24.06.2026 | 04:55 Uhr
FIFA-Präsident Infantino beteuert, es gehe bei den neuen Trinkpausen nur um den Sport. Doch Trainer, Spieler und Fans erleben, wie Werbeblöcke das Spiel verändern. Worum geht es wirklich?
Gerade noch ist Panama gegen Kroatien angerannt, hat beinahe den Ausgleich erzielt, dann ist es vorbei. „Panama wird diese Pause nicht mögen“, ruft der Kommentator John Strong noch hinterher, dann hat auch er Pause.
Es gibt kein Entkommen mehr. Bei jedem WM-Spiel schallen rund um die neu eingeführten Trinkpausen in der ersten und zweiten Halbzeit gellende Pfiffe in den Stadien. Beim übertragenden US-Sender Fox bewirbt USA-Kapitän Christian Pulisic Kreditkarten, David Beckham hält sein Gesicht für eine Baumarktkette hin und hält sich auch sonst schadlos. Er ist überall. Manchmal ist nach dieser Dauerbeschallung vergessen, was gerade überhaupt passiert ist. Das geht den Zuschauern so und auch den beteiligten Mannschaften. Für die beginnt das Spiel von vorne, oftmals wechselt das Momentum.
Massiver Eingriff
Kurzum: Die Trinkpausen sind der größte Eingriff in das Fußballspiel seit mindestens der Einführung der Rückpassregel im Jahr 1992. Noch gibt es sie nur bei dieser WM, doch die Tür für eine Ausweitung auf andere Wettbewerbe steht sperrangelweit offen. Zu lukrativ erscheinen die neuen Einnahmemöglichkeiten. Mehr Geld fließt in den Markt, die Sendeanstalten können die teuren WM-Rechte besser vermarkten. Das dürfte auch bei dann anstehenden neuen Rechteverhandlungen eine Rolle spielen.
FIFA-Präsident Gianni Infantino hat sich nun in einem Communiqué entschieden gegen den Vorwurf der Geldmacherei gewehrt. Der Weltverband verdiene „absolut nichts“ an den Trinkpausen, teilte er mit. „Für die FIFA ergeben sich keine zusätzlichen Einnahmen, da alle kommerziellen Verträge bereits lange im Voraus unterzeichnet wurden“, zitierte die FIFA ihren Präsidenten: „Uns geht es nicht ums Geld, uns geht es ausschließlich um den Sport.“
Die dreiminütigen Trinkpausen unterteilen die Spiele effektiv in vier Viertel. Während der im Stadion von einem Sponsor präsentierten Werbepause rufen die Trainer ihre Spieler zusammen, die Betreuer reichen Getränke, und neue taktische Anweisungen werden ausgegeben.
„Vielleicht, vielleicht auch nicht“
In der Hitze des nordamerikanischen Sommers schöpfen die Spieler in den nicht überdachten Stadien neue Kraft und kommen in den überdachten Arenen runter. Dabei macht es aus Gründen der Wettbewerbsgleichheit keinen Unterschied, in welchem Stadion gespielt wird. Alle Trainer und alle Mannschaften sollen dieselben Bedingungen haben.
Schon oft wechselte nach dieser Pause das Momentum. Am vergangenen Wochenende kamen die bis dahin hoffnungslos unterlegenen Schweden bei ihrem 1:5 gegen die Niederlande im klimatisierten Stadion in Houston erstmals ins Spiel, schoben ihre Kette nach vorne. Sie waren dicht an einer Wende.
Die Wende gelang zum Beispiel Brasilien im ersten Gruppenspiel gegen Marokko zumindest in Teilen. Die Nordafrikaner hatten kurz vor der Viertelpause zum 1:0 getroffen, kurz danach stand es durch einen Treffer von Vinícius Júnior 1:1. Die Seleção war bis zur Unterbrechung chancenlos gewesen.
Infantino vermutet, dass die hohe Intensität der Spiele bei dieser WM auf die Einführung der Trinkpausen zurückzuführen ist. „Bis zur letzten Sekunde einer Partie wird angegriffen. Und vielleicht, vielleicht aber auch nicht, ist das auch auf diese kleine Pause für die Spieler zurückzuführen.“
„Verändert Charakter des Spiels“
Die Trinkpausen sind auch bei den Akteuren dieser WM nicht unumstritten. Zwar freuen sich alle Trainer über die neuen Eingriffsmöglichkeiten, doch selbst sie sind höchst erstaunt, was diese mit dem Spiel machen.
Exemplarisch dafür steht England-Trainer Thomas Tuchel. „Es unterbricht und verändert den Rhythmus des Spiels mehr, als ich gedacht habe“, sagte der Deutsche vor dem 0:0 der Three Lions gegen Ghana auf die Unterbrechungen angesprochen. „Es unterteilt das Spiel quasi in vier Viertel, das verändert schon den Charakter eines Fußballspiels.“
Als Trainer möge er die Unterbrechungen, „weil ich Einfluss nehmen kann“, sagte Tuchel. „Aber als Liebhaber des Fußballs fände ich es besser, wenn durchgespielt wird.“ Die Liebhaber des Fußballs aber sind in den obersten Etagen schon länger nicht mehr zu finden.
Verwendete Quelle: ntv.de
