Die Eurofurence in Hamburg ist das größte Furry-Treffen in Europa. Zu der Convention kamen knapp 10.000 Besucher, in der Regel in Plüschkostümen. Was bewegt erwachsene Menschen, sich als Kuscheltiere zu verkleiden?
Wenn Marc als „Kimkat“ mit seinen Freunden von den „Luenefurs“ durch die Gegend zieht, bewegt er sich nicht nur ganz anders als sonst. Als Kater traut er sich auch Sachen, die Marc, der Mensch im schwarz-weißen Tierkostüm, nicht machen würde: Scherze treiben mit Fremden, Tanzen auf der Straße, mit Unbekannten Fotos schießen – und manchmal sich umarmen.
Marc ist ein „Furry“. Das stammt von „fur“, Englisch für Fell oder Pelz. Von ihnen gibt es Schätzungen zufolge rund 100.000 in ganz Deutschland. Weltweit sollen es mehr als eine Million Furrys sein. Für valide Aussagen fehlen allerdings belastbare Daten. Klar ist aber: Es werden immer mehr.
Ein Ausgleich zum Alltag
„Für mich ist das Ganze ein Ausgleich“, sagt Marc, „zum ernsten, seriösen Leben, das man als Erwachsener im Alltag führt.“ Der gepflegte Mittfünfziger aus Lüneburg ist beruflich in der Finanz- und Zahlenwelt zu Hause. In seiner Freizeit steigt er in den Fellanzug, setzt den XXL-Tierkopf auf und taucht ab ins Reich der Fantasie als gigantischer Plüschkater.
Fast überall in Deutschland finden mittlerweile Veranstaltungen der Furry-Subkultur statt, auch Furry-Fandom genannt. Vom „Furmeet“, dem regionalen Furry-Stammtisch, über „Suitwalks“ – das sind Gruppen-Spaziergänge in voller Montur – bis hin zu den Conventions wie der Eurofurence als größter ihrer Art in Europa.
5.000 bis 8.000 Euro kann ein solches Outfit schon kosten – nach oben sind die Grenzen offen.
Vorträge, Workshops, Tanzwettbewerbe
Hamburgs Konferenz der Kuscheltiere hat 2026 unter dem Motto gelockt: „Fantastic Furry Festival“. Das Programm umfasste Workshops, Vorträge und Panels zu Themen wie Kostümbau, Comics oder Film. Auch Tanzwettbewerbe gab es („paws on fire“), eine Parade durch den Park Planten un Blomen, Bootstouren im Hafen und Partys.
Die Teilnehmerstatistik der Eurofurence zeigt einen Anstieg der Besucherzahlen von 7.000 im vergangenen Jahr auf fast 10.000 in diesem. Ähnlich sieht es aus bei vielen anderen Furry-Conventions weltweit: Ob in Europa, wo die Nordicfuzzcon in Malmö ihre Größe innerhalb von zwei Jahren fast verdoppelt hat, oder in den USA. Dort hat die Anthrocon in Pittsburgh als weltgrößte Convention mit rund 20.000 Besuchern nach Angaben der Veranstalter ihre Kapazitätsgrenze erreicht.
Eine „antidiskriminatorische“ Community
Dass Marc so offen plaudert darüber, ein Furry zu sein, ist alles andere als selbstverständlich. Journalisten gegenüber sind Zurückhaltung und Argwohn im Fandom deutlich spürbar. Grund ist die Berichterstattung der Vergangenheit. Ein Zerrbild der Community hätten „die Medien“ gezeigt, das Furry-Fandom entweder lächerlich gemacht oder sexualisiert und in die Schmuddelecke gerückt.
Dabei sagt das Hobby nichts über die sexuelle Orientierung aus. Zwar ist die Subkultur LGBTQAI+-freundlich und viele Vertreter dieser Gruppe sind im Fandom aktiv. Marc aus Lüneburg dagegen ist nicht queer und gehört genauso dazu. Antidiskriminatorisch nennt sich diese Haltung, der sich das Fandom verschrieben hat.
Mit Kunstfell gegen die Depression
Marc hat lange vor dem aktuellen Hype das Fandom entdeckt – vor fast 20 Jahren. Ein paar Jahre hatte er den Kontakt zur Fan-Kultur verloren, wegen eines Burnouts. Die Figur Kimkat hat ihm die Lebensfreude zurückgebracht.
Als Riesenkater ist Marc regelmäßig mit der Gruppe „Luenefurs“ unterwegs im öffentlichen Raum. Dazu schlüpft er in den Ganzkörperkunstpelz, dessen Proportionen an Sylvester, den Zeichentrick-Kater der Looney Tunes, erinnern.
Mit Plüschtatzen für Hände und Füße, Rute und Tierkopf ist der Fursuit komplett. Jedes Kostüm: ein in Handarbeit maßangefertigtes Unikat. Das schlägt sich im Preis nieder. Ein kompletter Suit ist für unter 5.000 Euro kaum zu bekommen.
Plüschkater und Finanz-Spezialist: Ab und zu muss der Kopf des Kostüms auch bei Marc runter, weil es im Kostüm sehr warm wird.
Plüsch ist nicht alles
Bei weitem nicht jeder Furry trägt Fell. Manche bevorzugen Schuppen („scalies“) oder Federn („avians“). Es trägt auch nicht jeder Furry einen Suit. Manchen reicht es völlig, im virtuellen Raum als Furry unterwegs zu sein – in Foren und Chatgruppen, auf Virtual-Reality-Plattformen oder Gaming-Servern.
Als Heimatland der Subkultur gelten die USA. Zunächst waren sie eine Randerscheinung auf Treffen von Science-Fiction- und Fantasy-Fans. 1989 haben Furrys ihr erstes, eigenes Treffen organisiert, die „Confurence“. Starke Überschneidungen gibt es bis heute mit Cosplay, Live-Rollenspielen und der Gaming-Szene. Einstieg ins Fandom sind oft Comic, Manga, Zeichentrickfilm oder Anime.
Die Vorstellung menschenartiger Tierwesen ist vielleicht so alt wie die Menschheit selbst. Schon im alten Ägypten haben Pharaonen die Katzengöttin Bastet verehrt. Griechische Mythen erzählen von Minotaurus oder Pan, Grimms Märchen vom gestiefelten Kater, Disney von Micky Maus und Zoomania.
Aus Kimba wurde Kimkat
Rückblickend war es auch bei Marc ein Zeichentrickcharakter, der ihn zu den Furrys brachte: Kimba, der weiße Löwe – das japanische Original im Manga-Stil, nicht die westliche Replik. Der Faszination von damals, als Kind vor dem Röhrenbildschirm, darauf Kimba, das sprechende Löwenkind, kann Marc bis heute nachspüren. Kimkat hat für ihn eine fast therapeutische Wirkung, zumindest hat er seine kindliche Freude wiederentdeckt. Eine kleine Alltagsflucht im künstlichen Fell kann also offenbar ganz heilsam sein – man muss sie sich aber auch leisten können.
