschen vor Ort, ziehe es derzeit viele Transmenschen aus anderen Bundesstaaten nach Chicago.

Erinnerungen an die 1980er-Jahre

Scarlets Frau Gilian sei zudem britische Staatsbürgerin – in Großbritannien dürfen Transmenschen nach einem Urteil des Supreme Court keine öffentlichen Toiletten benutzen, die nicht dem Geburts-Geschlecht entsprechen. „Ich gehe sicher nicht aufs Männerklo“, sagt Scarlet.

Sie sei momentan schon sehr besorgt, ergänzt sie. Gleichzeitig zieht Scarlet einen historischen Vergleich zu einem früheren US-Präsidenten: „Ich habe die Ära von Ronald Reagan erlebt – er war auch ziemlich schlimm zur Gay-Community während der AIDS-Krise.“

Sie lebe lange genug, um zu wissen, dass Dinge kommen und gehen: „Auch das wird vorübergehen.“

Weitere Klagen?

Die neue Medicaid/CHIP-Anweisung dürfte nicht der letzte Schritt der Trump-Administration sein. Gegen frühere Maßnahmen der Regierung sind Bundesgerichte vorgegangen, ähnliche Klagen gegen die aktuellen Vorschriften gelten als wahrscheinlich.

Bis dahin bleibt für viele Betroffene vor allem eine wachsende Unsicherheit – und, wie es beim Transilience-Festival zum Ausdruck kommt, der bewusste Versuch, dieser Unsicherheit mit Sichtbarkeit und Gemeinschaft zu begegnen.

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Dr. Heinrich Krämer
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