Die Grünen beraten auf Rügen über ihre Wahlkampfstrategie für Ostdeutschland. Dort hat die Partei einen schweren Stand. Mit Wohnmobil-Tour und Bratwürsten will man Vorurteilen entgegentreten.
Gut gelaunt fährt Grünen-Co-Chef Felix Banaszak mit einem Wohnmobil am Stadthafen Sassnitz vor. Die Kameras auf ihn gerichtet, die Hitze flimmert, von der Ostsee weht ein leichter Wind. Sein Ziel: Er will nahbar wirken für die ostdeutschen Wählerinnen und Wähler – und seine Partei, die Grünen, vor den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern wieder ins Gespräch bringen.
Hinter ihm liegt eine zweitägige Tour im weißen-roten Campingwagen durch Ostdeutschland, gemeinsam mit der grünen Spitzenkandidatin von Sachsen-Anhalt, Susan Sziborra-Seidlitz. Banaszak hat Campingplätze besucht, gegrillt und zum „Bier mit Banaszak und Suse“ eingeladen.
„Unters Volk mischen“
Viele von den Dauergästen auf den Campingplätzen haben mit den Grünen nichts zu tun, haben sie womöglich noch nie gewählt – aber seien dennoch neugierig, erzählt Banaszak. Die Neugierigen haben die Bratwurst einfach mitgenommen. „Leute, die gesagt haben, die Grünen sind eigentlich nicht meine Partei, fanden es erstmal positiv, dass wir zu ihnen gekommen sind und haben gesagt: Das brauchen wir eigentlich mehr, dass Politiker sich mal so unters Volk mischen“, sagt Banaszak.
Er greift dabei tief in die Trickkiste, fährt mit einer quietsch-grünen Schwalbe – einem typisch ostdeutscher Roller – über den Campingplatz, um besonders viel Aufmerksamkeit zu bekommen. In Stralsund kam auch die grüne Spitzenkandidatin Mecklenburg-Vorpommerns, Claudia Müller, dazu.
Bei den Grünen bleibt die Sorge: Der Wahlkampf in Ostdeutschland wird schwer. Andere Parteien wie die AfD, die CDU oder in Mecklenburg-Vorpommern auch die SPD dominieren die politische Bühne vor Ort. Auf ihrem Ostkongress auf der Insel Rügen entwickeln sie darum Strategien, sprechen über den Taylor-Swift-Effekt auf Social Media und trainieren in Workshops für den Wahlkampf im Osten. Raus aus der Berliner Politik-Bubble, heißt es in Sassnitz.
Grünen-Co-Chef Felix Banaszak präsentierte sich in Sassnitz „nah am Menschen“.
Welche Rolle die Grünen im Osten noch spielen
Es ist der Versuch der Grünen, irgendwie noch eine Rolle zu spielen bei den anstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Mit Vorurteilen der „grünen Verbotspartei“, der „Öko-Partei“, der Partei für „die Besserverdiener und den Großstädter“ aufzuräumen. Darum also der Camping-Wagen – um nah bei den Menschen zu sein und sich als Kümmerer darzustellen. Doch nehmen ihnen die Wählerinnen und Wähler das ab, wenn vor allem die westdeutsche Politik-Prominenz aus Berlin anrollt?
Die Ausgangslage in Ostdeutschland bleibt für die Grünen schwierig. Zuletzt sind sie in Brandenburg und Thüringen aus dem Landtag geflogen. In Sachsen haben sie es knapp in den Landtag geschafft. Auch bei den anstehenden Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern ist ein Wiedereinzug alles andere als sicher.
Von Anfeindungen zu Dialog
So mancher verband die Grünen zuletzt noch mit der Ampel-Regierungszeit und reagierte auf grüne Wahlkämpfer mit viel Unmut. Die grüne Kandidatin Susan Sziborra-Seidlitz bekam zu dieser Zeit noch Anfeindungen in Sachsen-Anhalt zu spüren. „Wir hatten Veranstaltungen, wo wir mit brennenden Treckerreifen empfangen wurden, und das war wirklich sehr, sehr schwer, auch Wahlkampf zu machen“, erzählt sie. Inzwischen habe sich die Stimmung komplett gewandelt. „Wir sind normaler Teil der Gesellschaft“, so Sziborra-Seidlitz. Gespräche seien wieder möglich, selbst politische Gegner blieben stehen, hörten zu.
Doch ob das reichen wird und die Grünen in Sachsen-Anhalt nicht im Kampf um Wählerstimmen zwischen AfD, CDU und SPD zerrieben werden, ist fraglich. Nach Umfragen von Infratest Dimap liegen die Grünen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern gerade mal bei vier Prozent.
Es geht den Grünen aber um mehr. „Die Räume, die demokratische Parteien gerade offen lassen, die werden am Ende eben auch von anderen gefüllt“, meint Grünen-Co-Chef Banaszak. „Darum ist es unsere Aufgabe, dass das gar nicht erst passiert.“ Gemeint sind damit die hohen Umfragewerte der AfD, die allein in Sachsen-Anhalt bei gut 40 Prozent liegen, in Mecklenburg-Vorpommern bei 30 Prozent.
Billiger Strom für Ostdeutschland?
Doch mit welchen Themen wollen sie diese Räume füllen und die Menschen überzeugen? Fragt man Claudia Müller, die grüne Spitzen-Kandidatin von Mecklenburg-Vorpommern, dann geht das zum Beispiel mit günstigerem Strom für das Bundesland. Die Wählerinnen und Wähler schauen auf Windräder, auf LNG-Terminals – das Thema Energie ist überall sichtbar. Müller nennt es „regionale Strompreisanreize“. Dort, wo erneuerbarer Strom produziert werde, soll es für die Menschen vor Ort auch günstiger sein.
„Momentan ist das eben nicht so“, sagt Müller. „Es ist immer noch nicht den Menschen zu erklären, warum sie nicht direkt davon profitieren, dass der Strom bei ihnen vor der Haustür produziert wird. Da wollen wir ran, weil das ist ein Gerechtigkeitsthema und auch ganz klar ein Thema für Wirtschaftsförderung.“
210 Teilnehmer nehmen am Samstag am Ostkongress in Sassnitz teil, um über die richtige Strategie für den Wahlkampf in Ostdeutschland zu diskutieren. Am Ende steht die so genannte Sassnitzer Erklärung. Dabei wollen sich die Grünen für bessere Bildung im ländlichen Raum stark machen. Am Sonntag versammeln sich die Grünen aus den Landesverbänden zum Länderrat, eine Art kleiner Parteitag. Auch dann wird es darum gehen, wie die Grünen noch „nah am Menschen“, vor allem in Ostdeutschland, sein können.


