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„Du hast zwei Millionen Ziele“: Israelischer Drohnenpilot enthüllt, wie wahllos in Gaza getötet wurde

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerSeptember 11, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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„Du hast zwei Millionen Ziele“Israelischer Drohnenpilot enthüllt, wie wahllos in Gaza getötet wurde

Israel greift im Gazastreifen nach eigenen Angaben weiterhin Hamas-Mitglieder an. Dabei sterben regelmäßig auch Zivilisten. (Foto: picture alliance/dpa/AP)

Mit einer Zeitung spricht ein israelischer Drohnenpilot darüber, was er im Gazastreifen gesehen hat. Seine Berichte über mögliche Kriegsverbrechen decken sich mit den Aussagen von israelischen Geheimdienstmitarbeitern. Die Soldaten hätten „ihre Menschlichkeit verloren“, sagt er.

Ein Drohnenpilot der israelischen Armee hat mit der israelischen Zeitung „Haaretz“ offen über mögliche Kriegsverbrechen im Gazastreifen, nachträgliche Rechtfertigungen für Tötungen von Palästinensern sowie die psychischen Folgen seiner Einsätze gesprochen. „Mir wurde klar, dass jeder töten kann, wen er will, so oft er will, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden“, sagte der Drohnenpilot etwa zu einem Vorfall, bei dem israelische Soldaten 15 Rettungskräfte im Gazastreifen töteten.

Am frühen Morgen des 23. März 2025 habe er an der Grenze zu dem Palästinensergebiet auf einem Bildschirm beobachtet, wie Krankenwagen im südlichen Gazastreifen eine Straße entlangfuhren: „Diese waren eindeutig als Rettungsfahrzeuge zu erkennen“, erzählt der Soldat, dem „Haaretz“ für seine brisanten Berichte Anonymität gewährt. „Ohne ersichtlichen Grund stürmten die Bodentruppen den Konvoi. Sie schossen auf das erste Fahrzeug, das medizinische Personal stieg aus, versteckte sich hinter den Krankenwagen und flehte um sein Leben, und die Soldaten erschossen sie, einen nach dem anderen.“

Nach seiner Darstellung berichteten die beteiligten israelischen Soldaten anschließend über Funk nicht von Rettungswagen, „obwohl die Sirenen an waren“. Es sei zunächst die Rede von 15 Hamas-Kämpfern gewesen, dann von 12, „und am Ende sprachen sie nur noch von drei Verdächtigen“. Demnach wurden die Leichen vor Ort begraben und die Krankenwagen von einem gepanzerten Bulldozer überrollt und anschließend mit Erde bedeckt. „Für mich ist da etwas zerbrochen“, zitiert die Zeitung den Drohnenpiloten. Die israelische Armee musste im Frühjahr 2025 ihre Darstellung des Vorfalls tatsächlich ändern, nachdem das Video eines getöteten Sanitäters öffentlich geworden war.

Im Laufe des Gaza-Krieges sei der Begriff „Terrorist“ immer dehnbarer geworden, schreibt „Haaretz“. In einem Fall habe die Armee ein mehrstöckiges Gebäude angegriffen, da man davon ausging, dass sich eine gesuchte Person darin befand. „Der Befehl lautete, dass sich der Terrorist im Gebäude befand und jeder, der es verließ, getötet werden sollte“, behauptet der israelische Soldat. Bei diesem Vorfall seien 15 Menschen getötet worden, die gesuchte Person jedoch nicht. Die Angaben lassen sich nicht unabhängig überprüfen.

Bereich um Gelbe Linie wird zur Todeszone

Der Drohnenpilot spricht auch über die sogenannte Gelbe Linie im Gazastreifen. Im Rahmen eines von den USA vermittelten Waffenstillstands sollten sich Israels Truppen auf eine „Gelbe Linie“ zurückziehen, die den Umfang ihrer Kontrolle markiert. Diese Linie verschaffte Israel zunächst die Kontrolle über etwa 53 Prozent des Gazastreifens, der Rest sollte von der Hamas beherrscht werden. Reuters hatte im Mai berichtet, dass Israel die Betonblöcke, die die Gelbe Linie vor Ort markieren, einseitig tiefer in von der Hamas kontrolliertes Gebiet verlegt hat.

Dieser Bericht wird von dem anonymen Soldaten bestätigt. „Die Gelbe Linie besteht im Grunde aus Betonbarrieren auf dem Boden“, erklärte er. „Der Divisionskommandeur beschloss eigenmächtig, sie nach Westen zu verschieben, manchmal um Hunderte von Metern, und schuf so eine neue Grenze.“ Demnach hatten die Palästinenser keine Ahnung von ihrer Existenz und auch die Luftwaffe sei nicht immer auf dem Laufenden gehalten worden. Immerhin soll es unter den Soldaten den Versuch gegeben haben, sich an die ursprüngliche Gelbe Linie zu halten, wie der Soldat berichtet.

Trotzdem dauerte es offenbar nicht lange, bis Fälle auftraten, in denen unbewaffnete Zivilisten das Gebiet betraten und als Ziele für Tötungen markiert wurden. „Aus der Perspektive eines Landwirts, der sein Land betritt – er versteht überhaupt nicht, dass er ein Gebiet betritt, das die IDF (israelische Armee) plötzlich zur Schusszone erklärt hat“, zitiert die Zeitung.

„Du hast zwei Millionen Ziele in Gaza“

Er selbst habe Angriffe in Scharen abgesagt. „Ich sagte, dass ich nur dann angreifen würde, wenn eine direkte und unmittelbare Bedrohung bestünde.“ Nachträglich seien alle möglichen Rechtfertigungen für Angriffe aufgetaucht: „‚Er kam wegen eines Waffengeschäfts‘; ‚Er hat den Boden berührt, vielleicht legt er einen Sprengsatz.‘ Meiner Meinung nach haben sie versucht, Menschen ohne Geheimdienstinformationen und ohne Beweise nachträglich zu belasten, nur um eine Rechtfertigung für einen Angriff zu schaffen.“

Der Drohnenpilot berichtet von einem Vorfall, bei dem er um ein Treffen mit seinem Geheimdienstoffizier gebeten habe, um Ziele im Gazastreifen in den Computer einzugeben. Dieser habe ihm daraufhin gesagt: „‚Du hast zwei Millionen Ziele in Gaza.‘ Er meinte damit, dass die zwei Millionen Menschen dort die Ziele seien.“ Über den Einsatz im Gazastreifen sagt er insgesamt: „Der Abzugsfinger war sehr leicht.“ Die Soldaten hätten „ihre Menschlichkeit verloren“. Er selbst habe wegen Schuldgefühlen angefangen Drogen zu nehmen, litt unter Angstattacken und Psychosen. Mittlerweile soll er die Armee verlassen haben. Auch diese Angaben lassen sich nicht unabhängig prüfen.

Der Bericht der Zeitung „Haaretz“ erschien in englischer Fassung am selben Tag, an dem der Film „NAZA“ beim Filmfestival in Venedig seine Weltpremiere feierte. „NAZA“ bezeichnet einen internen Code des israelischen Geheimdienstes. Dieser Begriff steht als militärisches Kürzel für die Anzahl von Zivilisten, die bei einem Angriff sterben. Im Film sprechen 24 israelische Geheimdienstmitarbeiter über Luftangriffe im Gazastreifen und berichten von Fällen, bei denen 15, 20, 200 oder sogar 500 Menschen als Kollateralschäden in Kauf genommen wurden, um ein Ziel zu treffen.

Dass bei einem Angriff Zivilisten getötet werden, bedeutet nicht automatisch einen Verstoß gegen das Völkerrecht; verboten sind vielmehr Angriffe, bei denen der erwartete zivile Schaden im Verhältnis zum konkreten und unmittelbaren militärischen Vorteil unverhältnismäßig ist.

Am Anfang des Films ist auch der 7. Oktober 2023 Thema, als beim Massaker der Hamas und anderer islamistischer Terroristen rund 1200 Menschen in Israel getötet und mehr als 250 weitere als Geiseln nach Gaza verschleppt wurden. Der beispiellose Überfall der islamistischen Terrororganisation löste den Gaza-Krieg aus. Seitdem wurden im Gazastreifen Zehntausende Palästinenser getötet. Menschenrechtsorganisationen und UN-Gremien werfen Israel wegen seines Vorgehens im Gaza-Krieg Kriegsverbrechen und einen Völkermord vor.

Quelle: ntv.de, dsc/rts/dpa

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