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Politik

Frankreichs Pflicht-Schnuppertag bei der Armee

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 30, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Europamagazin

Stand: 30.05.2026 • 13:02 Uhr

Im September führt Frankreich einen freiwilligen Wehrdienst ein. Um einen Eindruck von der Armee zu erhalten, müssen alle Französinnen und Franzosen zwischen 16 und 25 Jahren einen „Tag der Verteidigung und Bürgerpflicht“ absolvieren.

Sabine Bohland

Der Dresscode ist heute blau-weiß-rot – wie die Farben der französischen Nationalflagge. Bei der Ankunft auf dem Militärstützpunkt bekommen die etwa hundert Jugendlichen und jungen Erwachsenen eine Art Warnweste zum Überziehen und werden in drei Gruppen eingeteilt: Bleu, Blanc und Rouge.

Sie wirken alle noch etwas schlapp morgens um acht auf einem Hof des Fort de Montrouge in Arcueil bei Paris. Das Singen der „Marseillaise“ klingt dementsprechend müde. Die Nationalhymne ist der erste Programmpunkt beim „Tag der Verteidigung und Bürgerpflicht“.

Danach erklärt der Leiter, was die drei Gruppen erwartet. „Sie sind heute den Regeln des Militärs unterworfen“, sagt er. Das bedeutet unter anderem: Rauchen verboten, kein Alkohol und keine Handys.

Querschnitt der Gesellschaft

Gruppe Weiß beginnt mit Schießunterricht mit Lasergewehren. Ein Soldat in Uniform erklärt alles genau. Dann dürfen die Jugendlichen selbst zielen, im Liegen auf Matten. Die meisten in dieser Gruppe sind 17 Jahre alt. Sie sind nach Geburtsdatum eingeteilt, daher kennen sich die wenigsten. Sie wohnen alle in der Nähe des Militärstützpunkts, gehen noch zur Schule oder arbeiten bereits – in jeder Hinsicht ein Querschnitt der französischen Gesellschaft.

Die blonde, zurückhaltend wirkende Lison möchte später vielleicht Jura studieren. Mit dem Militär hatte sie bislang wenig Berührungspunkte. „Das ist nicht unbedingt etwas, das mich interessiert“, sagt sie. „Wir hatten das Thema auch schon in der Schule. Aber zurzeit sehe ich mich eher nicht in dem Bereich.“ Beim Schießen macht sie sich jedoch gut.

Auch dem 16-jährigen Kevan fällt das Zielen leicht. Kann er sich eine Militärlaufbahn oder den freiwilligen Wehrdienst vorstellen? „Ich weiß es noch nicht“, gibt er zu. „Ich warte den Tag erstmal ab, um zu sehen, was er mir so bringt.“

Ohne Teilnahme kein Führerschein und keine Uni

Zunächst bringt er so etwas ähnliches wie Schule, nämlich einen Französischtest. Wer hier durchfällt, bekommt in Einzelgesprächen Vorschläge für eine berufliche Laufbahn. Bei der Armee – aber auch anderswo.

Der „Tag der Verteidigung und Bürgerpflicht“ ist ein Muss für alle Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter von 16 bis 25 Jahren, Frauen wie Männer. Ohne das entsprechende Zertifikat kann man beispielsweise keinen Führerschein machen oder sich nicht an der Uni anmelden.

Frankreichs Armee setzt mit diesem Praxistag darauf, neue Leute zu gewinnen. Eingeführt wurde er schon 1998 im Zuge der Abschaffung der Wehrpflicht, vergangenes Jahr dann wurde er überarbeitet, um mit mehr Praxis-Elementen ein realistischeres Bild von der Armee zu vermitteln.

Im September führt Frankreich nun einen freiwilligen zehnmonatigen Wehrdienst ein. Für die 3.000 Plätze in diesem Jahr gab es bereits 5.000 Bewerbungen. In den kommenden Jahren möchte Frankreich so die Zahl seiner Reservisten drastisch erhöhen.

„Erklären, was wir in diesem geopolitischen Kontext tun“

„Das Image unserer Armee ist recht positiv“, sagt Karin Diaz-Gonzalez, Regimentskommandeurin im Fort de Montrouge. „Aber die aktuelle geopolitische Lage ist besorgniserregend. Da ist es natürlich wichtig, sich neu auszurichten und unseren Jugendlichen genau zu erklären, was wir in diesem geopolitischen Kontext tun.“

Dafür gibt es ein eigens für diesen Tag entworfenes Strategiespiel. Die Jugendlichen stehen um einen Tisch mit einer Weltkarte. Markiert sind alle Orte, wo Frankreichs Armee präsent ist. Ein Kommandant schildert verschiedene Krisenszenarien – von einem Taifun über Terrorgefahr für französische Staatsbürger im Nahen Osten bis hin zu einem drohenden atomaren Konflikt mit Nordkorea.

Die Gruppe soll anhand verschiedener Kärtchen und Figuren entscheiden, was jeweils zu tun ist. Verhandeln? Militärisch eingreifen? Wenn ja, mit welchen Mitteln? Alle beteiligen sich ernst und konzentriert. Anders als im wahren Leben sind die Konflikte nach einer Stunde gelöst.

Erklärung durch Einheit für Inlandseinsätze

Beim Mittagessen ist das Eis unter den Jugendlichen endgültig gebrochen. Es gibt Militärrationen, wahlweise mit Fleisch oder vegetarisch. Lison, Kevan und die anderen wärmen ihre Gerichte in Plastikbeuteln mit Heizpad auf. Der eine oder andere Beutel explodiert dabei unter großem Gelächter.

Nach der Pause erklären Soldaten der Opération Sentinelle, wie sie Frankreich unter anderem vor Terror schützen. Es gibt diese Einheiten seit den Anschlägen 2015 auf die Redaktion von Charlie Hebdo und die Konzerthalle Bataclan. Die Polizistinnen und Soldaten zeigen ihre Waffen, die Jugendlichen dürfen die schweren Westen anprobieren. Plus Gewehr und Rucksack kommen rund 30 Kilo an Gewicht zusammen. Auch das ist Militäralltag.

„Bereit, im Ernstfall zu verteidigen?“

Bei einer Umfrage am späten Nachmittag sollen die Jugendlichen an einer Stelle beantworten, ob sie bereit wären, ihr Land im Ernstfall zu verteidigen. Kevan tut sich damit schwer: „Ich habe ‚Ja‘ gewählt. Aber ich will nicht lügen, denn ich bin ja nicht in der Situation. Daher ist es leicht, eine Antwort zu geben, wenn man es nicht durchmacht“, sagt er.

Lison zieht insgesamt ein positives Fazit: „Ich persönlich habe heute viel gelernt. Mir war beispielsweise nicht bewusst, dass Frankreich über all diese Ressourcen verfügt, die im Falle eines Angriffs oder Ähnlichem mobilisiert werden können.“ Zum freiwilligen Wehrdienst wird sie sich aber wohl nicht melden.

Zum Schluss erhalten alle ihr Zertifikat. Es ist nur ein Tag, aber er regt junge Französinnen und Franzosen zum Nachdenken an: über ihre Heimat, die Weltlage und auch die eigene Zukunft.

Diese und weitere Reportagen sehen Sie im Europamagazin – am Sonntag um 12.45 Uhr im Ersten.

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