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Politik

Pilotprojekt für junge Arbeitslose: Ein Ausweg aus dem Teufelskreis?

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 4, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Stand: 04.07.2026 • 15:34 Uhr

Abwertung, Misserfolg und Rückzug: Wenn junge Menschen in die Arbeitslosigkeit abrutschen, kann ein Neuanfang schwierig sein. In Pirmasens soll ein Pilotprojekt helfen – mit Strafen in der Hinterhand.

Sandra Biegger

Die Kleinstadt Pirmasens im Westen von Rheinland-Pfalz war lange Zeit die deutsche Schuhmetropole. In den 1960er-Jahren gab es hier bis zu 350 Schuhfabriken, jeder zweite in Deutschland verkaufte Straßenschuh kam von hier. Günstige Importe und die Verlagerung der Produktion in Niedriglohnländer sorgten von den 1970er-Jahren an jedoch für Massenentlassungen, noch heute liegt die Arbeitslosenquote in der Stadt bei 12,1 Prozent. Bundesweit betrug die Quote im Juni 6,2 Prozent.

Pirmasens gilt als eine der ärmsten Städte Deutschlands. Viele Kinder und Jugendliche leben in Familien, in denen seit Jahrzehnten niemand Arbeit hat.

Allein das Netzwerk „Pakt für Pirmasens“ betreut aktuell 1.500 Kinder und Jugendliche unter 20 Jahren. Ehrenamtliche des Netzwerkes versuchen ihnen Werte wie Pünktlichkeit und Verlässlichkeit zu vermitteln und eine feste Tagesstruktur zu geben – durch gesunde Mahlzeiten, Hausaufgabenbetreuung und Alltagsbegleitung.

Wer arbeiten kann, soll arbeiten

Ein ähnliches Ziel verfolgen Stadt, Jobcenter und Agentur für Arbeit auch mit dem neuen Pilotprojekt „Arbeit. Pflichten. Perspektiven“. Dabei sollen junge Arbeitslose „mit verfestigter Verweigerungshaltung zu gemeinnütziger Arbeit verpflichtet werden“, erklärt der Geschäftsführer des Jobcenters Pirmasens, Peter Schwarz.

Konkret geht es dabei um junge Menschen unter 25, die gesund sind, Grundsicherung beziehen, weder arbeiten noch Schule, Praktikum, Ausbildung oder Ähnliches machen – und daran auch nichts ändern wollen. Die Stadt zählt zu dieser Gruppe aktuell 60 Personen. Diese würden beispielsweise weder zu verpflichtenden Terminen erscheinen noch Hilfs- oder Arbeitsangebote annehmen.

Kürzungen als letztes Mittel

Von 1. September an sollen diese jungen Menschen nach dem Willen der Stadt unter anderem öffentliche Grünanlagen pflegen, im Wald oder Sozialkaufhaus arbeiten. 20 Stunden die Woche, mindestens sechs Monate lang. Ein Sozialarbeiter steht ihnen dabei zur Seite. Wer mitmacht, bekommt unter anderem zwei Euro zusätzlich die Stunde zur Grundsicherung hinzu.

Peter Schwarz vom Jobcenter Pirmasens betont, den Projektverantwortlichen sei es wichtig, dass die jungen Menschen eine Arbeit mit Mehrwert verrichteten. Die Hoffnung dahinter: Die Teilnehmenden erleben Arbeit nicht als Zumutung, sondern als etwas Sinnstiftendes. Und machen in der Folge eine Ausbildung, einen Sprachkurs oder einen Schulabschluss.

Ausschließlich auf Eigenmotivation vertrauen will man in Pirmasens allerdings nicht: Wer nicht zur Arbeit erscheint, wird vom Sozialarbeiter zuhause abgeholt. Wer sich auch dem widersetzt, dem könnte die Grundsicherung gekürzt werden. Das sei aber wirklich das letzte Mittel, betont die Geschäftsführerin der Arbeitsagentur Kaiserslautern-Pirmasens, Martina Sarter.

„Erspart dem Sozialsystem enorme Kosten“

Ein vergleichbares Projekt gab es bereits im Landkreis Nordhausen in Thüringen. Von den 68 Teilnehmenden dort haben offiziellen Angaben zufolge sechs anschließend eine reguläre Beschäftigung aufgenommen. 36 junge Menschen hätten die Mitarbeit verweigert, zehn gelten mittlerweile als arbeitsunfähig.

Der Landrat von Nordhausen, Matthias Jendricke (SPD) räumt ein, er habe es sich anfangs einfacher vorgestellt, junge Menschen zu aktivieren. Gleichzeitig sagt er aber auch: „Schon ein Jugendlicher, den wir erfolgreich in eine Beschäftigung bringen, erspart dem Sozialsystem auf lange Sicht enorme Kosten.“

Kritik an Projekten

Es gibt aber auch Vorwürfe gegen Pilotprojekte wie in Nordhausen und Pirmasens. Kritiker sprechen in dem Zusammenhang häufig pauschal von „Zwangsarbeit“.

Heinz Müller vom Institut für Sozialpädagogische Forschung in Mainz hingegen plädiert für eine differenzierte Sichtweise. Problematisch fände er zwar die Haltung: „Wer sozialstaatliche Leistungen erhält, muss sie auch ‚abarbeiten‘.“ Er warnt auch davor, Jugendliche, die sich verweigerten, per se als „faul“ zu brandmarken. Hinter solchem Verhalten steckten oft tiefere Probleme wie zum Beispiel lange Erfahrungen von Scheitern, instabile Lebenslagen, Suchtprobleme.

Müller sagt aber auch: Wenn den Teilnehmenden – auch mittels Sanktionen – vermittelt werden könnte, dass sie gebraucht werden, dass ihre Arbeit wichtig ist, bestehe die Chance, den Teufelskreis aus Abwertung, Misserfolg, Rückzug und Perspektivlosigkeit zu durchbrechen.

Ein Allheilmittel sieht Müller in solchen Projekten jedoch nicht. Es könne nur ein pädagogisches Instrument von vielen sein, alle junge Menschen werde man mit keinem erreichen. Aber: „Jeder junge Mensch, der über sein solches Projekt wieder Tagesstruktur entwickelt, Selbstwirksamkeit erlebt, einen Schulabschluss nachholt, eine Ausbildung beginnt oder überhaupt wieder Anschluss findet, ist ein Erfolg.“

Das sieht auch der Pirmasenser Oberbürgermeister Markus Zwick (CDU) so. Er verbindet mit dem Projekt die Hoffnung, dass auch jungen Menschen aus schwierigen Verhältnissen eine echte Perspektive für ihr Leben entwickeln könnten. Davon – so sein Wunsch – könnte dann zumindest mittelfristig auch das überschuldete Pirmasens profitieren, weil die Sozialausgaben sinken. Nach zwölf Monaten wollen die Verantwortlichen Bilanz ziehen.

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