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Politik

Geplante Reform zu Krankschreibung auch in Koalition umstritten

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 4, 2026Keine Kommentare3 Minuten Lesezeit
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Stand: 04.07.2026 • 15:30 Uhr

Gegen die Reformpläne zur Krankschreibung gibt es viel Protest. Zunächst vor allem von Gewerkschaften und Ärzten- aber nun regt sich auch Kritik aus Kreisen der schwarz-roten Koalition.

Die Pläne der schwarz-roten Koalition zur Reform der Krankschreibung bleiben hoch umstritten. Nun äußern sich auch Politiker aus Union und SPD kritisch. So rät etwa der Vorsitzende des CDU-Arbeitnehmerflügels (CDA), Dennis Radtke, dazu, diese Pläne noch einmal zu überdenken.

Dem Magazin Spiegel sagte er, der politische Streitwert scheine in keinem gesunden Verhältnis zu den vermeintlichen Verbesserungen zu stehen. Das „gute Gesamtpaket“ der Koalition werde nun unter den Debatten über die Krankschreibung ab dem ersten Arbeitstag begraben.

Auch die bayerische Gesundheitsministerin Judith Gerlach von der CSU äußerte sich skeptisch zu den Plänen: „Die telefonische Krankschreibung abzuschaffen, bringt nur zusätzliche Bürokratie“, sagte sie dem Radiosender Antenne Bayern. Nur rund ein Prozent der Krankschreibungen erfolge telefonisch. „Das heißt, der Gewinn ist relativ überschaubar.“

Gerlach kritisierte auch die verpflichtende Krankschreibung ab dem ersten Tag. Es brauche ein Konzept „mit Maß und Ziel“, das die Praxen nicht überfordere. „Zukünftig kommt ohnehin mehr auf die Hausärzte zu, dort werden mehr Leute einen Termin benötigen. Jetzt ein System noch aufzubürden, das noch mehr Wandel in die Praxen bringt und noch mehr Patientinnen und Patienten, halte ich für falsch.“

Auch der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Stefan Schwartze von der SPD, sieht die Pläne der Koalition kritisch. „Das Aufsuchen einer Arztpraxis ist bei vielen Krankheitsbildern eine unnötige Belastung für alle und erhöht die Ansteckungsgefahr“, sagte er den Zeitungen der Funke-Mediengruppe.

Sind die Deutschen häufiger krank als früher oder nur häufiger krank gemeldet?

Von Kirsten Girschick, ARD-Hauptstadtstudio
Beides. Laut Daten der Betriebskrankenkassen (BKK) stiegen die gemeldeten Arbeitsunfähigkeitstage (AU-Tage) pro versichertem Beschäftigten von 18 Tagen im Jahr 2016 auf 22 Tage. Ein Teil dieses Anstiegs, Experten schätzen circa 40 bis 60 Prozent, lässt sich darauf zurückführen, dass die eAU, also die elektronische Arbeitsunfähigkeitsmeldung seit 2022 Pflicht ist. Damit werden alle Krankmeldungen automatisch von den Arztpraxen an die Krankenkassen geschickt, früher haben die Versicherten das häufig vergessen.

Der restliche Anstieg lässt sich durch eine tatsächlich höhere Krankheitslast erklären. Krankmeldungen etwa wegen Atemwegserkrankungen stiegen nach 2021 sprunghaft an und verharren seitdem auf hohem Niveau. 2016 waren es noch 2,7 Krankentage pro beschäftigtem Versicherten, 2024 bereits 4,4 Tage. Ein Grund dafür ist Covid-19, eine Krankheit, die es vor 2020 noch nicht gab.

Von den Krankenkassen nicht erfasst werden übrigens alle Krankmeldungen, die nur aus einem Anruf beim Arbeitgeber bestehen. Allerdings: Manche Arbeitgeber verlangen bereits ab dem ersten Krankheitstag eine AU-Bescheinigung. Bei einer Umfrage des IGES-Instituts für die DAK gaben 63 Prozent der Arbeitnehmer im Jahr 2024 an, dass sie sich immer mit einer ärztlichen Bescheinigung krankmelden. 2015 waren es nur 53 Prozent.

Und: Ob ein Arbeitnehmer tatsächlich krank ist, oder nur so tut, fließt in keine offizielle Statistik ein. Bei der oben erwähnten Umfrage gaben 92,2 Prozent der Beschäftigten an, dass sie nie „blaumachen“, 7 Prozent tun es eher selten.

Mit den geplanten Regeln sei zu befürchten, dass sich „künftig noch mehr Arbeitnehmende krank zur Arbeit schleppen, nicht genesen und letztendlich aufgrund langwieriger Verläufe mehr Krankheitstage aufweisen“, sagte Schwartze. Er forderte die Politik auf, digitale und telemedizinische Angebote weiter auszubauen.

Ähnliche Bedenken äußerte der Ökonom Daniel Graeber vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Eine Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag könne zu mehr Praxisbesuchen führen und Ansteckungsrisiken in Wartezimmern erhöhen. „Sollte dies dazu führen, dass Menschen trotz leichter Infekte an den Arbeitsplatz gehen, könnten Ansteckungen am Arbeitsplatz am Ende zu mehr Fehltagen führen, als wenn diese Beschäftigten einfach zu Hause geblieben wären“, warnt Graeber.

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